Abschied mit Phantomschmerzen

Metal Gear Solid 5 ist Hideo Kojimas Schwanengesang

Sonntag, 27. September 2015

Was war das für ein bombastischer und zugleich traumatischer Einstieg in die Handlung von „Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain“: In dem Prolog „Ground Zeroes“ wird Snakes „Mother Base“ infiltriert und zerstört. Die Doppelagentin Paz, die der Spieler zuvor aus einem US-Militärstützpunkt befreien musste, entpuppt sich als eine unfreiwillige Sprengstoffattentäterin. Sie versucht sich zu opfern, um Snake zu retten, allerdings zu spät: Die Explosion trifft den Hubschrauber, aus dem sie sich wirft, für Snake und seinen Gefährten Kaz wird es verhängnislvoll. Der „Big Boss“ landet im Koma, Kaz verliert einen Arm und ein Bein. Ihre „Armee ohne Nation“ wird zerschlagen. Der Übeltäter ist der mysteriöse Skullface, der anscheinend für Cypher arbeitet, Snakes Erzrivalen.

Spieler mussten über ein Jahr warten, um herauszufinden, was mit „Big Boss“ nun eigentlich passiert ist und ihm zu seiner Rache verhelfen. Der Release von „Metal Gear Solid 5“ war ein steiniger, besonders für den Schöpfer der Serie, Hideo Kojima. Wochen vor dem Erscheinen seines Magnum Opus entließ Konami den Star-Game-Designer: Ein bitterer Abschied für den Mann, der das Schleichgenre erfunden hat.

Ein Trost für Fans: „Metal Gear Solid 5“ ist Hideo Kojimas bestes Metal Gear-Spiel. Es wird allerdings viele Veteranen der Serie schockieren, wie stark sich das neue Spiel von seinen Vorgängern unterscheidet. Die Zeiten langer Cutscenes, die manchmal sogar einige Stunden dauern konnten, sind vorbei. MGS 5 verzichtet auf ausschweifende Zwischensequenzen und lässt stattdessen den Spieler seine eigenen Geschichten machen.

 Kojima hat die Spielmechaniken, die bereits in Metal Gear Solid 4 und „Peace Walker“ verbessert wurden, noch einmal Generalüberholen lassen. Noch nie hat sich Snake so flüssig bewegt, noch nie war es so einfach ihn zu steuern. In „Metal Gear Solid 5“ ist der Spieler frei, das zu tun, was er möchte. Dafür hat Kojima aus Metal Gear ein Sandkastenspiel gemacht. Der Spieler kann zwei riesige Areale frei erkunden, Missionen annehmen und diese so angehen, wie er es für richtig hält. Er kann in Afghanistan Stützpunkte einnehmen, indem er sowohl die Einheimischen, als auch die russischen Soldaten kaltblütig niederschießt oder indem er sie mit seiner Schallbetäubungspistole  schlafen schickt. Diese können dann mittels Fulton-System vom Schlachtfeld  extrahiert werden: Die betäubten Soldaten werden an ein Heißluftballon angebunden und dieses wird dann von einem Flugzeug aufgefangen.

Die extrahierten Soldaten werden dann von Snake für seine neue „Mother Base“ rekrutiert. Bei dieser handelt sich um eine alte Ölplattform, die als neue Kommandozentrale für seine „Armee ohne Nation“ dient. Der Spieler kann Rohstoffe in der Spielwelt einsammeln und diese dann für den Ausbau der „Mother Base“ verwenden. Im späteren Verlauf kann er Mittels Fulton-System auch Frachtcontainer, stationäre Kanonen, Jeeps und sogar Panzer extrahieren. Die wichtigste Ressource bleibt der Mensch. Snake kann aus sicherer Entfernung mittels Fernglas die Soldaten scannen und so erfahren, was für Talente sie haben. Wer über besondere Fähigkeiten verfügt, kann dann einer von Snakes Söldnern werden.

Und Snake „Big Boss“ braucht jede Menge Soldaten und Ressourcen, denn er ist auf Rache aus. Der Angriff auf seine Mother Base geschah vor neun Jahren, so lange lag er im Koma. Jetzt möchte er es denjenigen heimzahlen, die ihm alles genommen haben, wobei diese Besessenheit den einst heldenhaften Snake langsam in einen Bösewicht verwandelt.

