25. Siebenbürgischer Lehrertag: Interviews mit Vertretern von Hermannstädter Institutionen

Im Gespräch mit Reinhart Guib, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, und der Interims-Bürgermeisterin Astrid Fodor

Mittwoch, 04. November 2015

Die Lehrerinnen zu Besuch bei Bischof Reinhart Guib

Viele Fragen an die Interims-Bürgermeisterin: Lehrerinnen bei Astrid Fodor

Der 25. Siebenbürgische Lehrertag nach der Wende fand unter dem Titel „Wir sprechen Deutsch! Förderung der Sprach- und Sozialkompetenz durch fächerübergreifendes Arbeiten: Interviews mit Vertretern von Hermannstädter Institutionen“ am Wochenende 24.-25. Oktober 2015 in Hermannstadt mit insgesamt 148 Teilnehmern statt. Organisatoren waren die Schulkommission des Siebenbürgen Forums unter der Leitung von Helmine Pop, das Pädagogische Lyzeum (Colegiul Naţional Pedagogic „Andrei Şaguna”) und das Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium.
Da das Verbindende von Erzieherinnen und Lehrern aller Unterrichtsstufen und Fachrichtungen die Bereitschaft und auch Verpflichtung ist, sich nachdrücklich für den Spracherwerb und dann für die Entwicklung der Sprachkompetenz der Kinder und Jugendlichen einzusetzen, sollten sie als praktische Übung und Anregung für den nicht selten inhaltslastigen Unterricht die Rolle von Reportern übernehmen. Weil die soziale Komponente immer eine Priorität der Lehrertage war und bekanntlich das Lösen einer gemeinsamen Aufgabe Menschen am schnellsten näher bringt, wurden die Teilnehmer alphabetisch 16 Gruppen zugeteilt, die sich dann auch gleich nach der Eröffnungsveranstaltung im Päda zusammenfanden, um die Interviews vorzubereiten.

Zur großen Freude der Organisatoren waren alle angesprochenen Persönlichkeiten bereit, am Samstag, um 16 Uhr, Besucher an ihrer Arbeitsstelle zu empfangen. Demzufolge wurden Gespräche geführt mit (alphabetisch): Radu Creţulescu (Leiter des Zentrums für Lehrerfortbildung in Deutscher Sprache Mediasch), Kilian Dörr (Evangelischer Stadtpfarrer von Hermannstadt), Wiegand Fleischer (Geschäftsführer des Deutschen Wirtschaftsclubs Siebenbürgen), Astrid Fodor (Bürgermeisterin ad interim Hermannstadt), Reinhart Guib (Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien), Liana-Regina Junesch (Leiterin der deutschsprachigen Grundschul- und Vorschulpädagogik an der Lucian-Blaga-Universität), Hans Klein (Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt), Christine Manta-Klemens (Stellvertretende Generalschulinspektorin des Kreises Hermannstadt), Roger Pârvu (Geschäftsführer der Evangelischen Akademie Siebenbürgen), Daniel Plier (Leiter der Deutschen Abteilung am Radu-Stanca-Theater), Ortrun Rhein (Leiterin des Altenheims Dr. Carl Wolff), Gerhild Rudolf (Leiterin des Begegnungs- und Kulturzentrums Friedrich Teutsch der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien), Ada Tănase (Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Hermannstadt), Beatrice Ungar (Chefredakteurin der „Hermannstädter Zeitung“), Judith Urban (Leiterin des Deutschen Konsulats) und als Gast aus Deutschland Maria Rampelt, Grundschullehrerin und Schulleiterin, Workshopleiterin der Fortbildung Schwarzlichttheater im Großprojekt „Grüne Kirchenburg Hammersdorf“. Nach der für viele nicht ganz einfachen Verschriftlichung der Gespräche fanden die kurzweiligen Präsentationen aller Teams am Sonntagvormittag in der Brukenthalschule statt.


