18. Internationales Deutschsprachiges Jugendtheaterfestival

Rund 150 Teilnehmer aus dem In- und Ausland weilten in Temeswar

Sonntag, 07. Mai 2017

Rund 150 Teilnehmer aus Kroatien, Serbien, der Ukraine, Ungarn und Rumänien kamen in der letzten Aprilwoche nach Westrumänien. In den fünf Tagen des deutschsprachigen Jugendtheaterfestivals standen Theateraufführungen (im Bild) und Schauspielworkshops auf dem Programm.

Die PEM-Methode erlaubt Künstlern, schnell und sicher in starke Emotionen ein- und aus diesen auszusteigen. Trainerin Kata Klug (Mitte im Bild) zeigte den Teilnehmern den Zugang zu den sechs Grundemotionen: Aggression, Glück, Trauer, Lust, Angst und Ekel, sowie ihre praktische Anwendung in Improvisation und Textarbeit.

Körperbezogene und energievolle Trainings sollten die Verbindung von Zentrum, Haltung und Körperspannung mit Atmung, Stimme und Bühnenpräsenz ergänzen. DSTT-Schauspieler Radu Vulpe vermittelte den Jugendlichen etwas aus seiner Erfahrung.

Sprechtrainig, Tanzen, Bewegung und Improvisation waren auch dabei.
Fotos: Zoltán Pázmány u. Gabriel Amza

Die letzten Tage der Frühlingsferien waren für einige Schülerinnen und Schüler sehr intensiv. Gefühle kamen zum Vorschein, neue Schauspieltechniken wurden erlernt und Schauspielerei den ganzen Tag über ausgeübt. Die 18. Auflage des Deutschsprachigen Jugendtheaterfestivals fand in der letzen Aprilwoche in der westrumänischen Großstadt statt und ließ Jugendliche unterschiedlicher Nationalitäten nach Temeswar reisen, um hier Theater in deutscher Sprache zu spielen.
Man würde glauben, dass während der Ferien in der Nikolaus-Lenau-Schule Ruhe herrschen sollte, doch auf den Fluren im ersten Stock des Gebäudes in der Gh.-Laz˛r-Straße ist Gemurmel zu hören. Auf dem Korridor stehen Tische mit kleinen Leckerbissen: Äpfel, Kekse und frisches Wasser warten auf die jungen Menschen. Um den Tischen versammelt tauschen sich die Festivalteilnehmer ganz begeistert über ihre bisherige Erfahrung aus: Das eine Mädchen hält ihre Hand auf dem Bauch und lacht laut. Der andere Junge macht vor seinen Kollegen eine Pirouette und bliebt posierend stehen. In den Räumen der Temeswarer deutschen Schule sind Schauspielworkshops angesagt. Sprechen oder Bühnenbewegung, Gefühle zum Ausdruck bringen und Tanzen – das und vieles mehr steht heute auf dem Programm. Die rund 150 Teilnehmer aus Kroatien, Serbien, der Ukraine, Ungarn und Rumänien sind an den vier Workshoptagen in Gruppen eingeteilt und bekommen wertvolle Tipps und Tricks, um ihre Schauspielkenntnisse zu erweitern.

Nun ist die Pause wieder um. Ganz schnell teilen sich die Teilnehmer in Gruppen auf und stürmen erneut in die Schulklassen und Räume zurück. Hier warten die Trainer auf sie. Schauspieler und Theaterpädagogen aus Deutschland und Rumänien weihen sie in die Schauspielkunst ein. Enikö Blénessy, Schauspielerin am Deutschen Staatstheater Temeswar (DSTT), hält einen Workshop über Spiel und Improvisation. Durch Spiele werden unterschiedliche Fähigkeiten wie Konzentration, Sprache, Vertrauen, Toleranz, Empathie, Fantasie trainiert. Weitere DSTT-Schauspieler versuchen, den Jugendlichen einiges aus ihren Schauspielgeheimnissen zu verraten: Dana Borteanu und Isa Berger lassen durch verschiedene Spiele die Sprach- und Schauspielkenntnisse ihrer Workshopbesucher ergänzen; die Schauspielerin, Theaterpädagogin und Leiterin der NiL-Theatergruppen und künstlerische Leiterin des Internationalen Deutschsprachigen Jugendtheaterfestivals Isolde Cobeţ versucht, durch Monologe und Szenen Schritt für Schritt den Weg der jungen Leute von der Probe bis zur Aufführung zu leiten. Auch der DSTT-Schauspieler Radu Vulpe möchte den Jugendlichen etwas aus seiner Erfahrung vermitteln. Innerhalb eines weiteren, sehr körperbezogenen und energievollen Trainings wird die Verbindung von Zentrum, Haltung und Körperspannung mit Atmung, Stimme und Bühnenpräsenz zusammenhängend erforscht.

