Adel sitzt im Gemüte

Die Liebe der Deutschen zum Adel

Donnerstag, 12. April 2012

Er wolle keine „Mischung aus Engel und Königin“ sein, erklärte Joachim Gauck kurz nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten. Und doch umgibt den Verfechter der Freiheit in seinem neuen Amt ein gewisser royaler Glanz, schon allein aufgrund seines königlich-preußischen Wohnsitzes im Berliner Schloss Bellevue.

Überhaupt residieren die Vertreter der deutschen Demokratie gern in feudalen Prachtbauten: Der Landtag von Niedersachsen etwa tagt im herzoglichen Leineschloss, der Landtag von Hessen im Stadtschloss Wiesbaden, dem ehemaligen Stammsitz der Herzoge von Nassau, und der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern im Schweriner Schloss der Obodriten-Großherzoge. Der Landtag von Rheinland-Pfalz sitzt gar in der ehemaligen Residenz des Hochmeisters des Deutschen Ordens.

Wie viele andere Gebäude, die heute von den Länderparlamenten genutzt werden, entstammt auch der Reichstag als Sitz des Bundestages und das Preußische Herrenhaus als der des Bundesrates der wilhelminischen Kaiserzeit. Und auch abseits des politischen Treibens werden die royalen Bauten öffentlich genutzt. So hat die Berliner Humboldt-Universität das als Residenz des preußischen Königs bekannte Alte Palais und das Palais des Prinzen Heinrich bezogen, während im Kronprinzenpalais als Gästehaus der Stadt Berlin internationale Politprominenz und Filmstars empfangen werden.

Doch nicht nur die Politiker sind vom Royalen fasziniert. Die zehn noch amtierenden Adelshäuser Europas sorgen mit „Glamour, Sex und Depressionen“ (Focus) regelmäßig für begehrte Schlagzeilen in der deutschen Medienlandschaft, Groschenromane aus dem Hause Bastei-Lübbe um Herz und Krone stapeln sich seit jeher auf den Nachttischen der Nation und seit Noah Gordons „Medicus“ (1987) und Ken Folletts „Säulen der Erde“ (1990) ist eine Mittelalter-Begeisterung entfacht, die bis heute den Buchmarkt befeuert. Die Verbindung von Romantik, Medizin, Liebe und Macht beflügelt die Fantasie der vornehmlich weiblichen Leser und macht reißerisch betitelte Schmöker wie „Die Wanderhure“ (2004) von Iny Lorentz zu Millionen-Bestsellern.

Der einheimische Adel hingegen ist in Deutschland wenig und oft nur durch Skandale bekannt: Der „Prügelprinz“ Ernst August von Hannover, der an den türkischen Pavillon der Weltausstellung uriniert. Freiherr Karl Theodor zu Guttenberg, der seine Doktorarbeit gefälscht hat. Der adoptierte Lebemann und Gatte von Zsa Zsa Gabor, Frédéric Prinz von Anhalt. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die einst meinte: „Der Schwarze schnackselt gerne.“

Abseits dieser Verfehlungen ist der deutsche Adel jedoch wesentlich stärker an den Spitzenpositionen der Gesellschaft vertreten als vielleicht anzunehmen wäre. So sitzen in den meisten Landtagen Adelssprösslinge, finden sich in den Aufsichtsräten der größten deutschen Unternehmen Freiherren und sogar englische Lords, wird das Heer von einem adligen Generalleutnant geführt … Der Beispiele für eine rege Beteiligung blaublütiger Familien am politischen und wirtschaftlichen Leben finden sich viele, von der Gräfin im Generalkonsulat in Miama über den aristokratischen Botschafter in Bukarest bis hin zum Prinzen Hermann Otto von Solms-Hohensolms-Lich, der unter dem nur scheinbar bürgerlichen Namen Solms seit mehr als zehn Jahren Vizepräsident des Bundestags ist.

Und so stellt sich die Frage: Wie adelsliebend sind die Deutschen – und wie adlig geprägt ist ihre Demokratie? Bundespräsident Gauck hat jüngst auf die Gemeinsamkeiten zwischen Polen und Deutschland hingewiesen und vielleicht trifft das Klischee vom christlich-romantischen Polen auch auf die Deutschen zu. „Adel sitzt im Gemüte, nicht im Geblüte“, heißt ein altes Sprichwort, das scheinbar unerwartet doppeldeutig klingt.

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