Alle Aspekte der Immigration angedeutet

Beliebtes Kinder- und Jugendbuch „Das Paradies liegt in Amerika“ von Karin Gündisch im Schiller Verlag neu verlegt

Freitag, 23. Januar 2015

Karin Gündisch; „Das Paradies liegt in Amerika”, Schiller Verlag Hermannstadt/Bonn, 2014, 74 S., gebunden, ISBN: 9783944529448, Lei 40 / 9,70 Euro

„Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, behauptete der türkische Premier Tayyip Erdogan, worauf ihm Kanzlerin Angela Merkel indirekt mit dem Satz: „Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!“, antwortete. Dieser Konflikt zwischen zwei gegensätzlichen Positionen rund um das Thema Migration findet sich in milderer Form auch in der Auswanderergeschichte von Karin Gündisch, die zeitlich im frühen 20. Jahrhundert angesiedelt ist.

„Das Paradies liegt in Amerika“ erschien bereits im Jahre 2000 im Beltz & Gelberg Verlag (Weinheim und Basel) und wurde in seiner amerikanischen Fassung „How I Became an American”, 2002 mit dem Mildred L. Batchelder Award als bestes Jugendbuch in den USA prämiert. Seiner ungebrochenen Beliebtheit gerade für den Einsatz im Schulbetrieb hat der Schiller Verlag nun mit einer Neuauflage Rechnung getragen. Auf Karin Gündischs Website angekündigt, ist ebenfalls eine deutsch-rumänische Fassung, die im Niculescu Verlag erscheinen soll.

Die knappe Form – für ihre fiktive Geschichte benötigt Karin Gündisch gut 60 Seiten – und die kindgerechte, einfache, bisweilen auch humorvolle Sprache, die sie ihrem 11-jährigen Protagonisten Johann, genannt Johnny in den Mund legt, lassen diese Erzählung, trotz der mitunter drastischen Erlebnisse der Gestalten, für Schüler der 5. bis 7. Klassen pädagogisch besonders geeignet erscheinen. Die zugrundeliegenden historischen Fakten, nebst einer ausführlichen Literaturliste, fügt sie in ihrem Nachwort hinzu. Als erwachsener Leser wünscht man sich vielleicht an dieser Stelle doch noch ein paar illustrative Belege mehr zu den originalen Briefen der Familie Sill oder den Reiseberichten des Oskar Wittstock über seine Amerikareise um 1908.

Das große Drama der Auswandererfamilien aus Ost- und Südosteuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Sicht dieses 11-jährigen Jungen aus dem siebenbürgischen Heimburg zu schildern, gibt der Autorin Spielraum, die Opfer und Anstrengungen der Familie behutsam, aber realistisch darzustellen. Die Erzählungen, geschichtlichen Abläufe, aber auch Träumereien und eigenen Vorstellungen, die Johnny auf Geheiß seiner Mutter, aber auch seiner Englischlehrerin in Amerika seinem Schulheft anvertraut, dienen eben der Bewahrung der eigenen Identität wie der Selbstvergewisserung in einer Zeit des ständigen Wandels.
Als erstes Zeichen seiner unausweichlichen Assimilation erhält Johann seinen Spitznamen „Johnny” bereits in Siebenbürgen. Wie bereitwillig Einwanderer bei der Einreise ihren Namen aufgaben, erscheint beiläufig in einer weiteren Episode über Ellis-Island, auch „Insel der Tränen” genannt, der berüchtigten Auffang- und Prüfstation, die alle Einwanderungswilligen damals durchlaufen mussten und wo für viele der Traum von Amerika endete.

Eingeflochten und durch Vor- und Rückschau häufig gegeneinandergestellt, gibt der Ich-Erzähler Einblicke in das Leben im heimischen Siebenbürgen, das angespannnte Verhältnis zu den Rumänen, das die Familie bereits in der Heimat zur Wanderung zwingt, oder die wirtschaftliche Ausweglosigkeit, die von den im Auftrag der großen Schifffahrtsgesellschaften handelnden Agenten weidlich zur Anwerbung ausgenutzt wird. Letzteres deutet Gündisch bisweilen nur durch ein paar Lieder an, die damals überall gesungen wurden und die die Kinder aufgeschnappt haben.

