50 Jahre Geschichte einer Stadt und ihrer Menschen

„Trilogia Corso“ von Daniel Vighi

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Bei der Buchvorstellung: Die Schriftsteller und Verleger Viorel Marineasa (im Vordergrund) und Daniel Vighi
Foto: Zoltán Pázmány

„Trilogia Corso“ (Die Korso-Trilogie) heißt das jüngste Werk des Temeswarer Schriftstellers und Hochschullehrers Daniel Vighi, das unlängst innerhalb des „Literarischen Samowars“ in der Aula der Zentralen Universitätsbibliothek „Eugen Todoran“ in Temeswar/Timişoara vorgestellt wurde. Der Roman versteht sich als „ein `Korso` der Geschichte Temeswars, ein Schlendern auf dem Korso der Geschichte dieses Jahres mit einigen Schicksalen, die aufs Korso gehen“, erläutert der Autor selbst die Titelauswahl. „`Korso` ist gleichzeitig auch eine Metapher für eine Temeswarer Gewohnheit und doch viel mehr“, so der Schriftsteller. „In den Provinzstädtchen gingen die Leute am Sonntag schön gekleidet auf dem Korso spazieren, um sich zu zeigen, sich zu begegnen, miteinander zu plaudern. Sich auf dem Korso zu zeigen, war eine Art Ausstellung, eine Präsentation der Menschen, die sich dort sahen und kannten“, fügt der Autor hinzu.
Früher spazierte auf dem „Korso“ die Elite Temeswars, auf dem „Surogat“ (Gegenkorso) hingegen die Jugendlichen und die Arbeiter, wobei die Schüler und die Soldaten nur mit Schulschein bzw. Freigangpass Zugang hatten. Eine Art soziale Trennung in der Zwischenkriegszeit und noch vor dem Ersten Weltkrieg, wie Daniel Vighi bemerkt. „Korso“ hieß die Promenade rechts von der Temeswarer Oper bis dorthin, wo heute die orthodoxe Kathedrale steht, entlang der ehemaligen, noch vor dem Ersten Weltkrieg im Stil der 1900er Jahre errichteten Paläste Lloyd, Neuhausz, Merbl, Dauerbach, Hilt und Széchényi. Der Gegenkorso war die Promenade links, vom Löffler-Palais entlang des Gebäudes, wo die Handelskammer ist, bis hin zu den in den 1960er Jahre gebauten Hochhäusern mit Wohnungen über den im Erdgeschoss gelegenen Kaufläden.

Securitate, Hippies und Geschäftsleute

„Operaţiunea Aubade“ (Die Aktion Aubade), „Podoabe şi pălării, şi poncho, şi păr lung, şi mărgele“ (Schmuck und Hüte, und Poncho, und lange Haare und Perlen) und „Minunatele afaceri ale capitalistului Ilie Şfeic“ (Die wunderbaren Geschäfte des Kapitalisten Ilie Şfeic) sind die drei Romane der „Trilogia Corso“. Über 50 Jahre Temeswar dehnt sich die Geschichte der Trilogie, vom Beginn des kommunistischen Regimes bis zu den 1990er Jahren, als sich der Geschäftssinn der Bürger, angespornt vom Eindringen der italienischen Kleinunternehmer, entfesselte. „Operaţiunea Aubade“ ist eigentlich der Kodename einer Geheimorganisation zu Beginn des kommunistischen Regimes – ein Buch mit lauter skurrilen Gestalten. Der zweite Roman erzählt über die letzte Nacht des amerikanischen Gitarristen Jimi Hendrix im Hotel Samarkand in London und den Versuch einer Gruppe von Jugendlichen, von Elftklässlern, die die Grenze illegal überschreiten wollen, um ihre Aufwartung am Grab ihrer Idole – Jimi Hendrix und Janis Joplin – zu machen.

