Abenteuerland Rumänien

Mit „kulturweit“ entdecken deutsche Freiwillige Osteuropa (II)

Dienstag, 27. November 2012

Gut versteckt hinter den Klassen 4 A und 4 B: Oliver Pelz (rechts hinter dem Jungen mit dem weißen Hemd) arbeitet mit den Schülern an einer Schülerzeitung.
Foto: privat

Viele Deutsche schrecken noch bei dem Wort „Rumänien“ zurück. Das Land, aus dem Graf Dracula kommt, in dem Herta Müller ihre ersten literarischen Gehversuche machte und das zweitgrößte Verwaltungsgebäude der Welt liegt, sorgt nicht selten für negative Schlagzeilen in der deutschen Presse. „Korruption“ und „Roma“ sind meist die Themen, die von entsprechenden Artikeln aufgegriffen werden. Darum reagieren auch Eltern, Verwandte und Freunde immer besorgt, wenn ihnen ein Freiwilliger des internationalen Jugendfreiwilligendienstes „kulturweit“ davon erzählt, wo es für die nächsten zwölf Monate hingeht.

Nicht anders ist es fünf jungen Menschen ergangen, die im September durch den Pädagogischen Austauschdienst (PAD) nach Rumänien entsandt wurden, wo sie bis nächstes Jahr leben und arbeiten werden. Die Hindernisse, die sie im Alltag zu überbrücken haben, sowie die Gründe, weshalb sie sich statt für ein Studium für ein Freiwilligenjahr im Ausland entschieden haben, unterscheiden sich kaum. Die Sprache stellt für alle eine Barriere dar und die Aussicht auf Selbstfindung ein verlockendes Ziel. Auch für die Freiwilligen Vincent Kammer (21) und Moritz Hengel (19) – die bereits im ersten Teil vorgestellt wurden – bedeutet ihre Zeit in Rumänien ein Schritt in die Selbstständigkeit. Beide wussten nach dem Abitur nicht, was sie studieren möchten, beide fanden im Ausland mehr oder weniger eine Antwort auf diese Frage. Und auch ihren anderen Kollegen, die seit September im Land sind, ergeht es ähnlich.

Am Goethe-Kolleg  in Bukarest

Es gibt weitaus gefährlichere Länder auf der Welt als Rumänien. Diese Ansicht vertrat Oliver Pelz (18), als er sich für eine Freiwilligenstelle im Ausland bewarb. Drei Regionen, in die „kulturweit“ seine jungen Freiwilligen entsendet, kamen für Oliver nicht in Frage: Lateinamerika, der Nahe Osten sowie die GUS-Staaten waren für ihn viel zu konfliktbeladen.
Er kommt aus einem ganz kleinen Dorf in Deutschland, mit gerade mal 2000 Einwohnern, und ist durch den PAD am Goethe-Kolleg in Bukarest gelandet. Auf die Zweimillionenhauptstadt muss sich Oliver noch einstellen. Den Großstadtlärm könne man mit anderen Städten nicht vergleichen. Da freue er sich über Ausfahrten nach Siebenbürgen, in die ländlichen Gegenden und die kleineren Städte des Landes. Die Art der Menschen mag er dagegen sehr. Besonders ihre lockere Haltung und ihre Offenheit findet Oliver toll. „Den deutschen Übereifer gibt es hier nicht“, meint er.

In Deutschland hat er als Schüler bereits mit Kindern gearbeitet. Er gab Nachhilfe, spielte Handball, weshalb er auch seine Arbeit am Goethe-Kolleg spannend findet. Hier möchte er eine Schülerzeitung mit Viertklässlern auf die Beine stellen. Bis Ende des Jahres soll die erste Ausgabe erscheinen. Genau wie andere „kulturweit“-Freiwillige möchte er besonders gerne Projekte durchführen. Er geht aber auch in den Unterricht rein, darf Deutschstunden halten sowie in anderen Fächern assistieren. Sprachlich findet er die Schüler klasse. Am Goethe-Kolleg wird Deutsch als Muttersprache unterrichtet.
Als er in Bukarest anfing, hatte er ausführlich mit der Schulleiterin gesprochen und seine Tätigkeitsfelder an der Schule und für die Schule mit ihr vereinbart. Auch jetzt noch spricht er sich immer mit der Direktorin des Goethe-Kollegs ab, wenn er ein bestimmtes Vorhaben oder Projekt plant. Freunde und Bekannte haben ihn komisch angeguckt, als er ihnen vor der Abfahrt von seinem Freiwilligenjahr in Rumänien erzählte. Seine Eltern zeigten sich dagegen verständnisvoll und fanden, dass es die richtige Entscheidung ist. Dabei hatte es Oliver nicht beim ersten Anlauf geschafft. Zuerst wurde er für die Stelle nicht genommen, als dann ein anderer Freiwilliger absagte, durfte er einspringen.

