Annäherungen an die „geschichtliche Wahrheit”

Das Museum des Banater Montangebiets brachte einen monumentalen Sammelband „Banatica” heraus

Mittwoch, 30. Mai 2018

 

 

Wenn man´s schafft, über die Jahre die von Constantin Daicoviciu und Volker Wollmann initiierten „Banatica”-Sammelbände des Museums des Banater Montangebiets aus Reschitza (inzwischen sind es 27) zu durchschmökern, wird man nicht nur einen enormen qualitativen drucktechnischen Umschwung bemerken, sondern auch eine inhaltliche, qualitative und quantitative, Bereicherung, sowohl was die Palette der angesprochenen Themata betrifft, als auch hinsichtlich der inhaltlichen Tiefe und des Auf-den-Grund-Gehens der (diesmal rund 60) Autoren, die praktisch jederlei frühere ideologische und mentalitäre Tabus hinter sich gelassen haben und sich bemühen, sich redlich der „geschichtlichen Wahrheit” zu nähern.

Band 27 der „Banatica” ist der fünfte Hommage-Band in der Reihe. Nach den Klausenburgern Nicolae Gudea, Doru Radosav und Nicolae Bocșan sowie dem Grazer Harald Heppner wird hier der aus Mühlbach/Sebeș stammende und in Deutschland lebende Polyhistoriker Volker Wollmann zu seinem 75. Geburtstag geehrt, der dabei ist, seine monumentale vielbändige Bestandsaufnahme zur Industriearchäologie in Rumänien abzuschließen, der aber auch im Bereich der Museologie, der römischen Paläographie und der Industriegeschichte Herausragendes geleistet hat.

Unter den Autoren fallen einige Konsekrierte auf – u.a. Costin Feneșan, Alexandru Szentmiklósi, Z. K. Pinter oder Edit Szegedi – aber auch eine Reihe junger Forscher aus dem Mittel- und Hochschulbereich oder aus Museen und Forschungseinrichtungen, die offensichtlich den guten Ruf und die internaționale Anerkennung der „Banatica”-Reihe nutzen, um auf dem Weg der Konsekrierung zu punkten. Sie bringen durchaus frischen Wind in Ton und Haltung in die rumänische Geschichtsschreibung, was uneingeschränkt zu begrüßen ist. Der Reschitzaer Felician Velimirovici, der wohl auch eine gewisse Neigung hat, über die Philosophie der Geschichte nachzudenken, zitiert in dieser Hinsicht erst Mal dem rumänischen Vielschreiber und Polyhistoriker Nicolae Iorga, der 1921 auf den Wert der „Geschichte des Landes durch die Kleinen” hinwies, indem er die Geschichtsschreibung in „Makrogeschichte” (Welt-, Kontinental- oder Nationalgeschichte) und in „Lokal- oder Individualgeschichte” unterteilte und darauf hinwies, nur ja auf Letztere nicht zu verzichten. In neuerer Zeit und mit einem zeitgemässeren Vokabular spricht Jörn Rüsen von „makrohistorischen Strukturen” und von „mikrohistorischen Stationen und Lebensverhältnissen”. All das ist in diesem  Sammelband bestens illustriert.

Nach dem mit viel Wärme und hoher Kompetenz geschriebenen Hommageteil für Volker Wollmann – er selber eine interessante Illustration eines Historikerschicksals im 20.-21. Jahrhundert – für den der Herausgeber, Dr. Dumitru }eicu, als einen seiner letzten Beiträge vor seinem Krebstod, zeichnet, folgt ein (mit rund 300 Seiten) umfangreicher Archäologieteil (eine Rubrik, die in der „Banatica” Permanenzcharakter hat), in dem 23 Forscher Beiträge unterzeichnen, die sowohl jüngste Forschungsergebnisse von konsekrierten oder neuen Ausgrabungsstätten verzeichnen (und damit Bausteine für eine künftige Geschichte liefern), oder Ergebnisse und Notizen früherer Forscher analysieren und frisch ins Bewusstsein versetzen.

