Alle Zehn – einst und heute

Abschluss der Renovierung an Alzener Kirchenburg wurde mit großem Burgfest gefeiert

Dienstag, 13. August 2013

Der Unternehmer Hans Tekeser im Gespräch mit Pfarrer Werner Ungar.

Eine aus im Dorf und in Deutschland lebenden Alzenern gebildete Kulturgruppe bot Heimatlieder und -gedichte.

Festrednerin Rosemarie Müller, die „Seele von Alzen“, und Moderator Dieter Thiess, ansonsten Unternehmensberater.

Ein neues Dach haben die drei erhaltenen Wehrtürme, gedeckt wurde auch die Burgmauer.

Der in der Schweiz lebende und um das siebenbürgische Kulturerbe bemühte Dipl.-Ing. Hans-Christian Habermann gehörte zu den Festrednern.
Fotos: Hannelore Baier

Hermannstadt – Zehn Männer rodeten den Wald und bauten zehn Häuschen. Danach trafen sie sich um festzustellen, welches der tüchtigste gewesen war, denn dessen Namen sollte der Ort erhalten. Die Zehn stellten fest, alle Gehöfte sind gleich schön. Also beschlossen sie, das Dorf „Alle Zehn“ zu nennen. So entstand, der Sage nach, Alzen/Alţâna.

Die Sage erzählte Lehrerin Rosemarie Müller, die als Kuratorin der evangelischen Gemeinschaft zunächst in der Kirche und danach in ihrer Festansprache alle Alzener und deren zahlreiche Gäste herzlich begrüßte. Gefeiert wurde am Samstag in der geschmackvoll mit rot-blauen Fahnen und Sonnenblumen geschmückten Kirchenburg im Harbachtal der Abschluss der im vergangenen Herbst begonnenen Renovierungsarbeiten an drei Wehrtürmen und der Burgmauer. Wie zu Zeiten der Einwanderer unter Beweis gestellt, erwiesen sich die Alzener auch diesmal als tüchtig: Sie riefen zu Spenden auf und griffen in die Tasche und es kamen rund 15.000 Euro zusammen. Damit konnten die Dachstühle der Wehrtürme ersetzt und die Dächer mit handgefertigten Ziegeln neu gedeckt werden. Die alten Ziegeln schützen nun die ebenfalls renovierte Burgmauer. Durchgeführt hat die Renovierungsarbeiten die Firma von Ernst Linzing aus Malmkrog/Mălâncrav.

Den Spendenaufruf an Alzener, Kunden, Zulieferer aber auch die Siebenbürgisch-Sächsische Stiftung und die Carl-Wolff-Gesellschaft hatte Hans Tekeser versandt. Der Inhaber der Firma „Alzener Automotive“ im württembergischen Grafenau folgt seit Jahren jedem Aufruf der Heimatortsgemeinschaft (HOG), für den Erhalt der Kirchenburg in seinem Heimatdorf mitzusorgen. Mittels Festen in der Urlaubszeit im Heimatdorf ist er bemüht, die Gemeinschaft der Alzener über Grenzen hinweg aufrecht zu erhalten. Dem Ehepaar Ute und Hans Tekeser wurde von Seiten der HOG, vertreten durch Britta Müller und Maria Sander, für sein Engagement gedankt.

Das Burgfest

Weder Tekeser, noch Helmuth Hensel, der Geschäftsführer der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung (e.V. München), hätten Kosten oder Mühen gescheut, um ein gehöriges Fest zu organisieren, bemerkte Anemone Müller. Erwartet hatte man 300 Personen, gekommen sind über 600. Jedes Fest einer siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft beginnt mit einem Gottesdienst, gefeiert wurde er in der herausgeputzten Kirche. Liturg und Prediger war „unser“ Werner, d. h. Pfarrer Werner Ungar aus Augsburg, dessen Großvater 38 Jahre lang Alzner Pfarrer gewesen war, der hier die Kinder- und Jugendjahre verbracht hatte und in jedem Sommer hierher wiederkommt. Er erwähnte in der Predigt, dass Alzen 1291 erstmals urkundlich erwähnt wurde, man die erste Wehranlage im 13. Jahrhundert um die Kirche errichtet hat, sie um 1500 vier Türme hatte, der Nordturm jedoch 1914 in sich zusammenfiel. Dasselbe Schicksal will man der verbliebenen Anlage ersparen, selbst wenn keine Verteidigung mehr nötig ist. In den vergangenen Jahren wurden die Kirchturmuhr und das Glockengeläut repariert, das Kirchturmdach und der Turm saniert, sagte Rosemarie Müller in ihrer Ansprache. Alles aus Spenden.