Im Festsaal der Lenau-Schule gehen die Teilnehmer der Reihe nach auf die Bühne und stellen sich vor. Die Workshopbesucher müssen in einer neutralen Position sein, ganz wie sie selber sind, ohne dabei eine Trauer oder eine Verspannung aus ihrem Alltag mitzubringen. „Es ist furchtbar schwer, einfach neutral etwas auf der Bühne zu sagen“, sagt der DSTT-Schauspieler Konstantin Keidel. Der Künstler leitet einen Workshop, der als Ziel hat, das authentische Schauspiel zu fördern. „Was heißt eigentlich, authentisch spielen oder eine Rolle glaubhaft verkörpern? Wie spiele ich eine Rolle, die nichts mit mir zu tun hat oder die ich gar nicht mag? Wir suchen zusammen Wege, eine Rolle zu interpretieren oder etwas darzustellen und dabei die Maske fallen zu lassen, damit die Leute auf mich schauen und in mich hineinschauen können“, erklärt Konstantin Keidel den jungen Schauspielern. Die Maske fallen zu lassen war auch für Jaqueline Kohl schwer. Die Lenau-Schülerin macht seit drei Jahren in der Theatergruppe der Nikolaus-Lenau-Schule (NiL) mit und möchte auch weiter Schauspiel studieren. „Jeder Workshop ist für mich eine Herausforderung und hilft mir sehr in meiner künftigen Karriere“, weiß die Temeswarer Zehntklässlerin zu schätzen.

Aus einem anderen Raum in der ersten Etage der Schule hört man Musik. Hier wird getanzt. Kathrin Kroll kommt aus Berlin und ist Sozial-, Musik- und Tanzpädagogin. Nun ist die Pädagogin zum zweiten Mal in Temeswar beim Jugendtheaterfestival dabei. „Die Gruppe lernt, mit Improvisation, Tanz und Bewegung umzugehen. Wir nehmen unseren Körper wahr, so wie er ist. Wir nehmen den Raum wahr, individuell und in der Gruppe. Der Körper wird auch als Ausdrucksmittel wahrgenommen und über unsere gewohnten Alltagsbewegungen hinaus dürfen wir immer wieder was Neues entdecken“, sagt Kathrin Kroll. Auf eine Entdeckungsreise begibt sich auch die Gruppe nebenan. Die kleinste Gruppe von Teilnehmern wird vom deutschen Stimm- und Sprechlehrer aus Hamburg, Thomas Niese, geleitet. „Wer war eigentlich Nikolaus Lenau?“ ist die Frage. Dabei werden Texte des Schriftstellers, der der deutschen Schule in Temeswar ihren Namen gegeben hat, unter die Lupe genommen. Nikolaus Lenaus Gedichte erklingen im Saal, als Stimmtraining und Übung zur hochdeutschen Artikulation.

Die meisten Teilnehmer sind aber im Sportsaal der Schule zusammengekommen. Hier findet die Einführung in die Kunst der Emotion statt. Dieser Workshop ist eine Einweisung in die Perdekamp´sche Emotions-Methode (PEM). Diese erlaubt Künstlern, schnell und sicher in starke Emotionen ein- und aus diesen auszusteigen. Der Workshop zeigt den Zugang zu den sechs Grundemotionen: Aggression, Glück, Trauer, Lust, Angst und Ekel, sowie deren praktische Anwendung in Improvisation und Textarbeit. Kata Klug leitet diesen Kurs. Die Deutsche hat ihre Schauspielausbildung im PEM Center Hamburg abgeschlossen und ist aktives Mitglied im Ensemble des PEM- Theaters. Dabei versucht die Trainerin, den jungen Leuten eine Technik, die von Stefan Perdekamp in den 90er Jahren entwickelt wurde, beizubringen. „Stefan Perdekamp hat für jede Emotion ein passendes Organ gefunden. Diese Methode entsteht wirklich aus dem Körper. Aggression sitzt zum Beispiel in der Leber und Glück sitzt im Herzen. Wir versuchen einfach nur über Spannung und über Wärme diese Organe zu aktivieren und dann in die jeweilige Emotion zu kommen. Stefan sagt auch, Emotionen sind alles nur Handlungsmuster, d.h. wenn ich aggressiv bin, dann will ich was durchsetzen und vorwärts mit ganz großer Kraft dorthin gehen. Trauer ist, im Gegenteil, dafür da, um an etwas festzuhalten, etwas zurückzufordern, nicht zu verlieren, unbedingt zu behalten. Wenn man diese Handlungen in Körper und Emotion versteht, dann fällt es den jungen Schauspielern sehr leicht, sich auf diese großen Bewegungen einzulassen. Wir erzeugen diese Energie im Körper und setzen sie dann in große Energie um und versuchen die ganzen Muskeln, auch die Atmung, auch die Stimme und im Endeffekt sogar die Sprache darauf einzulassen“, erklärt Kata Klug die PEM-Methode.

Andrew Vynohradnyk kommt aus Tschernowitz, aus der Ukraine, und macht seit gut 17 Jahren Theater. Der PEM-Workshop war auch für ihn eine Neuigkeit. „Ich bin total begeistert, wie man mit verschiedenen Organen Gefühle ausdrücken kann. Es ist nun leicht für mich, von einer Emotion zur anderen überzugehen und am Ende klar im Kopf zu bleiben. Früher auf der Bühne musste ich irgend eine Erinnerung aktivieren, um in eine bestimmte Emotion einzusteigen“, sagt der Theaterbegeisterte und Mitglied der deutschsprachigen „Bukowiner Phöenix“-Theatergruppe.
Das Internationale Deutsch-sprachige Jugendtheaterfestival wurde dieses Jahr volljährig. Für die 18. Auflage des Festivals war auch diesmal volles Programm angesagt. Neben den Workshops, die Trainer aus dem In- und Ausland hielten, standen auch Aufführunegn der teilnehmenden Schülertheatergruppen auf dem Programm. Veranstaltet wird die Festwoche seit dem Jahr 2000 vom Nikolaus-Lenau-Lyzeum und der Theatergruppe NiL in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Staatstheater Temeswar.



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