„Die deutsche Sprache ist nicht nur ein linguistisches Element, sondern eine große Gabe, ein großes Geschenk, durch das Werte vermittelt werden können.“
Interview von Teilnehmern des Siebenbürgischen Lehrertages mit Bischof Reinhart Guib



Reinhart Guib ist seit 2010 Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR). Das Gespräch führten Alexandra Schaller (Diemrich/Deva), Laura Schenker Arpătăceanu (Reps/Rupea), László Schindler und Gabriella Sillmann (Ungarn), Elke Schüller (Kerz/Cârţa), Annemarie Schmidt (Großpold/Apoldu de Sus), Corina Scurtu und Anca Solovastru (Zeiden/Codlea), koordiniert von Oana Secaş und Elena Troancă (Hermannstadt/Sibiu).

Welches ist die Struktur der evangelischen Kirche in Siebenbürgen und wie wird sie finanziert?

Es gibt drei Ebenen: Landeskirche, Bezirke und Gemeinden. Die Landeskirche, geleitet von der Landeskirchenversammlung, dem „Parlament“ der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, trifft wesentliche Entscheidungen über das geistliche, rechtliche und finanzielle Leben. Als Bischof bin ich der Vorsitzende des Landeskonsistoriums, welches 12 Mitglieder umfasst. Es gibt fünf Kirchenbezirke (Hermannstadt, Kronstadt, Mediasch, Mühlbach und Schäßburg), sowie fast 250 Gemeinden, einige selbstständig, andere Diasporagemeinden oder Gemeindeverbände. 90 Prozent der Mitglieder der Evangelischen Kirche leben in Siebenbürgen. Die Finanzmittel werden nur zu einem Drittel vom Staat für die Gehälter der kirchlichen Angestellten gesichert. Für den Rest und die anderen Ausgaben wie geistlicher und diakonischer Dienst, Verwaltung, Reparaturen u. a. müssen wir weitere Quellen finden. Die Kirche verfügt über ein gewisses Vermögen, weil ein Teil der Güter nach der Wende rückerstattet wurde, aber davon können wir unsere Ausgaben auch direkt nicht decken. Deshalb müssen wir Gebäude vermieten und Grund verpachten sowie Projekte durchführen, um alles zu finanzieren.

Welche Aufgaben hat ein Bischof?

Die Aufgaben des Bischofs sind vielfältig und in der Kirchenordnung festgehalten. Ich bin der Erste unter Gleichen. Der Bischof ist zuständig für die Pfarrer und leitet Gremien auf höchster Ebene. Ich sitze in vielen Vorständen, um die Kirche zu vertreten – als Ansprechpartner der politischen Partner, der Medien und verschiedener Organisationen. Ich vertrete die Kirche sowohl im Ausland als auch im Inland. Dabei muss ich das Wohlergehen der Kirchenmitglieder im Auge behalten.

Weshalb sollte ein Jugendlicher evangelischer Pfarrer in Siebenbürgen werden?

Ohne Berufungsbewusstsein sollte man diesen Weg nicht einschlagen. Man muss bedenken, dass man in der deutschen Gemeinschaft tätig ist, in der Gemeinde eine bestimmte Position hat, aber den Mitgliedern in jeder Lebenslage nahe stehen soll. Ein Pfarrer begleitet das Leben einer Person von der Wiege bis zum Grabe. Das bedeutet, die Menschennähe steht im Vordergrund. Die zukünftigen Pfarrer sollten den Schwerpunkt auf die Gottes- und Nächstenliebe legen und weniger auf die Besoldung, die der eines Lehrers gleicht.

Wie haben Sie diese Berufung für sich entdeckt?

Ich wollte etwas in deutscher Sprache studieren. Doch zu meiner Schulzeit war Theologie das einzige Angebot. Im Laufe der folgenden zwei Jahre ist mir bewusst geworden, dass dieses der richtige Weg ist. Ich bin gerne mit Menschen zusammen und setze mich für sie ein. Im Dienste der Menschen zu sein, empfand ich als meine Berufung.

Wie verbinden Sie das Bischofsamt mit der Familie?

Meine Familie ist sehr verständnisvoll und mit mir an meinen Aufgaben gewachsen. Obwohl ich oft auf Dienstreisen bin und weniger im Familienkreis sein kann, ist die Beziehung eng. Und ich kann immer mit der Hilfe meiner Frau rechnen, die mir bei meiner Arbeit eine große Stütze ist.

