„Alle mobilisierten Deutschen zum Wiederaufbau einsetzen“ (I)

Zur Deportation von Deutschen aus dem östlichen und südöstlichen Europa in die Sowjetunion 1945-1949

Dienstag, 24. März 2015

Am 10. und 11. März fand in Hermannstadt/Sibiu eine Konferenz über die Deportation der Rumäniendeutschen in die ehemalige Sowjetunion vor 70 Jahren statt. Die Konferenz, veranstaltet von der Deutschen Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit dem DFDR und der Evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt, widmete sich vor allem der Widerspiegelung dieses harten Schicksalsschlags im kollektiven und individuellen Gedächtnis. In unseren folgenden Ausgaben drucken wir die Referate der Teilnehmer in jeweils mehreren Folgen ab.


Jahre

Als wir zum ersten Haufen kamen,
Kinder und alte Leute,
und unbekannte Geräte nahmen:
Da waren Finger noch rein und fein
und drangen nicht ins Eis hinein.
Und dieses ist nun der Anfang.

Und als wir zum zweiten Haufen kamen,
zerrissne Schuhe und Wasser,
und wieder Schaufel und Eisen nahmen:
Da hätten wir es schon fast gekonnt
und unsre Kräfte nicht geschont,
doch war es ja nur der Anfang.

Und als wir zum dritten Haufen kamen,
Lumpen und lausige Bettler,
und unsere schweren Stangen nahmen:
Da hoben wir sie mit Müh und Not
und dachten dabei ans morgige Brot.
War dieses noch der Anfang?

Und als wir zum vierten Haufen kamen,
Burschen und magere Mädchen,
mit harten Händen die Schaufel nahmen:
Da fiel sie doch manchem noch aus der Hand.
Wir schliefen und saßen am traurigen Rand.
Dies war nicht mehr der Anfang.

Doch als wir zum fünften Haufen kamen,
wieder war schöner Sommer,
über Kohle und Schutt flog Distelsamen …
Da sangen die Mädchen „Um giele Rin“;
Wir dachten alle ans Heimwärtsziehn.
Dies war ein neuer Anfang.

So fasste der hier in Hermannstadt geborene Büchner-Preisträger Oskar Pastior die fünf Jahre seines und so vieler anderer Leben in poetischer Dichte zusammen, die an den Rand des Abgrunds geführt haben, zu viele in den Abgrund schlechthin, Jahre, in denen der „Hungerengel“ „ins Hirn gestiegen“ ist, wie Pastior in einem anderen seiner „Russlandgedichte“ geschrieben hat, eine „Hautundknochenzeit“, Jahre der harten Arbeit, Jahre der Krankheit, Jahre der Rechtlosigkeit, Jahre des Heimwehs und der Aussichtslosigkeit, Jahre des für uns heute kaum vorstellbaren Leids, Jahre, die Zehntausende siebenbürgisch-sächsische Leben für immer verändert, nie mehr losgelassen haben.

Sie begannen mit einem Beschluss des Staatlichen Verteidigungskomitees der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken vom 16. Dezember 1944, dessen Wortlaut ich im Folgenden zitiere:

„1. Die Mobilisierung und Internierung aller arbeitsfähigen Deutschen – Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren, Frauen von 18 bis 30 Jahren –, die sich auf den von der Roten Armee befreiten Territorien Rumäniens, Jugoslawiens, Ungarns, Bulgariens und der Tschechoslowakei befinden, und ihre Verbringung zur Arbeit in die UdSSR. Zu mobilisieren sind sowohl Deutsche deutscher und ungarischer Staatsangehörigkeit als auch Deutsche mit der Staatsangehörigkeit Rumäniens, Jugoslawiens, Bulgariens und der Tschechoslowakei.

