1918: Der Höhepunkt der rumänischen Geschichte

Rückblick auf das Hermannstädter Gespräch zu Schulgeschichtsbüchern und dem Jahr 1918

Dienstag, 13. November 2018

Im Hermannstädter Spiegelsaal diskutierten Dr. Răzvan Părăianu, Dr. Manuela Marin, Winfried Ziegler, Raul Rognean sowie Prof. Dr. Hans-Christian Maner mit Aurelia Brecht (v.l.n.r.) zum Thema „Autobiografien der Nation: Schulgeschichtsbücher in Rumänien und das Jahr 1918“.
Foto: der Verfasser

Bereits im Sommer dieses Jahres wurde im Spiegelsaal des Forumshauses in Hermannstadt/Sibiu zum Thema „Autobiografien der Nation: Schulgeschichtsbücher in Rumänien und das Jahr 1918“ diskutiert. Die bilinguale Veranstaltung moderierte ifa-Kulturmanagerin Aurelia Brecht, auf dem Podium saßen Dr. Răzvan Părăianu, Dr. Manuela Marin, Winfried Ziegler, Raul Rognean sowie Prof. Dr. Hans-Christian Maner. Die vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) finanzierte Veranstaltung wurde vom Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt organisiert. Der Osteuropa-Experte von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Prof. Dr. Hans-Christian Maner, gab zum Einstieg in die Veranstaltung einen Vortrag zum Umgang der rumänischen Schulgeschichtsbücher mit dem Anschluss vormalig österreichisch-ungarischer Gebiete an das Königreich Rumänien.

Am 15. Oktober jährte sich die Krönung von Ferdinand I. zum König von Großrumänien. Besonders beachtet wurde dieses historische Ereignis weder in der rumänischen Politik noch in der rumänischen Öffentlichkeit. Die Konzentration gilt dem 1. Dezember. Einer der wenigen Beiträge kam vom Nachrichtensender „Digi24“. „Die im Jahr 1918 von Bessarabien, dem Buchenland und Siebenbürgen erklärte Vereinigung wurde über zwei Jahre militärisch und diplomatisch bestätigt. Für die Armee ging der Krieg 1919 weiter und die Friedensgespräche endeten erst 1920 in Paris. Und es waren weitere zwei Jahre notwendig, damit Rumänien, gleichzeitig mit der Krönung des Königs Ferdinand I. und der Königin Maria in Karlsburg/Alba Iulia feiern konnte“, hieß es dort. Maner erklärt zur „Großen Vereinigung“, dass sich in den Schulgeschichtsbüchern der Zwischenkriegszeit „in Bezug auf das Jahr 1918 im Allgemeinen und den 1. Dezember“ verschiedene Interpretationen finden lassen. Die Vereinigung von Siebenbürgen, dem Kreischgebiet, der Maramuresch und dem Banat mit dem Königreich Rumänien legte Ioarga auf den 2. Dezember 1918 fest. Diesbezüglich schrieb er, dass „(...) ein Rat des Volkes diese in Alba Iulia gemacht hat“, hält Maner fest und erklärt: „Die Versammlung gab es zuvor und den 1. Dezember 1918 hält Ioarga für nicht so relevant, um es für Schülerinnen und Schüler aufzuschreiben.“ Der Historiker und kurzzeitige Ministerpräsident überschrieb das entsprechende Kapitel in seinem Schulbuch „Geschichte der Rumänen“ (1931) mit: „Der Krieg für die nationale Einheit“. „Damit wird der Krieg bereits von Anbeginn mit einer klaren Zielsetzung verbunden“, erläuterte der Professor.

Ein trivialer Fakt, doch einer, dessen man sich stets bewusst sein sollte, ist, dass die Schulgeschichtsbücher der Zwischenkriegszeit durch ihre Nähe zu den Ereignissen des Jahres 1918 gekennzeichnet sind und die überwiegende Zahl der Autoren als Zeitzeugen geschrieben hat, erklärte Maner den rund 30 Zuhörern. Diese haben „das Symbol der Vereinigung noch nicht einhellig mit dem 1. Dezember 1918 verbunden, sondern auch mit der Krönung von Ferdinand I. und Maria in Karlsburg am 15. Oktober 1922. Erst als sich mit Beginn der 1940er-Jahre der Traum von Großrumänien verflüchtigte, erhielt der 1. Dezember eine zunehmende Bedeutung.“ Doch mit der Übernahme des Staates durch die Kommunistische Partei „verschwindet“ der 1. Dezember wieder, stattdessen tritt ein neues Ereignis in den Fokus: der Streik der Drucker am 13. Dezember 1918. „Es sind also soziale Proteste, die in den Vordergrund treten, entsprechend der Ideologie des Klassenkampfes. Die nationale Dimension wird völlig ausgeblendet“, erklärt Maner dazu. Erste nationalistische Andeutungen treten erst in den Lehrbüchern ab 1970 auf. In „Weltgeschichte der Neuzeit und der Gegenwart“ heißt es in Bezug auf den Anschluss von Siebenbürgen: „Diese Vereinigung war das Ergebnis des jahrhundertelangen heldenhaften Kampfes des ganzen rumänischen Volkes“. „Dieser Satz sagt sehr viel aus“, so Maner, „seine besondere Aussagekraft zeigt sich auch darin, dass er als einziger Satz kursiv gesetzt wurde.“ Es ist ein „klarer Bruch“ zu den bisherigen Darstellungen. In den weiteren Schulgeschichtsbüchern bis zur politischen Wende 1989/90 tritt der Nationalismus dann gänzlich in den Vordergrund, stellt Maner heraus. „Das Jahr 1918 wird mit triumphalen Begriffen umrahmt, die keine andere Interpretation mehr zulassen.“

