70 Jahre seit Beginn der Russlanddeportation

Das Denkmal wurde neben dem Haupteingang des AMG-Hauses eingeweiht

Mittwoch, 11. März 2015

Die Denkmalweihe nahm Bischof Martin Roos vor. Das Marmordenkmal wurde aus Mitteln des Vereins der Ehemaligen Russlanddeportierten finanziert. „Über zwanzig Jahre hat der Verein dafür die Mitgliedsbeiträge gespart“, sagt der Vereinsvorsitzende Ignaz Bernhard Fischer.

Hartmut Koschyk (rechts), Bundestagsabgeordnete und Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, kam speziell zu diesem Anlass nach Temeswar.
Fotos: Zoltán Pázmány

Ein Meer von Menschen mit silbernen Haaren sitzt am Sonntagmittag im Festsaal des AMG-Hauses. Sie hören aufmerksam den Rednern zu und  blicken meist ins Leere. Manchmal nicken sie auch zustimmend und wischen sich ab und zu mit ihren verschrumpelten Händen die Tränen aus ihren Gesichtern, dann nicken sie wieder. Sie haben es selber erlebt oder es waren ihre Familienmitglieder, die durch diese „Hölle“ gegangen sind – die Russlanddeportation der Rumäniendeutschen. 70 Jahre seit deren Beginn wurden am Wochenende in Temeswar/Timisoara begangen.

Der Verein der Ehemaligen Russlanddeportierten bereitete zum Gedenken eine Großveranstaltung vor. Knapp vor Mittag versammelten sich die Gäste im AMG-Haus. Zuerst nahmen sie an der Heiligen Gedenkmesse teil. Der Bischof der Temeswarer Diözese, Martin Roos,  zelebrierte die feierliche Gedenkmesse im Temeswarer Dom. Musikalisch wurde die Messe vom Chor und der Kapelle des Temeswarer Doms gestaltet. Konzertmeister war Johann Fernbach, die Orgel spielte Silviana Cîrdu, während die Gesamtleitung Domkapellmeister Walter Kindl übernahm. Werke von Franz Schubert und Wolfgang Amadeus Mozart wurden dazu ausgewählt.

Anschließend wurde der Festakt mit Grußworten und Ansprachen hoher Würdenträger im Festsaal des „Adam Müller-Guttenbrunn“-Hauses veranstaltet. Ehrengäste waren der Bundestagsabgeordnete und Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk, der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Bukarest, Werner Hans Lauk, der deutsche Konsul Rolf Maruhn und Vizekonsul Siegfried Geilhausen, der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, Dr. Paul-Jürgen Porr, der Ehrenvorsitzende Dr. Paul Philippi, der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganţ, die Unterstaatssekretärin im Departement für interethnische Beziehungen der rumänischen Regierung Christiane Cosmatu, der Präfekt des Kreises Temesch, Eugen Dogariu, sowie der stellvertretende Bürgermeister von Temeswar, Dan Diaconu.

Zum Schluss wurde im Hof des Adam-Müller-Guttenbrunn-Hauses (auf der Seite zur Gheorghe-Lazar-Straße) ein Marmordenkmal eingeweiht. Das Denkmal wurde in Rußberg/Rusca Montana in Auftrag gegeben und aus Mitteln des Vereins der Ehemaligen Russlanddeportierten finanziert. „Über zwanzig Jahre hat der Verein dafür die Mitgliedsbeiträge gespart“, sagt Ignaz Bernhard Fischer, der Vereinsvorsitzende. Für den Sockel spendete die Landsmannschaft der Banater Schwaben aus Deutschland 1000 Euro. Logistische Unterstützung bot das Demokratische Forum der Deutschen aus dem Banat.

 

Ein Denkmal gegen das Vergessen / Großveranstaltung in Temeswar: 70 Jahre seit Beginn der Russlanddeportation

 

„Es gibt in unserem Leben Tage der Freude, die wir rot anstreichen im Kalender unseres Lebens. Das sind die Geburts- und Namenstage, die Feier des Hochzeitstages und sonstige freudenvolle Ereignisse in der Familie. Es gibt in unserem Leben aber auch sogenannte ´schwarze Tage´. Es sind Tage, die uns Unglück gebracht haben. Der schwärzeste Tag unseres Lebens war jener 14. Jänner 1945, als vor unserer Haustür eine Gruppe Soldaten erschien, angeführt von einem Vertreter der Roten Armee. Sie befahlen uns, schnell den Koffer zu packen und mitzukommen“, erinnert sich Ignaz Berhard Fischer an die schlimmste und schwerste Zeit seines Lebens  zurück – die Deportation in der Sowjetunion.

Und fast jede Familie der Rumäniendeutschen, durch eigene Mitglieder oder nahe Bekannte, hat in den 1940er Jahren unter der kollektiven Schuldzuweisung durch Verschleppung, Entrechtung und Zwangsarbeit leiden müssen. Etwa 70.000 Mitglieder der Gemeinschaft – Männer im Alter von 17 bis 45 und Frauen von 18 bis 30 Jahren - wurden ab 1945 in die Sowjetunion deportiert. In Viehwaggons, bei bitterer Kälte, ohne entsprechende Kleidung und ohne angemessene Ernährung, kamen viele unter ihnen bereits unterwegs ums Leben. Andere starben während oder an den Folgen der ihnen aufgezwungenen schweren Arbeit. Bloß ungefähr 40 Prozent der Deportierten hielt die fünf Jahre der Deportation durch. Ende 1949 durften die Überlebenden in die Heimat zurückkehren.