2. Die Leitung der Mobilisierung dem NKWD der UdSSR (Genossen Berija) zu übertragen. Das NKWD der UdSSR zu beauftragen, Sammelpunkte einzurichten, die Mobilisierten aufzunehmen und die Zusammenstellung und Entsendung von Transporten sowie deren Begleitschutz zu organisieren. In dem Maße, wie die Deutschen in den Sammelpunkten eintreffen, sind sie transportweise in die UdSSR zu verbringen.

3. Die Genossen Malinovskij und Vinogradov bezüglich Rumäniens und die Genossen Tolbuchin und Birjuzov bezüglich Bulgariens und Jugoslawiens sind verpflichtet:
a) die Mobilisierung und Internierung der in Punkt 1 genannten Deutschen in Verbindung mit den Regierungsstellen der betreffenden Länder durchzuführen;
b) die Realisierung der notwendigen Maßnahmen, die die Verbringung der mobilisierten Deutschen zu den Sammelstellen garantieren, in Verbindung mit den entsprechenden militärischen und zivilen Behörden vorzunehmen.

4. Den mobilisierten Deutschen zu erlauben, warme Kleidung, Unterwäsche zum Wechseln, Bettzeug, persönliches Geschirr und Lebensmittel, zusammen maximal 200 kg pro Person, mitzunehmen.

5. Den Chef der Rückwärtigen Dienste der Roten Armee und den Chef der Verwaltung für Militärtransporte zu beauftragen, die Bereitstellung von Eisenbahn- und LKW-Kapazitäten für den Transport der mobilisierten Deutschen sowie ihre Verpflegung unterwegs zu sichern.

6. Alle mobilisierten Deutschen zum Wiederaufbau der Bergbauindustrie im Donezkbecken und der Schwarzmetallurgie des Südens einzusetzen. Aus den am Arbeitsort eintreffenden Deutschen sind Arbeitsbataillone zu je 1000 Personen zu formieren.(…)

10. Die Mobilisierung der Deutschen im Dezember 1944 – Januar 1945 durchzuführen und die Verbringung an die Arbeitsorte bis zum 15. Februar 1945 abzuschließen.

Der Vorsitzende des Staatlichen Verteidigungskomitees
J. Stalin“

Dieser Beschluss, erfasst eigentlich das künftige Geschehen sozusagen vorweg zusammen, wurde umgehend, konsequent, akkurat und gnadenlos umgesetzt, so, wie der damit beauftragte, berüchtigte Staatssicherheitsdienst der Sowjetunion eben arbeitete. Er leitete die Deportation von Deutschen aus dem östlichen und südöstlichen Europa zur sogenannten Wiederaufbauarbeit in der Sowjetunion ein, einen Prozess, der

- in der Geschichte insgesamt und in der Geschichte des an Grausamkeiten, Vernichtungswillen und Vergeltungsdrang viel zu reichen 20. Jahrhunderts keineswegs singulär ist;

- auf Deutsche zurückfiel, in deren Namen derartige Verbrechen vom „Dritten Reich“ an Fremd- und Zwangsarbeitern aus den von ihm besetzten Gebieten sozusagen beispielgebend begangen worden sind;
ein Prozess, der
- Fragen nach der eigenen Schuld aufwirft, auch dann, wenn von einer Kollektivschuld gerade der Deutschen aus dem östlichen und südöstlichen Europa nicht die Rede sein kann;
- der – gemessen an anderen Beispielen kollektiver Verfolgung ethnischer Gruppen – zahlenmäßig weniger Menschen betroffen, verhältnismäßig aber viel mehr das Leben gekostet hat;

ein Prozess, der
- von einer Groß- und Siegermacht meist gegen den Willen, wenngleich mit Wissen und unter Mitwirkung der jeweiligen Regierungen und der ihnen nachgeordneten Behörden in vorgeblich befreiten, tatsächlich aber okkupierten, dem eigenen Machtbereich einverleibten Ländern durchgesetzt wurde;
- bis heute nachwirkt als ein „Erinnerungsort“ im kollektiven Gedächtnis der betroffenen Gruppen, als ein Nachkriegstrauma, das sich in deren historischem Gedächtnis unauslöschlich verwurzelt hat, denn aus kollektivem Leid ist ein kollektives Identitätsmuster erwachsen, obwohl in der Öffentlichkeit darüber kaum gesprochen wurde, kaum gesprochen werden durfte;