Die Lehrerin und Pädagogin

Johanna Hartmann (19) wollte unbedingt an eine Schule, weshalb sie besonders an den Ländern Mittel-, Südost- und Osteuropas Interesse hatte. Sie dachte an diese Region, weil sie unter anderem Französisch kann. Genau wie Oliver hätte sie den Nahen Osten eher gemieden. Aufgrund der aktuellen politischen Lage finden sich generell kaum Bewerber, die dorthin wollen. Die Berlinerin ist, genau wie Vincent Kammer, in einer kleinerem Stadt gelandet, nämlich Sathmar/Satu Mare. Dass sie im Nordwesten des Landes liegt und Hunderte Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt, hätte sie zuerst nicht vermutet. Denn die Bedeutung des rumänischen Wortes „mare“ versuchte sie aus dem Spanischen herzuleiten, weshalb sie nicht „groß“ sondern „Meer“ verstand.

Den Großstadtlärm vermisst sie kaum, stattdessen freut sie sich, dass Sathmar so überschaubar ist und sie sich schnell zurechtfinden kann. Sie hat sich im Vorfeld viel über die Stadt informiert, wusste auch, dass die ungarische Minderheit sehr groß ist, war dann aber doch verblüfft, wie viele Menschen eher Ungarisch als Rumänisch sprechen. Weil sie in Richtung Lehramt gehen möchte, findet Johanna, dass das Freiwilligenjahr in Sathmar am deutschsprachigen Johann-Ettinger-Lyzeum eine Gelegenheit bietet, diesen Berufsweg auszutesten. Sie unterrichtet in zahlreichen Fächern an der Schule, darunter Musik, Handarbeit, Lesen und Geografie. Die Vielfalt gefällt ihr, weil es so niemals langweilig wird.
Besonders skurril findet sie, dass sie von Bukarest und Konstanza/Constanţa weiter weg ist, als von Budapest. Genau wie Moritz Hengel sieht sie im Grunde genommen keine allzu großen Mentalitätsunterschiede zwischen den Deutschen und den Rumänen.

Die Süddeutsche am Schwarzen Meer

Lenja Ruepp (19) arbeitet als Freiwillige in Konstanza an einer rumänischen Schule, in der Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird. Als sie von Rumänien hörte, dachte sie zuerst, dass sie Kyrillisch lernen müsse. Sie wusste über das Land genauso wenig, wie ihre Kollegen auch. Als Schülerin hatte sie bereits an Austauschprogrammen mitgemacht, ging zum Beispiel für ein Jahr in England zur Schule. Gerade wegen dieser Erfahrung entschied sie sich auch für „kulturweit“, denn sie hatte gemerkt, dass sie gerne was Neues lernen möchte. Hauptsächlich geht Lenja in den Deutschunterricht, hält Vertretungsstunden, organisiert aber auch Projekte und Ausstellungs- und Filmbesuche für die Schüler. Sie kommt aus dem Süden Deutschlands, aus einer Kleinstadt, findet es aber schön, das Meer in der Nähe zu haben. Sie wurde von den Leuten herzlich empfangen und auch die Kommunikation funktioniert sehr gut.

Rund 2500 junge Erwachsene hatten sich für das Freiwilligenjahr 2012/2013 beworben. 252 Stellen vergeben die Partner von „kulturweit“. Für eine Stelle musste sich jeder der fünf Freiwilligen gegen neun weitere Bewerber durchsetzen. Zu diesem Zweck wurden sie nach Bonn eingeladen, wo sie dann mit Experten Gespräche führten und in Kleingruppen über ihre Motivation Auskunft geben mussten. Inzwischen wird es für immer mehr Abiturienten eine spannende Alternative zur Uni. Ein Jahr als Freiwilliger in einem fremden Land, für manche sogar auf einem fremden Kontinent. Man lernt dabei nicht nur sich selbst kennen, sondern auch andere Kulturen und Menschen. Zudem werden Vorurteile abgebaut.

Kommentare zu diesem Artikel

Robert, 21.12 2012, 08:43
@Klaus

Oder man müsste die Bezeichnung "Roma" verwerfen. Wenn Zigeuner kein Problem damit haben, sich als Zigeuner zu bezeichnen, wieso sollten wir damit ein Problem haben?

Man sollte aufpassen und Integration nicht mit Assimilation verwechseln. Meiner Meinung nach wurde die "Roma"-Bezeichnung den Zigeunern einfach auferlegt.
Klaus, 27.11 2012, 20:58
Leider ist die verbindung Rumänien mit Roma zu schnell vorhanden.auch ich hatte mit viel geduld zu erklären das das landes name nichts mit ROMA ( zigeuner) zu tun hat.--
Es wäre an der zeit den richtigen namen für dieses land < Dacia > zu benutzen und das schändliche wort Rumänien in den müll zu stecken.

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