Etwa 8000 waren sie noch bei der Gründung des Vereins der Ehemaligen Russlanddeportierten zu Beginn der 1990er Jahre. Mittlerweile leben nur noch knapp 700 landesweit - die Zeitzeugen der Russlanddeportation werden rasant weniger.

Gerade deswegen sollte man dieses Ereignis in der europäischen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten lassen – hieß es am Wochenende bei der Großveranstaltung zum Gedenken an die 70 Jahre seit Beginn der Russlanddeportation der Rumäniendeutschen. An diese schrecklichen Ereignisse soll auch das neue Marmordenkmal erinnern, dass eigens zu diesem Anlass neben dem Haupteingang des Temeswarer Adam-Müller-Guttenbrunn-Hauses eingeweiht wurde. „Krieg und Deportation dürfen in unserem Land nie wieder möglich sein. Diese Lehre aus den Verbrechen der Vergangenheit möge uns stets begleiten“, sagte in seiner Begrüßungsrede Johann Fernbach,  der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat. „Die Zwangsverschleppung hat bei den Überlebenden tiefe Spuren in ihrer Persönlichkeit hinterlassen und ist bis heute fest im kollektiven Gedächtnis der Rumäniendeutschen verankert“, betonte auch Hartmut Koschyk, Bundestagsabgeordneter und Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. 

Auch die rumäniendeutsche Nobelpreisträgerin für Literatur, Herta Müller, hat diesen Verlust der heimatlichen Vertrautheit am Beispiel einer einfachen Kartoffel deutlich gemacht. In ihrem Essay-Bändchen „Der König verneigt sich und tötet“, der auch ins Rumänische übersetzt ist, beschriebt sie ihr eigenes kindliches Erleben nach der Rückkehr ihrer Mutter. „Kartoffeln waren [in der Deportation] ... der Grund zum Verhungern oder zum Überleben. Meine Mutter hat überlebt und steht in ewiger Komplizenschaft mit der Kartoffel. Kein anderer Mensch hat beim Kartoffelessen diesen Blick wie sie, diesen Atem, für den es … kein Wort gibt. Als müsse sie heute, 50 Jahre später, bei jeder Kartoffel noch einmal am Leben vorbei in den Tod, und umgekehrt.”

„Das Gedenken an dieses Schicksal muss zugleich Mahnung und Sensibilisierung für die nachwachsenden Generationen sein, damit sich solche Schicksale nicht wiederholen“, sagte in seinem Temeswarer Grußwort Werner Hans Lauk, der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Bukarest. Dies bekomme aber gerade in diesen Monaten eine besondere Bedeutung, als in der Ost-Ukraine, dem hauptsächlichen Einsatzgebiet der zwangsverschleppten Rumäniendeutschen auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion, bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. „Erneut müssen wir, 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der friedlichen Neuordnung Europas, flagrante Verletzungen des Völkerrechts mit schlimmen menschlichen Verlusten und Tragödien erleben“, erläuterte Botschafter Lauk seine eindringliche Mahnung.

Als Zeitzeugen der Verschleppung hingen an der Wand im Festsaal des AMG-Haus auch Kopien von Briefen (im Bild), die aus dem russischen Lager der daheim gebliebenen Mutter zugeschickt wurden. Drei Schwestern landeten in den russischen Gulags – zwei davon im selben Lager. Alle drei schrieben nach Möglichkeit regelmäßig ihrer Mutter Briefe und Postkarten nach Hause. Zwei dieser Schwerster hatten auch Kleinkinder: Sie waren im Augenblick der Deportation sechs, vier, zwei und ein Jahr alt und blieben in der Obhut der Großmutter. Diese zwei Schwestern arbeiteten in Dnjepropetrowsk am Bau. Die eine von ihnen erkrankte, sie wurde früher entlassen und gelangte auf Umwegen nach Hause. Die andere Schwester blieb bis zuletzt und kam Ende 1949 nach Hause. Die dritte Schwester wurde in ein anderes Lager verschleppt, arbeitete in einer Kohlengrube in Wolodarka und starb dort 1946.

Die Briefe zeugen von der großen Sehnsucht der Töchter nach ihrer Mutter, nach ihrem Heimatort und Verwandten, Freunde und Nachbarn. Die Sorge um die Gesundheit der Mutter sowie die Frage nach der Möglichkeit der Entlassung, um in einem (inzwischen politisch unter sowjetischer Fuchtel radikal veränderten) Hause wieder in (vermeintlicher) Freiheit zu leben, durchzieht wie ein roter Faden die gesamte Korrespondenz. Tiefe Gläubigkeit gepaart mit aufbauenden Worten für die Mutter sind ebenfalls bei allen drei zu lesen. Während die zwei Mütter in ständiger Sehnsucht nach ihren Kindern lebten, quälte die jüngste Tochter vor allem die Trennung von der geliebten Mutter. Und sie verbargen viele versteckte Botschaften in ihrer Korrespondenz.

Aus den Zeilen der Töchter spricht deutlich die tiefe Zuneigung und Liebe untereinander und, vor allem, die der drei Schwestern zu ihrer Mutter. Das dürfte mit ein Grund sein, weshalb die Mutter auch zur Zeit des Kommunismus die Post aus Russland bis zu ihrem Lebensende in Ehren aufbewahrt hatte. Dasselbe tat eine ihrer ehemals deportierten Töchter bis ins hohe Alter. (Der Familienname und die Ortschaft der drei Schwestern ist auf Wunsch nicht veröffentlicht worden.)

 

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