25 Jahre danach

Rodica Binder und Florian Mihalcea über den Mauerfall und die Revolution in Rumänien

Donnerstag, 04. Dezember 2014

25 Jahre danach: eine Debatte mit Rodica Binder und Florian Mihalcea
Foto: Zoltán Pázmány

Gleich zwei historische Momente, den Mauerfall und den Fall des Eisernen Vorhangs, haben die zwei erfahrenen Journalisten Rodica Binder und Florian Mihalcea in der vergangenen Woche in einer Debatte in der Aula der Zentralbibliothek der West Universität Temeswar Revue passieren lassen und einer Analyse unterworfen. 25 Jahre nach den historischen Ereignissen, die Europas Geschichte änderten, versucht man Parallelen zu ziehen, Fragen zu beantworten, Zusammenhänge zu verstehen und an Geschehnisse zu erinnern. Drei Kurzfilme haben vor Beginn der Debatte die wichtigsten Momente des Mauerfalls und dann der Revolution in Rumänien unterstrichen: TV-Berichte der ARD von damals über die unbeschreibliche Freude beim Fall der Mauer und über Kanzler Helmut Kohl während seines Besuchs in Polen, dann der schauerliche Befehl „Es wird ohne Diskussion geschossen!“ auf dem rumänischen Fernsehsender TVR, schließlich Bilder mit der Lichtgrenze, die heuer im November den ehemaligen Umriss der Mauer markiert hat.

Parallelen

„Mit einigen Zurückhaltungen kann man wohl Parallelen ziehen, hatten doch die Demonstrationen in Leipzig 1989 einen Dominoeffekt ausgelöst, der in Rumänien den letzten Dominostein umgeworfen hat. Leider war die rumänische Revolution blutig, zum Glück waren die anderen Revolutionen friedlich“, erklärte Rodica Binder, Redakteurin der Deutschen Welle, und setzte fort: „Die Ergebnisse waren mehr oder minder zufriedenstellend. Als Rumänien das Sympathiekapital verpulverte, waren die Ergebnisse nicht mehr zufriedenstellend. Was die Rätsel um die Rumänische Revolution betrifft – auch heute noch besteht das Streben danach, diese zu lösen“.
Rodica Binder machte auf die „Ostalgie“ aufmerksam, die heute besteht, und auf Änderungen in der heutigen Welt: „Es gibt eine Nostalgie nach Sicherheit. Obwohl es eine von einem Gefängnis gegebene Sicherheit war. Die Welt war vor 25 Jahren bipolar: bequem für die einen, unheimlich für anderen. Heute ist die Welt multipolar“.

„Ostalgien“ und Reliquien

Florian Mihalcea, der Vorsitzende des Vereins „Timi-{oara“, unterstrich diese Nostalgien: „Reliquien des Kommunismus sind in der Welt bestehen geblieben. Neulich habe ich in der Lobby des Hotels ‘Timişoara’ das Wappen der Sozialistischen Republik Rumänien gesehen. Es wird in Ehren gehalten; es stand ganz einfach darunter geschrieben: das Wappen der RSR. Ich glaube, dass eben deshalb auch Nostalgien bestehen, weil die Sachen nicht beim Namen genannt wurden, weder von Historikern, noch von Politikern, und in den Schulen wurde nicht genügend aufgeklärt. In den Temeswarer Schulen wird im Unterricht nicht besonders hervorgehoben, dass die Revolution in Temeswar begonnen hat, es wird den jungen Generationen nicht ausreichend erklärt, was der Kommunismus bedeutet hat“. Die Menschen verarbeiten noch die Vergangenheit, auch wenn sich manches in der Perspektive verändert hat. Rodica Binder meinte dazu: „Auch in Deutschland stellt man sich Fragen, zum Beispiel: Ist die Mauer gefallen oder wurde sie niedergerissen?“

„Eine atypische Revolution“

Für Florian Mihalcea war die rumänische Revolution „eine atypische Revolution. Es gab 1990 eine Reihe von Gegenbewegungen. In Temeswar wurden die Ereignisse anders abgewickelt als in anderen Landesteilen. Die Wahlen waren frei, der Stadtrat und der Kreisrat waren nicht von der Front zur Nationalen Rettung FSN aufgestellt, man hat die Rolle der Verwalter der Stadt und des Kreises ernst genommen“. Das habe sich dann auch später erwiesen. Auch für Rodica Binder ist „Rumänien in der Reihe von Revolutionen ein trauriger Spezialfall gewesen. Die Konvulsionen haben viel zu lange gedauert. Die späte Erforschung des Securitate-Archivs hat ebenfalls dazu beigetragen, dass 25 Jahre später noch vieles unklar ist“.  Eine Analyse, die auch als Schlussfolgerung gelten kann, gab Florian Mihalcea ab: „Zur heutigen Wahrnehmung des Kommunismus in Europa haben zwei nicht verwirklichte Ziele entschieden beigetragen: Es fehlt zum einen die offizielle, allgemeine Verurteilung des Kommunismus auf Europaebene, zum zweiten ist der Versuch, ein internationales Strafgericht für den Kommunismus einzurichten, gescheitert. Eine offizielle Verurteilung des Kommunismus kam somit nie zustande“.
Dies hat zu den heute manchmal nicht mehr ganz kritischen Standpunkten, ja sogar zu Nostalgien geführt, zu einer Falle, in die manche Leute gefallen sind.

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