Haben Sie Informationen darüber, wie viele Pfarrer nach der Wende Siebenbürgen verlassen haben? Warum haben Sie sich dafür entschieden, in Rumänien zu bleiben?

90 Prozent der Pfarrer haben vor und mit der Wende das Land verlassen – von den damals 188, betreue ich nun insgesamt 38 Pfarrer und Pfarrerinnen in 242 Ortschaften, in denen 12.347 Seelen leben. Für mich stand es immer außer Frage, nicht im  Land zu bleiben, weil ich für meine Gemeinschaft in Siebenbürgen da sein wollte.

Wie setzt sich die evangelische Kirche für den Unterricht an den deutschen Schulen ein?

Wir haben uns vorgenommen, die Bildungseinheiten der deutschen Minderheit zu unterstützen. Wir haben die Vertreter der Schulen ins Bischofshaus geladen, um zu diskutieren, wie die Kirche mit den Lehrern besser zusammenarbeiten könnte. Dafür sensibilisieren wir innerhalb wie außerhalb der Kirche mit Vorträgen, Begegnungen, Ausstellungen. Ein Beispiel sind die Bildungsreisen in den deutschen Sprachraum, die in Zusammenarbeit mit der Siebenbürgischen Akademie organisiert werden. Die Schule braucht Hilfe und die Kirche kann auch helfen – logistisch, praktisch, finanziell. Auch stellen wir viele der rückerstatteten Schulgebäude für den deutschsprachigen Unterricht zur Verfügung. Traditionsgemäß gehören Schule und Kirche zusammen, eine Verflechtung, die auch in Zukunft gepflegt werden sollte, in die ich hoffnungsvoll blicke.

Was für Projekte bieten Sie Jugendlichen und Kindern an?

Nach der Wende haben wir uns hauptsächlich mit der Betreuung der Alten beschäftigt. Ab dem Jahr 2000 wurde der Schwerpunkt auf die Jugendarbeit gelegt, weil die Jugendlichen unsere Zukunft als Gemeinschaft darstellen. So haben wir für sie in den Großgemeinden und überregional durch das Jugendwerk der EKR verschiedene Aktivitäten organisiert, beispielsweise Zeltlager, Jugendcafés, Teenie-Clubs und Singfreizeiten. Es ist besonders wichtig, dass Kinder unterschiedlicher Herkunft, Konfession und Sprache zusammenkommen und die Freizeit sinnvoll verbringen.

Wie stellen Sie sich die deutsche Gemeinschaft in der Zukunft vor?

Deutsch ist in Europa die meistverbreitete Sprache und dadurch auch für unsere Gemeinschaft als Muttersprache ein wichtiges Merkmal unserer Identität. Die deutsche Sprache ist nicht nur ein linguistisches Element, sondern eine große Gabe, ein großes Geschenk, durch das Werte vermittelt werden können. Sie erweitert Horizonte und ist sicher für viele ein Sprungbrett nach Westeuropa. Allerdings hoffen wir, dass nicht alle diesen Weg wählen und sich viele auch dafür entscheiden, hier etwas aufzubauen, um die hiesigen Werte zu vermitteln, indem sie zuerst an die Gemeinschaft denken und dann erst an das eigene Wohl. Wenn man dieses Gemeinschaftsgefühl an die erste Stelle setzt, kann die deutsche Gemeinschaft erhalten werden.

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„Ich hatte in Klaus Johannis  einen sehr guten Lehrer im Rathaus“
Interview mit Astrid Cora Fodor,  der Bürgermeisterin ad interim von Hermannstadt


Das Gespräch führten Antal Grassalkovich, Fanni Örkenyi und Csilla Pinter (Ungarn); Alina Otgon, Daniela Paşcalău und Viviana Pântea (Mediasch); Elisabeth Pavel (Großpold/Apoldu de Sus) und Liliana Pîrvu (Diemrich/Deva), koordiniert von Carmen Reich-Sander (Hermannstadt/Sibiu).

Was hat es für Sie bedeutet, im letzten Jahr als Bürgermeisterin von Hermannstadt eingesetzt zu werden?