und ein Prozess, der
- der Erinnerung, des Gedenkens, der Überwindung der Sprachlosigkeit bedarf, weil sich Verbrechen bis heute wiederholen, die im Namen einer Ideologie, einer radikalisierten ethnischen, religiösen oder sozialen Gruppe begangen werden.

Keineswegs ist es möglich, in den nächsten 30 Minuten auch nur annähernd

- alle historischen Hintergründe und Entwicklungsstränge auszuleuchten, die der Deportation in die Sowjetunion vorangegangen sind, dazu geführt haben, dazu führen konnten, vielleicht auch führen mussten;

- jene Momente einzufangen, die das Leben des Einzelnen, das seiner Angehörigen und seiner Gruppe nachhaltig, ja für immer verändert haben, wenn es denn nicht ausgelöscht wurde;

- die vielfältigen Facetten dieses geschichtlichen Ereignisses in ihrer Komplexität darzustellen.

Allein das Standardwerk zur Deportation der Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion, das Georg Weber zusammen mit seiner Gattin Renate und mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herausgegeben hat, umfasst drei dicke Bände. Das Buch thematisiert das Schicksal einer Gruppe – hier und heute soll der Mobilisierung aller arbeitsfähigen Deutschen aus Ostmittel- und Südosteuropa zur Zwangsarbeit gedacht werden – und es behandelt auf der Basis einer umfassenden, gründlichen Dokumentation nahezu alle nur denkbaren Aspekte dieses Ereignisses. Trotzdem: Es ebnet „nur“ den Weg für weiterführende Forschungen, für intensivere Quellenrecherchen auch in bislang unzugänglichen Archiven, zu noch tiefer schürfenden Analysen und Interpretationen.

Dem eingangs zitierten Beschluss des Nationalen Verteidigungskomitees der UdSSR vorangegangen war eine vorläufige Bestandsaufnahme aller Personen deutscher Nationalität in den von Armeen der Zweiten, Dritten und Vierten Ukrainischen Front besetzten Gebieten Ost- und Südosteuropas, über deren Vollzug der Volkskommissar für Innere Angelegenheiten, Lawrentij Berija, am 24. November 1944 dem Generalissimus Stalin berichtet hatte. Berija, Stalins Bluthund, war es auch, der zusammen mit mehreren NKWD-Generälen die Aushebung zur Wiederaufbauarbeit koordinierte, überwachte und pünktlich durchführte – die drei eifrigsten Mitarbeiter waren Generalmajor A. N. Apollonov, Generalmajor I. M. Gorbatjuk und Generalleutnant Sladkevich, die sich bereits bei der Deportation der Wolgadeutschen in Lager der „Arbeitsarmee“ (der „Trudarmija“) in Zentralasien und Sibirien bewährt hatten.


Hon.-Prof. Dr. phil. Konrad Gündisch, geb. 1948 in Hermannstadt/Sibiu, Studium der  Geschichte an der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca, 1971–1984 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte und Archäologie der Universität Klausenburg, 1985–1986 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Mainzer Akademie der Wissenschaften, Forschungsstelle für Personalschriften Marburg, 1987–1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Historischen Seminars der Universität Tübingen, 1991–1993 Referent für transsilvanische Forschung am Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart, und Leiter der Siebenbürgischen Bibliothek im Landeskundlichen Dokumentationszentrum in Gundelsheim, 1993–2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Professor und stellvertretender Direktor an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, seit 2013 Direktor des Instituts für Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2014 mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis ausgezeichnet.

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