Auf den folgenden 480 Seiten „Geschichte/Historie” unterzeichnen 22 Autoren eine extrem vielseitige Palette von geschichtlichen Erkenntnissen, aber auch plausible Vermutungen – was unbedingt zur Geschichtsschreibung gehört. Auffallend ist dabei die Zuwendung zu Gender-Sichten, was zumindest für die rumänische Geschichtsschreibung neu ist.  Da geht es um „In sedes judiciaria. Frauen vor mittelalterlichen Banater Gerichtshöfen”(Ligia Boldea, Reschitza), um „Ein Mordfall, ein Prozess, eine Absetzung. Dispute siebenbürgischer Offizieller aus dem Banat von Karansebesch und Lugosch in der zweiten Hälfte des XVI. Jh.” (Adrian Magina, Reschitza), „Geschichte der Frauen – als Thema der rumänischen siebenbürgischen Publizistik in Siebenbürgen im 19. Jh.” (Georgeta Fodor, Neumarkt am Mieresch) oder um „Mode in der zwischenkriegszeitlichen Temeswarer Publizistik” (Minodora Damian, Temeswar).

Auffällt auch, dass es wieder zunehmend junge Historiker gibt, die Latein bzw. das mittelalterliche Latein beherrschen und sich souverän darin als Forscher bewegen (Ligia Boldea, Livia Magina, Adrian Magina) – früher gab es ""Fachleute” für römische Geschichte und Archäologie, die keine blasse Ahnung vom klassischen Latein hatten... . Und auffällt auch, dass es Forscher gibt, die sich auf gewisse Themata spezialisiert haben und fähig sind, immer Neues und weitere Kleinigkeiten zum Gesamtbild ihres Spezialbereichs beizusteuern (Costin Feneșan und der Bergbau und die Metallurgie des Banater Berglands, zum Beispiel).

Angenehm aber auch, festzustellen, dass es junge Forscher gibt, die mit den Instrumenten solide angeeigneter Geschichtskenntnisse und akribisch genutzten Forschungsmöglichkeiten hochaktuelle Themata der Gegenwart angehen, etwa den Fall des Securitate-Generals mit deutschen Wurzeln Wiliam Steskal (Absolvent von vier Grundschulklassen), der über die Korruption seiner untergeordneten Offiziere aus dem Landkreis Temesch stolpert – unklar ist, ob und wieweit er selbst korrupt war - und der, nachdem die korrupten Untergebenen degradiert oder aus der Securitate entfernt wurden, in einem akribisch beschriebenen Verfahren vor Nicolae Ceaușescu und dem Generalsekretariat der RKP abgeurteilt wird – aber mit einer vergleichsweisen milden (administrativen) Strafe davonkommt (ein Beitrag von Vasile Râmnean]u, Temeswar).

Am meisten fasziniert haben den Unterzeichner dieser Zeilen die Beiträge von Costin Fene{an über die Dispute vor Maria Theresia und dem Wiener Schatzamt im Vorfeld der Gründung der Reschitzaer Werke 1771, wo der aus dem Südbanat stammende und in Bukarest lebende Ausnahmeforscher und Absolvent der Temeswarer Lenau-Schule richtig spannend die archivarisch festgehaltenen Vorgänge des Für und Wider, aber auch die dahinter steckenden Interessen beschreibt, die zur Gründung der Werke an der Obenen Bersau geführt haben – oder das Hintertreiben wollten....

Am allerspannendsten aber schien mir der Beitrag von Felician Velimirovici (Reschitza) über einen meiner Bekannten aus frühen Lehrerjahren: Carol Loncear (1917-1991), dem in Deutsch-Bokschan geborenen Sohn des Mihai und der Irma, der es vom Schweißer zum Ingenieur, vom Arbeiter im Brückenbau zum Generaldirektor der Reschitzaer Werke und zum mehrmaligen Minister für Schwerindustrie und Werkstoffe brachte, aber, als 44jähriger, auch zum politischen Häftling und Zielobjekt zahlreicher Securitate-Spitzel, in Bukarest, Galatz (wo er nach seinem Sturz als Minister Dispatcher auf der Schiffswerft war), in Bokschan (wo er als Chefingenieur die Donaubrücke Giurgiu-Vadul Oii baute), wo er seinen Lebensabend als ewig das kommunistische Regime kritisierender Nörgler verbracht hat, der nicht müde wurde, jedem zu erklären, das, was man in den 1970er und 1980er Jahren in Rumänien erleben musste, sei „keineswegs das Ideal unserer von Kämpfen geprägten Jugend gewesen.”

 

Banatica 27/2017 – Hrsg. Museum des Banater Montangebiets/Dr. Dumitru Țeicu, MEGA-Verlag, Klausenburg. 2017, ISSN 1222-0612, 853 S., kartoniert, zu beziehen über das Muzeul Banatului Montan, 320151 Reșița, b-dul Republicii 10, office@muzeulbanatuluimontan.ro

 

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