100 Jahre Pfadfinderbewegung in Rumänien

Seit zehn Jahren hat auch Temeswar eine starke Pfadfindergruppe

Mittwoch, 31. Juli 2013

Gegen den Umweltschmutz: Die Pfadfinder von dem Temeswarer Verband „Licos“ säubern an Wochenenden Wälder. Hier nach einer Säuberungsaktion des Jagdwaldes

Erste Hilfe im Wald: Die Kinder und Jugendlichen lernen, worauf man im Wald aufpassen sollte und wie man im Falle einer Verletzung oder schweren Unfalls reagieren soll

Den Eid ablegen: Jeder Pfadfinder muss sich den Gesetzen und Prinzipien der Pfadfinder beugen. Diese reichen zurück zum Gründer Robert Baden-Powell

Als Robert Baden-Powell 1903 nach England zurückkehrte wurde er als Held gefeiert: Der Karrieresoldat wurde zum jüngsten Generalmajor der britischen Armee befördert und erhielt den Orden „Companion des Order of the Bath“ für die erfolgreiche Verteidigung der südafrikanischen Stadt Mafeking während der zweiten Burenkriege. Noch vor seiner Rückkehr in die Heimat, fand das Manuskript seines Buches „Aids for Scouting for N.C.O.s and men“ zurück nach Hause. Baden-Powell, ein fleißiger Schreiber, hatte es noch vor der Belagerung der Stadt Mafeking mit dem letzten Postsack nach England geschickt. Sollte er es nicht schaffen, die Themse ein letztes Mal zu sehen, so hoffte er zumindest das sein Buch in Londoner Bücherregalen landen würde. Denn Baden-Powell hegte schon lange einen Traum, eine Vision.

Kurz vor seinem Tod, vierzig Jahre nach dem zweiten Burenkrieg, hinterließ Baden-Powell einen Brief, darin schrieb er: „Der wahre Weg, das Glück zu erlangen, besteht darin, andere Menschen glücklich zu machen. Versucht, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, als ihr sie vorgefunden habt.“ Den Brief richtete der Veteran, der als Soldat die halbe Welt gesehen hatte, Krieg und elend überall im Britischen Empire mit eigenen Augen sehen durfte, an die Pfadfinder – Angehöriger einer Bewegung, die Baden-Powell um 1910 gegründet hatte. Sein Buch „Aids for Scouting“, dessen Manuskript ebenfalls den halben Erdball umkreisen musste, um nach London zu gelangen, wurde zur Bibel für die Pfadfinder, nicht nur aus England, sondern aus aller Welt und hat bis heute seine Gültigkeit behalten. Robert Baden-Powell wurde vom Soldaten zum Pädagogen, indem er eine alternative Erziehungsform für Kinder und Jugendliche schuf.

 

Heute gibt es weltweit über 42 Millionen Kinder und Jugendliche, die den Pfadfindern angehören. In fast allen Ländern der Welt gibt es mindestens einen Verband, der Baden-Powells Traum weiter fortleben lässt. Es sind rund 216 Länder in denen junge Menschen versuchen die Welt ein Stück besser zu machen durch Eigenbeispiel und -initiative.

Wer ein Pfadfinder sein möchte, verpflichtet sich gegenüber Dritten, sich selbst sowie einer höheren Macht. Hautfarbe, Herkunft sowie Glaubensrichtung und politische Orientierung spielen keine Rolle. Jeder wird aufgenommen, solange er den Prinzipien der Pfadfinder folgt. Dafür müssen Mitglieder einen Eid ablegen, das sogenannte Pfadfinderversprechen und die zehn Pfadfindergesetze befolgen. Heute werden diese Gesetze meist auf vier Leitlinien vereinfacht: Leben in Hoffnung, in Freiheit, in Wahrheit und in tätiger Solidarität.

In England wurde Robert Baden-Powells Buch schnell ein Bestseller. Besonders Jugendliche verschlangen es, weil der aus dem Krieg zurückgekehrte Berufssoldat als großer Held gefeiert und daher als Vorbild bewundert wurde. Überall spielten Kinder „Kundschafter“ nach den Vorgaben seines „Aids to Scouting“. Darum entschloss sich der Soldat, auf dem Brownsea Island im Süden Großbritanniens ein zehntägiges Ferienlager zu veranstalten. 22 Jungen aus verschiedenen sozialen Schichten nahmen daran teil. Damit es keine Unterschiede zwischen ihnen geben sollte, entschied sich Baden-Powells für einheitliche Uniforme, die die Kinder während der Zeit im Ferienlager tragen mussten. Das Ferienlager wurde zu einem Erfolg, woraufhin sich Baden-Powells entschloss sein Buch noch einmal zu überarbeiten und unter dem Titel „Scouting for Boys“ erneut zu veröffentlichen. 1908 entstand der erste Pfadfinderverband, die „Boy Scout Association“ und fast zeitgleich bzw. bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurden in zahlreichen Ländern ähnliche Verbände gegründet mit dem gleichen Ziel und nach den gleichen Leitlinien von Baden-Powells.