Es war für mich eine große Herausforderung, das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen. Vor allem ist mir die riesige Verantwortung bewusst geworden, da die Fußstapfen meines Vorgängers Klaus Johannis recht groß waren und es mein Wunsch war, die Arbeit in seinem Sinne weiterzuführen. Ich kannte die Arbeit des Bürgermeisters, da ich schon seit 2004 Stadträtin bin und seit 2008 das Amt der Vizebürgermeisterin innehatte. Der Wechsel in das Büro des Bürgermeisters machte mir nochmals bewusst, dass ich nun in der ersten Linie stehe und verantwortlich bin für alles, was in unserer Stadt passiert – auch für die Fehler der anderen. Ich war privilegiert, denn ich hatte in Klaus Johannis einen sehr guten Lehrer im Rathaus. Er hat mir weitgehende Verantwortlichkeiten übertragen und dabei habe ich viel gelernt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Welches sind Ihre Arbeitsschwerpunkte?

Ein Bürgermeister hat sehr viele Aufgaben: Straßenreparaturen, Parkplätze, kulturelle Veranstaltungen, Mitarbeiter, Wasserversorgung, Kanalisation usw. Besondere Schwerpunkte sind die effiziente Verwaltung und der korrekte Einsatz von Finanzmitteln. Ich unterschreibe Hunderte von Dokumenten täglich, deswegen ist mir das Vertrauen zu meinen Mitarbeitern sehr wichtig.

Welche Vorteile bringt Ihnen die Kenntnis der deutschen Sprache im Berufsleben?

Jede Fremdsprache bringt allgemein große Vorteile. In Hermannstadt ist Deutsch sehr wichtig, weil viele Unternehmer und Besucher aus dem deutschsprachigen Raum kommen. Man kann mit den Gesprächspartnern direkt, ohne Dolmetscher, kommunizieren. Das spart Zeit und es entsteht schnell ein Vertrauensverhältnis.

Welches sind Ihre schwierigsten Aufgaben?

Jeder Tag ist eine Herausforderung für einen Bürgermeister. Am wenigsten gefallen mir die öffentlichen Veranstaltungen, wo ich vor zahlreichem Publikum etwas Relevantes sagen muss. Ich informiere  mich vorher gründlich über das Thema, aber trotzdem bleibt das Sprechen vor vielen Leuten eine belastende Aufgabe für mich.

Wie ist die Zusammenarbeit des Bürgermeisteramts mit den Schulen organisiert?

Das Bürgermeisteramt ist der Verwalter der Schulgebäude über den sogenannten Schuldienst, welcher direkt dem Bürgermeister untergeordnet ist. Die Kooperation mit den Schulen läuft durch diese Dienststelle. Die Lehrkräfte sind dem Unterrichtsministerium über das Schulinspektorat untergeordnet.

Wie sehen Sie die Zukunft der deutschen Schulen in Rumänien?

Äußerst positiv, was die Schüler anbelangt. Den Kindern geht es sehr gut, sie bekommen gründliche Deutschkenntnisse mit, worüber Eltern begeistert sind. Das Problem liegt darin, dass es an Lehrkräften mangelt. Bis die Gehälter der Lehrer nicht wesentlich attraktiver werden, gibt es aber keine allgemein gültige Lösung dafür.

Finden Sie noch genügend Zeit für die Familie?

Nein! Ich sehe meine Söhne und meine Enkelkinder ziemlich selten, vielleicht einmal im Monat. Wir telefonieren aber täglich. Meine Söhne sind auch sehr beschäftigt. Sie arbeiten bis spät und verstehen mich deswegen ganz gut. Wenn man im Berufsleben Verantwortung übernimmt, muss man auf so manches verzichten, da man sonst nur halbe Sache macht.

Wie entspannen Sie sich?

Zum Beispiel beim Einkaufen im Internet. Für Literatur bleibt mir mittlerweile leider wenig Zeit, früher las ich täglich. Jetzt lese ich nur noch Zeitungen und die Zusammenfassungen der Presseagenturen.

Welches ist ihr höchstes Ziel?

Bürgermeisterin zu werden und diesem Amt zu entsprechen. Es ist eine gewaltige Aufgabe, aber wenn ich gewählt werde, will ich es auch weiterhin richtig machen.

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