Die anschließende Diskussion wurde geleitet von ifa-Kulturmanagerin Aurelia Brecht. Sie wollte von den Gesprächsteilnehmern zunächst wissen, in welchem Maße die Entstehung Großrumäniens eine Zwangsläufigkeit war, „auf welche laut der rumänischen Geschichtsschreibung seit Jahrhunderten hingearbeitet wurde.“ Dr. Manuela Marin erklärte dazu, dass der Mythos der Vereinigung der Rumänen in einem Staat schon im 19. Jahrhundert erscheint und keine moderne Erzählung ist. Diese Zwangsläufigkeit, die insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg propagiert wurde, ist ihrer Ansicht nach eine normale Reaktion der Entscheidungsträger, „die diese Einheit verstärken wollten, denn wir haben hier sehr verschiedene Provinzen, die versuchen, sich zu vereinigen.“ Weiterhin stellte die Doktorin der Geschichte fest, dass es – „neben dieser administrativen und gesetzlichen Vereinigung, was ein langjähriger Prozess ist, der 1918/1920 nicht vollendet war“ –  den Versuch der „kulturellen Vereinigung, der Unterstreichung der Gemeinsamkeiten“ gab. In diesem Zusammenhang verwies Marin auch auf die Feierlichkeiten zum 2050. Jahrestag der Schaffung des zentralisierten dakischen Staates durch Burebista, die 1980 im Bukarester Stadion „23. August“ begangen wurden. Dieser Zwangsläufigkeit widersprach Dr. Răzvan Părăianu von der Petru-Maior-Universität allerdings. „Wer ist gezwungen etwas zu tun? Wer hat wen gezwungen zum Nationalismus überzugehen? Wo ist da eine Zwangsläufigkeit? Am Anfang war es kein Nationalismus. Es war eine Art sozialistischer Patriotismus, die Nation wurde nicht wohlwollend gesehen in den 50er-Jahren. Wenn wir uns ansehen, wer schreibt und wo, war der Weltkrieg imperialistisch und böse. Ab 1954/55 kommen neue Autoren auf – Dumitriu Almaș oder Eusebiu Camilar, die beginnen, in den Militärzeitschriften zu publizieren. Das Militär war die erste Organisation, die in seiner Ganzheit verändert wurde. Nicolae Ceaușescu war der Generalsekretär des politischen Komitees der Armee, er schrieb nicht, aber er war der Vertreter dieser neuen Welle, der das Autochthone vertrat.“ Darüber hinaus hielt Părăianu fest, dass noch 1956 beide Narrationen vom Ersten Weltkrieg vertreten sind: „Der Erste Weltkrieg als imperialistischer Krieg, in dem Rumänien ein imperialistischer Staat ist, der in dem Krieg nichts zu suchen hatte und auf der anderen Seite die heldenhafte rumänische Armee – Mărășești, Mărăști, Oituz, Ecaterina Teodoroiu.“

Zum Ende der Podiumsdiskussion ging Prof. Dr. Hans-Christian Maner noch einmal auf eine Bemerkung aus seinem Vortrag ein, den 2. Dezember 1918. „Für mich war das erstaunlich, dass Iorga in seinem Schulbuch den 1. Dezember gar nicht erwähnt, sondern den 2. Dezember. Und dann kommt eben das, wovon hier auch die Rede war, der 1. Dezember und die Bilder, die wir im Kopf haben, aus den Schulbüchern nach 1945, mit den Massen, die in Karlsburg stehen. Das ist ein Bild, das sehr stark ab 1960 reproduziert und bis heute in den Schulbüchern abgebildet wird.“ Dazu stellte Maner ebenfalls fest, dass bei Schulbüchern, insbesondere wenn sie von Historikern geschrieben werden, die Reduktion eine zentrale Fragestellung ist: „Welches sind die Elemente, die drin bleiben müssen, und welche können außen vor gelassen werden.“ Für Nicolae Iorga war es eine kleine Elite, die sich in Karlsburg traf, so Maner. Abschließend fügte Dr. Manuela Marin zum Bild der Menschenmassen von Karlsburg noch an, dass „diese Idee, dass alle Menschen, ausgehend von den Entscheidungsträgern bis zur großen Bevölkerung die Einheit vertreten“, überholt ist. „Wir wissen, dass das nicht der historischen Realität entspricht.“

 

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