Abstrakte Farbkunst ansprechend dargeboten

Christian Lucian Hamsea stellt im Zeitgenössischen Museum Hermannstadt aus

Freitag, 11. Mai 2018

Christian Lucian Hamsea: „Heu und Schiffe“ (Öl, 2002)

„Fine Artist“ steht auf seiner Visitenkarte: Diese Bezeichnung darf sich der 1962 in Kronstadt/Brașov geborene Maler Christian Lucian Hamsea aufgrund seiner Bio-grafie und seines bisherigen Werks getrost vor den Namen setzen. Am Samstag, dem 5. Mai, wurde in der Abteilung für Zeitgenössische Kunst des Brukenthalmuseums Hermanstadt/Sibiu, Quergasse/str. Tribunei 6, die Ausstellung „Mission Abstrakt“ eröffnet, selbstverständlich in Gegenwart des seit geraumer Zeit in Erlangen bei Nürnberg lebenden Künstlers und erfahrenen Weltenbummlers Christian Lucian Hamsea, den man gleich ab der ersten Begegnung mit dessen farbintensiven Ölbildern mögen wird. Dem einnehmenden Vollblutkünstler gelingt es auf Anhieb, auch unerfahrenen Betrachtern den Zugang zur Abstraktion der Farben zu vermitteln, obschon er sie in alles andere als vorgegebene Formen zwängen möchte. Christian Lucian Hamseas Ölbilder legen die Absicht eines zeitgenössischen Malers offen, dem die mutige Annäherung an das farblich nur scheinbare Chaos glückt, ohne sich selbst oder sein Publikum in die Irre optisch zielloser Betrachtung zu führen.

Gleich links an der Wand neben der gläsernen Eingangstüre zum Ausstellungssaal der Museumsabteilung für Zeitgenössische Kunst hängt „Sonata of the Seasons“ (Jahreszeiten-Sonate), die während der ersten vier Monate des Jahres entstand. Hamsea hat das 40 mal 460 Zentimeter lange, in Öl auf Leinwand ausgeführte Farbkaleidoskop aus vier einzelnen Bildteilen zusammengesetzt und erklärt gerne, was ihn bei der Arbeit antreibt: „Ich grundiere jeweils Rot, danach kommt Schwarz als Kontrast hinzu. In meinen Bildern steckt von Anfang an Opposition, denn ohne sie bin ich nicht in der Lage, Menschen anzusprechen. Oft gehe ich sogar soweit, den Betrachtern mein inneres Ungleichgewicht quasi direkt vor die Augen zu malen, ganz unverblümt. Diese Art der aufreizenden Kommunikation ist es, was mich erfüllt, den Leuten auch etwas von dem zu berichten, was ich an mir selber nicht mag“, so der bildende Künstler Christian Lucian Hamsea, der bereits in Hermannstadts Kulturhauptstadtjahr 2007 mit der Einzelausstellung „Der Weg, das Treffen“ in der Stadt am Zibin zu Gast war.

Die aussagekräftige „Sonata of the Seasons“ bietet zudem noch ein markantes Beispiel der kontrastierenden Linie, ein Ingrediens, das der gebürtige Kronstädter mit Vorliebe als abschließenden Feinschliff anwendet. „Allegro giocoso alla primavera“, „Divence con estate“, „Andante autumnale“ und „Adagio con troppo inverno“ heißen die Jahreszeiten bei Christian Lucian Hamsea, der seine Affinität zum ästhetischen Italien durch die 2013 in der Kleinstadt Civitella D´Agliano gegründete „Academia Luciana“ auslebt. Saftig grün ist da der Frühling, trocken und matt der Sommer, edel-braun der Herbst unter azurblauem Himmel, belastend grau der Winter. Und zum Schluss fährt die Hand des Malers mit dem kräftig orangen Pinsel großzügig über das bunte Jahr, ganz wie in einem Auf und Ab spannender und entspannender Stimmungen, bzw. akzentuierender Momente. Die orange Linie hebt sich zum späten Höhepunkt des Frühjahrs, setzt zu Sommeranfang durch einen fallenden Akzent neu an, harrt in der niederen Horizontale aus, schwingt sich zu Herbstbeginn rasch in die goldene Höhe, genießt den kupfernen Blätterboden, und läutet nach einem letzten Aufbäumen gegen den verschlossen grauen Himmel die winterlich lange, am Boden regungslose Starre ein.

Hamsea bestätigt, diese orange Linie empirisch, aus der unmittelbaren Erfahrung heraus hinzugefügt zu haben. Obwohl er zugibt, die Epoche des symbolischen Realismus zu mögen, bevorzugt er ausdrücklich, dem Nachdenken über das Wie und Was eines definierten Stils fremd zu bleiben. Er überlässt sich selbst an der Staffelei ganz dem Zufall und seinen Stimmungen, vermeidet das Unterteilen der Arbeit in Episoden vollkommen. Wahrscheinlich sind seine Bilder genau deswegen derart intensiv in ihrer persönlichen Anrede. Bei Christian Lucian Hamsea geschieht jeder noch so kleine Pinselstrich mit pulsierendem Herzblut. Jedes Bild eine seelische Momentaufnahme.

Nicht ohne soziale Überzeugung hat Hamsea beispielsweise an der Staatlichen Akademie der Künste in der georgischen Hauptstadt Tiflis eine Professur angetreten. Ein Jahr nach dem verheerenden Kaukasischen Fünftagekrieg zwischen russischen und georgischen Armeetruppen 2008 ging Christian Lucian Hamsea nach Tiflis, wo er noch im selben Jahr zum Ehrenprofessor ernannt wurde. Seine eigene Biografie verzeichnet im September 1989 die Flucht aus Rumänien über Jugoslawien, danach eine Ausbildung und lange Karriere als Dozent am Lehrstuhl für Kunstpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Auch Dr. Harald Tesan, Kunsthistoriker des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München, bestätigt Hamsea als „zweihundertprozentigen Europäer“, der, unermüdlich als Kulturbotschafter unterwegs, immer wieder Brücken zwischen den Menschen in Ost und West baut.

Die „Abstrakte Mission“ des Malers Christian Lucian Hamsea in der Abteilung für Zeitgenössische Kunst des Hermannstädter Brukenthalmuseums zeigt sich als deutliches Gegenteil einer sperrigen Ausstellung. Bis einschließlich Sonntag, den 27. Mai, kann sie besichtigt werden. Unbedingt ist auch der im Museum in begrenzter Auflage verfügbare Bildband „Landmarks“ (Landschaftliche Meilensteine) des Autors Hamsea zu beachten, herausgegeben von dem museumseigenen Verlag und in hervorragender Qualität gedruckt von der Kronstadt Papier Technik S.A. Nebst einer Fülle von Bildern bietet der Band hochinteressante Artikel und Interviews über und mit Christian Lucian Hamsea, die in englischer, deutscher und rumänischer Sprache zu lesen sind. Christine Săvescu, Hermannstadt, hat als geprüfte Übersetzerin einen entscheidenden Anteil an der tadellosen deutschen Sprache der im Bildband zu lesenden Texte geleistet. Sowohl inhaltlich als auch redaktionell ist „Abstrakte Mission“ von unbestechlicher Qualität.

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