Hilf mir ein Bösewicht zu werden

Für Langzeitfans der Serie, die, die komplizierte Geschichte um Big Boss und seine Klone verfolgt haben, stellt MGS5 das letzte Puzzlestück dar. Im fünften Spiel knüpft die Handlung aus Metal Gear Solid 3 und „Peace Walker“ direkt an die Handlung aus dem ersten Metal Gear-Spiel an. In dem Playstation 1-Hit „Metal Gear Solid“ musste der Agent Snake die Machenschaften von Big Boss’ Schergen sowie dessen Sohn Liquid vereiteln. Seit Metal Gear 1 galt „Big Boss“ als Bösewicht der Serie. Doch Kojima führte mit Metal Gear Solid 3 einen anderen „Big Boss“ ein und zwar einen heldenhaften, der nicht anders als dessen Klon Snake war. Fans wunderten sich, wie aus dem heldehaften Snake aus MGS3 der Schurke „Big Boss“ geworden ist. Die Frage wird nun von Kojima beantwortet.

Inspiriert wurde der Game Designer von der TV-Hitserie „Breaking Bad“, wo aus dem Chemielehrer Walter White ein Drogenbaron wird. Auch Snake verwandelt sich im Laufe der Handlung, die diesmal in TV-Manier in Episoden erzählt wird, zu dem, was er bekämpfen möchte. Doch so gewalttätig das Spiel in seinen Zwischensequenzen wird, das Spiel selbst versucht den Spieler von Gewalt abzubringen. Belohnt werden Spieler, die unauffällig Missionen erfüllen. Tote Soldaten bringen dem Spieler wenig: Ihre Leichen müssen weggeschafft werden, damit ihre Kameraden sie nicht entdecken. Zudem können Soldaten schwer für die eigene Sache rekrutiert werden, wenn sie nicht mehr leben.

Auf dem Schlachtfeld ist Snake niemals allein. Er kann jederzeit einen Kameraden an seiner Seite haben. In den ersten Missionen steht ihm ein Pferd zur Seite, später ein Wolf und die Scharfschützin Quiet. Sein Gefährte Kaz unterstützt Snake mit Informationen. Mit dem Ausbau der Mother Base kann er auch ein Team aufbauen, das ihm vor und während der Missionen Informationen über mögliche Positionen der feindlichen Truppen oder über wichtige Ressourcen gibt. Snake kann auch in die Entwicklung von Waffen und Sondergegenständen investieren. Je mehr Nebenmissionen Spieler erfüllen, desto schneller kann die Kommandozentrale ausgebaut werden und desto besser vorbereitet ist Snake in den Kampfzonen.
Die Handlung spielt sich in den 1980er Jahren ab und so wie man es von Hideo Kojima gewohnt ist, werden auch viele politische und soziale Themen der Zeit behandelt. Es geht um das Ende des Kalten Krieges und natürlich darum, was es gekostet hat. Kojima reißt Probleme an, wie etwa die Ausbeutung von Kindern und Frauen für Profit zu Kriegszeiten.

Metal Gear Solid bleibt Meta

Es ist eines der deprimierendsten Kapitel in der MGS-Geschichte, denn es geht um den Verlust der Unschuld, es geht um den eigentlichen Preis, den Kriege einfordern, nämlich um die eigene Menschlichkeit. Snake, der im Grunde nur ein Zuhause und eine Familie für sich sucht und als einer der größten Soldaten, die je gelebt haben, nichts anderes darunter verstehen kann, als eine private Söldnertruppe aufzubauen, wird zunehmend unberechenbarer und muss schließlich auch das größte Opfer bringen.

Doch am Ende handelt MGS5 auch von dem Spieler selbst, der seit über 30 Jahren Snake – ob nun das Original oder sein Klon – durch gefährliche Missionen lotste. Und Hideo Kojima verabschiedet sich von dieser Serie – die Rechte liegen weiterhin bei Konami – indem er Spielkonventionen nutzt, um aus der Geschichte um Snake, die Geschichte des Spielers zu machen. Letztend-lich ist die Verwandlung des Helden auch eine Verwandlung des Spielers.

Mit über 200 Stunden Spielzeit ist „Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain“ das bisher umfangreichste Spiel der Serie. Diesmal wurde dafür die Handlung geopfert. Die bombastischen Hollywoodszenen und die verrückten Boss-Battles kommen diesmal vielleicht zu kurz, doch dafür liefert Hideo Kojima spielerisch das ausgefeilteste Metal Gear-Spiel und wird deswegen nicht umsonst, schon jetzt, als Spiel des Jahres gehandelt und gilt für viele sogar als bestes Schleichspiel aller Zeiten.

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