Wie bei den frühen Gastarbeitern in Deutschland erfolgte die Auswanderung in Etappen. Zunächst warb man die Väter und älteren Söhne, dann erst folgten die Familien. Es funktionierten Netzwerke von Landsmannschaften, die bei der Ankunft logistische Hilfestellung leisteten. Genau dies führte zu Segregation und somit zu Spannungen mit der „Gastkultur”. Im Buch wird dies nur angedeutet durch den Hinweis auf das siebenbürgische „Bordhaus”, oder den muttersprachlichen Gottesdienst für die Neuimmigranten, während andere Gruppen auch einen englischsprachigen Gottesdienst akzeptierten. Für Johnny ist diese Übergangszeit voller Ängste und Hoffnungen, die sich in Träumen und Wünschen ausdrücken.

Der Glaube an das „ Paradies” wird jedoch bereits bei der Überfahrt, die die ersten Opfer fordert, auf realistischere Erwartungen reduziert. Opferbereitschaft und Anpassungswille der Familie werden in Amerika auf eine harte Probe gestellt. Jedes Familienmitglied beschreitet seinen eigenen Weg, um in Amerika Fuß zu fassen.

Die Mutter jedoch trifft es hart, nach dem Verlust eines Kindes befindet sie eindeutig, dass der Preis der Auswanderung zu hoch sei. In ihrer Figur bündeln sich viele Zweifel und Ängste. Dennoch beweist sie durch ihre wirtschaftlichen Aktivitäten den Willen zum Neuanfang und sucht für die Familie ein geeignetes Umfeld „Schon wieder sind wir umgezogen.” (S.61) Bei all dem Wandel  bewahrt sie die alten Traditionen, zu Weihnachten kommen ausschließlich Gerichte aus Siebenbürgen auf den Tisch, sie achtet darauf, dass die Kinder das Englische und Deutsche nicht vermischen und letztlich ist sie es, die ihren Sohn dazu anregt, die Familiengeschichte aufzuschreiben.

Die andere Bezugsperson für Johnny ist „Miss Miller”, die Lehrerin, die ihn ermutigt und fordert. Schule und Bildung vermitteln hier die Schlüsselkompetenzen, die stellvertretend für den Willen zur Integration stehen. Chancen und Gefahren der „Neuen Welt”, neue Freundschaften und alte Loyalitäten sind die Themen, mit denen sich der Junge auseinanderzusetzen hat. So werden alle Aspekte der Immigration angedeutet.
Vorläufig in einem Haus im „Ländlichen” zur Ruhe gekommen, wird der Wandel der Familie durch einen Ausspruch der Mutter über die Aufbruchpläne des Vaters deutlich: „ Ein Siebenbürger verkauft sein Haus nur in allergrößter Not. Mir scheint, du bist Amerikaner geworden.” (S.66) Der erste „echte Amerikaner” muss aber noch geboren werden.

Karin Gündisch, geboren 1948 in Heltau/Cisnădie in Siebenbürgen studierte Deutsch und Rumänisch in Klausenburg/Cluj und Bukarest. In Bukarest arbeitete sie als Deutschlehrerin, nebenbei war sie freie Mitarbeiterin bei der rumäniendeutschen Presse, bei Rundfunk und Fernsehen, veröffentlichte Kindergeschichten und arbeitete an Deutsch-Lehrbüchern mit. Seit November 1984 lebt sie in der Bundesrepublik, zunächst in Freiburg, heute in Bad Krozingen. Sie arbeitet als freischaffende Autorin.

Kommentare zu diesem Artikel

norbert, 02.02 2015, 05:04
Wenn einer eine Reise tut. .dann kann er was erzählen. Der Vergleich Assimilation und die aussage multikulti ist gestorben. Von der Kanzlerin. .ist folgendermaßen gemeint. .es hat eine Vorgeschichte. .es war eine politische Aussage der grünen in Deutschland. .die meinten ..las die Leute machen was sie wollen. .keine Sprache Kinder später nachziehen lassen. .nicht einmischen wenn Frauen zwangsverheirate werden. .Bestimmung in der Familie wen die Tochter heiratet. .und so weiter. .sie gingen davon aus. Die Leute werden schon bei längerem Aufenthalt sich den Regeln des Grundgesetzes annähern. .daraus resultiert Jahre später. .gettos .daraus wieder keine Annäherung an das Grundgesetz sondern das Gegenteil. Die Politik mußte sich korrigieren. .zu spät mit vielen folgen in vielen europäischen Ländern. .daraus raus entstand der Satz der Kanzlerin Multi kulti ist gescheitert. .es bezieht sich nicht auf die vielen unterschiedlichen kulturellen Eigenschaften. ..sondern nur. .sarazaarausondetmaa alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. .ob Christen Juden Moslems oder andere. .sarazaarausondetmaa Religion spielt da keine rolle. .wen ja wird dies geahndet. Das sehen wir als Vorteil in Deutschland. .

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