Das Pfadfinderfieber wütet auch in Rumänien

Die Pfadfinderbewegung schaffte es erst vier Jahre später nach Rumänien. 1912 erschienen die ersten Pfadfindergruppen. Weitere zwei Jahre sollte es noch dauern, bis der erste Verband entstand. Die reiche Naturlandschaft Rumäniens lockte viele junge Menschen zu den Pfadfindern mit dem Ziel, die Wälder auszukundschaften, Fährten zu legen und besonders der Natur nah zu sein. 1913 erforschte eine Gruppe von Pfadfindern völlig unabhängig die Bucegi-Gebirge. Als dann der Erste Weltkrieg ausbrach wurden die Pfadfinder – viele von ihnen besaßen Erfahrungen als Mediziner, Kundschafter und Boten – wichtige Stützen. Die Soldaten führten den Krieg, die Pfadfinder kümmerten sich um die Verletzten und um die Überbringung von Botschaften sowie der Erspähung und Auskundschaftung von Gebieten. Viele mussten im Krieg ihr Leben gegen. Heute steht in der Kleinstadt Tecuci im Kreis Gala]i ein Denkmal zu ehren derer, die für ihren Einsatz mit dem Leben zahlen mussten. Tecuci ist heute ein wichtiger Treffpunkt der rumänischen Pfadfinder. Jährlich werden dort Pfadfinderlager veranstaltet. Es reisen dann aus ganz Rumänien Kinder und Jugendliche in die Westmoldau, um erneut den Eid abzulegen, gemeinsame Aktionen zu veranstalten und den gefallenen Pfadfindern zu gedenken.

Der erste Pfadfinderverband wurde 1937 von König Karl II aufgelöst. Zur Zeit der Kommunisten gab es die sogenannten „Pioniere“ – eine Jugendorganisation, die von der Struktur der Pfadfinderbewegung glich, jedoch eine starke politische Rolle spielte.

Erst nach der Wende wurden Pfadfinderverbände wieder neugegründet. Die Tätigkeit wie in den Anfangsjahren nach den Prinzipien von Baden-Powell wieder aufgenommen. Es gibt heute insgesamt sieben Verbände in Rumänien. Davon ist die ONCR (Nationale Pfadfinderorganisation Rumäniens) die größte und mit der meisten Tradition. Es handelt sich hierbei eben um die Organisation, die 1914 gegründet und 1937 aufgelöst wurde. Auch die ungarische Minderheit besitzt einen eigenen Verband, zudem gibt es eine amerikanische Filiale des sogenannten Girl Scouts of USA in Bukarest.

Die meisten Filialen im Land besitzt die ONCR. Seit 2003 gibt es auch eine Filiale in Temeswar. Diese feiern auch in diesem Jahr hundert Jahre Pfadfinderbewegung in Rumänien, anlässlich der Erkundung der Bucegi-Gebirge.

Eine Dekade Pfadfinderbewegung in Temeswar

Es war der aus Deva gebürtige Pfadfinder Codreanu Mihai, der im Frühjahr 2003 in Temeswar die Pfadfindergruppe „Licos“ gründete. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Mitglieder auf 70 gewachsen. Die Gruppe besitzt mehrere Einheiten mit jeweils mehreren Truppen. Diese unterscheidet man nach Altersstufe: Es gibt eine Pfadfindereinheit bestehend aus zwei Patrouillen (14-16 Jahre alt), eine Ranger-Einheit die ebenfalls aus zwei Truppen zusammengestellt ist (16-25 Jahre alt) und es gibt zwei Wölflings-Einheiten (6-10 Jahre alt). Eine besteht aus drei Truppen und befindet sich in Voiteg/Voiteni, die zweite besteht aus fünf Truppen und befindet sich in Temeswar.

Das Hauptanliegen der Pfadfinder ist der Umweltschutz. Besonders heuer, da es hundert Jahre seit der Erforschung der Bucegi-Gebirge werden, veranstalten die Filialen der ONCR landesweit Aktionen, um die Städte sowie die Wälder und die Natur zu säubern. Jüngst wurde in Carasch-Severin ein Pfadfinderlager bei Sasca-Română organisiert. Die Pfadfinder haben die Ufer des Nera-Flußes gesäubert, den Wald erkundet und auch eine Reise bis nach Anina unternommen. Das ganze Jahr über fanden Projekte statt. Erste vor einigen Wochen haben die Kinder und Jugendlichen Müll aus dem Temeswarer Jagdwald entfernt. Auch die mit Graffitis beschmierten Straßenbahnen der Stadt, wurden an einem Wochenende von ihnen gesäubert.

Aktionen wie „Let’s Do it Romania“ sind auf Initiative der Pfadfinder in Temeswar entstanden oder sie unterstützten die Projekte. „Rumänien ist ein schönes Land. Es hat viel Natur, die es Wert ist, dass man sie bewahrt“, so Ion, einer der jungen Pfadfinder, der seit zwei Jahren mitmacht.

Was die Jugendlichen daran reizt, Pfadfinder zu sein, ist auch die entstehende Kameradschaft und Freundschaft. Anders als in den Anfangsjahren, als nur Jungen den Pfadfinder angehören durften, treten heute auch immer mehr Mädchen den Verbänden bei. Laut Călin Adrian, einem der Leiter der „Licos“-Pfadfindergruppe würden sie inzwischen über zehn Projekte im Jahr veranstalten. Die meisten auf den Naturschutz ausgelegt. Die zehn Pfadfindergesetze, die eins Robert Baden-Powell festgelegt hat, hätten nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Das größte Ziel bleibt bestehen, egal ob in Rumänien oder im Ausland, egal ob Mädchen oder Junge, Gläubig oder Atheist – als Pfadfinder möchte man die Welt verbessern und zwar indem man bei sich selbst anfängt und ein gutes Exempel statuiert.   

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