Die sächsische Gemeinschaft hat im Ort 60 Mitglieder – am 1. Januar 1990 waren es 560 gewesen, doch gab es auch Zeiten mit 800 und 1000 „Seelen“ – die überlieferten Traditionen werden fortgeführt in der Kirchenburg, die sich dank vereinter Kräfte sehen lassen kann. „Wir sind füreinander  ein Stück Heimat“ meinte sie zu dem guten Miteinander der im Dorf Verbliebenen und den in Deutschland lebenden Alzenern.      
Den Gottesdienst musikalisch gestaltet hatten Julia Baumann mit Gesang und Bläsern der „lustigen Adjuvanten“ aus dem österreichischen Traun mit Musik von Händel. Adjuvant Dietmar Lindert, dessen Vorfahren aus der Bistritzer Gegend stammen, hat in Alzen ein Haus gekauft und ist – wie auch andere Kapellenmitglieder – in Alzen mittlerweile zuhause. Die Adjuvanten erfreuten die Festteilnehmer nach dem Gottesdienst mit Märschen und Polka, Volkstänze führte die Alzener Tanzgruppe auf, die sich 1992 in Nürnberg wiedergefunden hat, aber auch die Volkstanzgruppe des Hermannstädter Jugendforums. Was Identitätsbewahrung bedeutet zeigte auch die ad-hoc aus Jung und Alt, in Alzen und in Deutschland Lebenden gebildete Gruppe: Sie sang Lieder aus dem sächsischen Kulturgut und Jugendliche trugen die Gedichte „Der Sachsenadel“ von Friedrich Georg Marienburg und „Siebenbürgische Elegie“ von Adolf Meschendörfer vor.

Geschichtsbewusstsein

Die Siebenbürger Sachsen haben Siebenbürgen nicht verlassen, aber viele haben den Wohnort anderswo, sagte Dr. Bernd Fabritius, der Bundesvorsitzende des Verbands der Siebenbürger Sachsen, in seiner Ansprache angesichts der zahlreichen Trachtenträger aller Alterstufen. Zu den Trachtenträgern gehörte auch Helmuth Hensel, der Geschäftsführer der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung, der in rumänischer Sprache die rumänischen Behörden aufforderte, dem siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbe dieselbe Achtung zu schenken wie den orthodoxen Kirchen. Da auch das Kirchendach repariert werden müsse bat er die Alzener um weitere Spenden. Zu den Festrednern gehörte der in der Schweiz lebende Unternehmer Hans-Christian Habermann, dessen Vater die Siebenbürgisch-Sächsische Stiftung gegründet hatte. Habermann und die Stiftung sind seit 1992 in beispiellosem Einsatz für den Erhalt des Kulturerbes bemüht, gefördert aber werden auch Projekte, um die jungen Leute an dieses Erbe heranzuführen. Er gab den Rat, auch unter den Franzosen Verbündete hiefür zu suchen, denn schließlich gab es unter den Einwanderern auch Wallonen. Jede Generation müsse für sich den Zugang zur Geschichte suchen und diese verstehen, meinte Martin Bottesch, der Vorsitzende des Siebenbürgensforums. Was die Alzener geleistet haben, trage zum Geschichtsbewusstsein ihrer Gemeinschaft bei sagte er und sprach seine Hochachtung aus.

Moderator der Festveranstaltung war Dieter Thiess, der Schatzmeister der CWG und ansonten als Berater für kleine und mittelständische Unternehmen sowie als Dozent und Trainer für Weiterbildungen tätig. Auch er hat Alzner Wurzeln.      
Alle Zehn zogen nach 1990 aus Alzen fort. Sie sind tüchtig und haben das Dorf nicht vergessen.

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