72 Jahre seit der Russlanddeportation der Rumäniendeutschen

Gedenkveranstaltung im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus

Freitag, 17. März 2017

Kranzniederlegung am Denkmal vor dem AMG-Haus: In diesem Jahr wurden 72 Jahre seit dem Beginn der Russlanddeportation der Rumäniendeutschen begangen.
Foto: Zoltán Pázmány

Die Gedenkveranstaltung zum 72. Jahrestag seit dem Beginn der Verschleppung der Rumäniendeutschen zur Zwangsarbeit in die ehemalige Sowjetunion wurde vor Kurzem in Temeswar abgehalten. Eine Andacht im Karl-Singer-Festsaal des Adam-Müller-Guttenbrunn-Hauses, gefolgt von einer Kranzniederlegung am Denkmal der ehemaligen Verschleppten im Vorhof des Hauses und ein gemütliches Beisammensein standen auf dem Programm. Der Veranstaltung wohnten einige ehemalige Russlanddeportierte aus Temeswar und Umgebung sowie deren Angehörige bei. Eines der neuesten Denkmäler in Rumänien, die an die ehemaligen Russlandverschleppten erinnern, befindet sich in Temeswar, im Vorhof des Adam-Müller-Guttenbrunn-Hauses. Eingeweiht wurde es vor zwei Jahren, zum 70. Jahrestag seit dem Beginn der Deportation der Rumäniendeutschen in die ehemalige Sowjetunion. Seither fanden hier, immer Anfang März, Gedenkveranstaltungen statt, so auch in diesem Jahr.

Zum Auftakt stimmte der Temeswarer Liederkranz das Kirchenlied „Wohin soll ich mich wenden“ an. Nach der Gebetsstunde, die Ignaz Bernhard Fischer vom Verein der ehemaligen Russlanddeportierten einleitete, las Anneliese Fischer eine selbst geschriebene Erzählung über die Heimkehr der ehemaligen Verschleppten, die sie als Kind an einem kalten und regnerischen Novembertag 1949 erlebte. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem ihre Mutter aus Russland zurückkehrte. „Die Zeiten waren schlecht, aber mit der Mutter war dann doch alles etwas besser“, sagte Anneliese Fischer. Ihre Erzählung rührte viele der Anwesenden im Saal zu Tränen. Doch nicht alle Kinder konnten ihre Eltern wiedersehen, denn einer von fünf Verschleppten starb in Russland wegen der schweren Bedingungen dort. Für all die Verstorbenen legten die Überlebenden einen Blumenkranz am Denkmal vor dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus nieder. Den Überlebenden der Zwangsarbeit wurde erst nach der Wende 1989 erlaubt, über ihr Leid zu erzählen, und sie wurden vom rumänischen Staat entschädigt. Dafür setzten sich Anfang der 1990er Jahre die damaligen rumäniendeutschen Politiker und seither auch der Vorsitzende des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten, Ignaz Bernhard Fischer, ein. „Eigentlich müssen wir hochzufrieden sein, denn so wie Rumänien das macht, ist es in keinem anderen Staat. Wir haben dieselben Rechte wie die politisch Verfolgten und die Bărăgan-Verschleppten. Wir wissen das zu schätzen und sind dem rumänischen Staat dankbar dafür“, sagte Ignaz Bernhard Fischer.

Vor einem Jahr beschloss auch die Bundesrepublik Deutschland, den ehemaligen Zwangsarbeitern eine einmalige Entschädigung in Höhe von 2500 Euro auszuzahlen. „Es war an der Zeit, dass so etwas geschah“, sagte Elke Sabiel, die Ehrenvorsitzende des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten. Doch die Prozedur für die Auszahlung dieser Geldsumme sei recht kompliziert, so Ignaz Bernhard Fischer. „Die Politiker sind im Versprechen schnell, aber die Bürokraten, bei denen dauert das sehr lange. Sie machen Kommissionen, prüfen jede Akte zehnmal und das geht furchtbar langsam. Einige sollen in Deutschland das Geld bekommen haben, aber ich weiß von keinem, der hier diese Entschädigung bekommen haben soll...“, sagte Ignaz Bernhard Fischer. Außer diesen staatlichen Hilfen aus Deutschland kamen vor allem in den 1990er Jahren auch Spenden von Privatpersonen, Stiftungen und Vereinen, erzählt Bene-dikt Roch, der sich seit der Gründung des Vereins darum kümmert, Medikamente an seine ehemaligen Leidensgefährten zu verteilen. „Wir haben uns vorgenommen, den Überlebenden zu helfen, wo wir können. Wir haben vielen Leuten somit den Lebensabend erleichtert“, sagt Benedikt Roch.

Ähnliche Ziele setzte sich Anfang der 1990er Jahre auch die Ehrenvorsitzende des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten, Elke Sabiel. „Wir haben Ausflüge und Treffen mit den Deportierten organisiert. Für viele war es das erste Mal, dass sie sich wiedersahen... Für mich war das berührend und bereichernd“, sagt Elke Sabiel. Nach mehr als 20 Jahren Tätigkeit in Temeswar zieht sich Elke Sabiel nun nach Deutschland zurück, sie will aber jedes Jahr zu den Gedenkveranstaltungen wieder nach Temeswar kommen und ihre Freunde besuchen. Freunde, die immer weniger werden. Heute leben nur noch an die 170 ehemalige Russlandverschleppte in den drei Landkreisen West-Rumäniens.

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