Sowohl in diesem Buch als auch in der gesamten Trilogie sind Realität und Fiktion miteinander verflochten. „Es ist ein Buch über den Drang nach Freiheit und die Rückschläge eines totalitären Regimes, wo man nicht frei denken, reisen und ‘dekadente’  westliche Musik genießen durfte. Einerseits geht es um den unbändigen Kraftaufwand dieser Jugendlichen, sich von den Zwängen des Regimes zu befreien, und andererseits um das Drama des Jimi Hendrix“, so der Temeswarer Schriftsteller Viorel Marineasa über das zweite Buch, das er als Kern der Trilogie betrachtet. Der letzte Roman handelt von den abenteuerlichen Geschäften von Ilie Şfeic, einem Double des Autors, dessen Geschäfte jedoch durchwegs scheitern.
„`Trilogia Corso` ist ein Buch, das ich vermisst habe, denn ich habe die Erzählweise von Daniel Vighi vermisst, in der sich eine wunderbare künstlerische Zusammensetzung von Namen, Persönlichkeiten Alt-Temeswars, des Banats, von Realitäten, die man verschollen glaubte, wiederfindet“, äußert sich der Schriftsteller Marcel Tolcea dazu. Tolcea selbst ist eine Gestalt im letzten Teil der Trilogie und hat in den 1990er Jahren gemeinsam mit dem Autor ein Geschäft geführt, das nach kurzer Zeit pleite ging, wie beide Betroffenen humorvoll berichten.

Lebensgeschichte und Fiktion

Ausgangspunkt des Werkes war die Geschichte von Josef Neiss, ein 80-jähriger Schreiner, den der Schriftsteller persönlich kennengelernt hatte und dessen Leben er trotz spärlicher Ausgangsinformationen wiederherstellen wollte. Das Schicksal dieses alten Mannes wird zu einer Art Leitfaden der Trilogie. So begegnet der Leser ihm und vielen anderen Gestalten, deren Schicksal mehr oder weniger mit dem seinen verbunden ist, und durch ihn wird er an die Geschichte Temeswars herangeführt. Neiss wird in verschiedenen Lebensphasen gezeigt: Im ersten Roman, in den 1950er Jahren, ist er ein junger Mann in den Dreißigern, im zweiten Buch tritt sein Sohn an seine Stelle und im dritten ist er in den Achtzigern, im Alter, in dem ihm auch der Schriftsteller im richtigen Leben begegnet war. Der Lebensabend von Josef Neiss und dessen Frau ist traurig, so Vighi. Der wirklichen Geschichte seiner Romanfigur fügt der Autor fiktive Zugaben bei. Fakt ist, dass Josef Neiss, ein Angehöriger der deutschen Minderheit, sich zwei Jahre lang auf dem Dachboden seines Hauses versteckte, um nach dem Krieg der Russlanddeportation zu entkommen. Da sich die Handlung in den 1950er Jahren abspielt, passt der Schriftsteller Neiss´ Geschichte an und ersetzt die Russland- mit der Bărăgan-Deportation, obwohl dieser nie in den Bărăgan verschleppt wurde und auch nicht Gefahr lief, es zu werden.

Josef Neiss´ Kinder sind nach Deutschland ausgewandert, ihr Vater wollte aber seine Heimat nicht verlassen. In der Elisabethstadt, einem Temeswarer historischen Stadtviertel, hatte er um einen Hof herum vier Häuser für sich und seine Kinder gebaut. Nach der Umsiedlung seiner Kinder nach Deutschland verkaufte der Mann, da diese Geld brauchten, seine Häuser bis auf das eine, wo er mit seiner Frau weiterhin wohnen blieb. Als seine Kinder erneut auf finanzielle Unterstützung angewiesen waren, sah sich der Alte gezwungen, auch sein letztes Haus zu verkaufen. Anschließend zogen Josef  Neiss und seine Frau in ein Plattenwohnhaus im Temeswarer Stadtrandviertel Lipovei, wo sie in „einer ihnen fremden Welt“ ihren Lebensabend verbringen sollten. Da sie Deutsche aus der Elisabethstadt und an ein anderes Leben gewohnt waren, bedauert der Schriftsteller das Schicksal des alten Tischlers. Daniel Vighis „Trilogia Corso“ erschien im Verlag Cartea Românească in Bukarest.

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