Alle ziehen am selben Strang

Waldorflehrerin Annette Wiecken ist Ehrenbürgerin von Rothberg

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Das Christgeburtsspiel in Rothberg

Zahlreiche Dorfbewohner, hauptsächlich Roma, nehmen an der Vorstellung in der evangelischen Kirche teil.

Der neue Waldorfkindergarten in Rothberg
Fotos: Andrey Kolobov (2), Cristian Sencovici (1)

In der Rothberger Waldorfschule beginnt schon im Spätherbst eine besonders rege außerschulische Tätigkeit. Lehrer, Schüler und ehemalige Schüler treffen sich, um ein Fest besonderer Art vorzubereiten. Es handelt sich um zwei klassische Stücke der Waldorfpädagogik, Paradeisspiel und Christgeburtsspiel, die alljährlich eingeübt und in der Vorweihnachtszeit aufgeführt werden.
Die beiden Stücke stammen aus dem Mittelalter, u. zw. aus dem deutschsprachigen Teil Ungarns, die Musik kam später hinzu. Die Texte wurden ins Rumänische übersetzt, die Musikbegleitung mit Orgel, Flöte und Gesang den lokalen Gegebenheiten angepasst. Aufführungsort ist seit drei Jahren die altehrwürdige evangelische Kirche von Rothberg/Roşia mit ihrem archaischen Zauber, wo durch eine Kulisse aus grünen Tannenbäumen und wandelnden Lichtergestalten eine zauberhafte Atmosphäre heraufbeschworen wird.

Es ist jene Kirche, wo sommers immer wieder Gäste auftauchen, um den Ausführungen eines Pfarrers zu lauschen, der den Ort durch seine Anwesenheit weltbekannt gemacht hat. Die Bücher Eginald Schlattners und ihre Verfilmungen haben mehr Aufmerksamkeit für Siebenbürgen geweckt. Seine Beschäftigung mit der Romabevölkerung nicht minder. Kein Wunder, dass hier im ländlichen Raum die einzige Waldorfschule des Kreises Hermannstadt steht, die vor allem von Romakindern besucht wird. Das eigentliche Fest fand auch diesmal in der Vorweihnachtszeit statt. Als Zuschauer hatten sich Eltern und Kinder aus dem Ort sowie Gäste aus dem nahen Hermannstadt eingefunden, darunter Mitarbeiter des deutschen Konsulats mit Konsul Thomas Gerlach sowie Dechant Dietrich Galter seitens der Evangelischen Kirche. Es fehlten weder Schuldirektor noch Bürgermeister, noch der orthodoxe Pfarrer, der die einleitenden Worte sprach, weil Pfarrer Schlattner abwesend war. Am Ende der beeindruckenden Veranstaltung wurden alle in den neuen Kindergarten zu einem warmen Festmahl geladen.

Wer an so einem Ort an einem Fest teilnimmt, muss verwundert feststellen, dass es noch Stätten in diesem Land gibt, wo die Welt halbwegs in Ordnung zu sein scheint, weil alle an einem Strang ziehen. Wie wäre es sonst zu erklären, dass in einem guten halben Jahr ein funkelnagelneuer Kindergarten nicht nur aufgebaut, sondern auch eingerichtet und eröffnet werden konnte und dadurch ein langgehegter Traum Wirklichkeit wurde? Dass dahinter 15 Jahre hartnäckiger Anstrengung liegen, davon kann Annette Wiecken, Leiterin und Lehrerin der Waldorfschule in Rothberg, ein langes Liedchen singen, denn es ihr Werk! Als sie 1996 zum ersten Mal mit ihrer Tochter bei Pfarrer Schlattner eintraf, um Informationen über das Leben der Roma zu sammeln, war sie fasziniert: Soviel Armut und soviel Lebenslust gleichzeitig wie bei Romakindern, so etwas erlebte man nicht jeden Tag. Und die Tochter sagte: Da müsste eine Waldorfschule her!

Es war jene Zeit, als von den einst 300 Sachsen nur noch wenige übrig geblieben waren und Pfarrer Schlattner im Schreiben eine Überlebensstrategie suchte und fand. Und er erkannte von Anfang an jene Tendenz, die inzwischen Wirklichkeit geworden ist: Die Sachsen ziehen aus, und die Roma ziehen ein. Und diesen muss geholfen werden, denn sie stehen am Rand der Gesellschaft.
Rothberg hatte großes Glück, Frau Wiecken hatte ihre Chance: Sie war am richtigen Ort gelandet, hier war viel zu tun. Und sie hatte einen starken Hinterhalt: die Waldorfanhänger in ganz Europa und insbeson-dere in der Schweiz. Ohne sie alle und ihre großzügigen Spenden für eine gute Sache, ohne ihren Einsatz, ihre Hilfe und ihren Zuspruch wäre dies alles nicht möglich gewesen. Bald stand das neue Schulgebäude, bald füllten sich die Klassen, vor allem mit Romakindern.
Nicht so leicht war es mit den Lehrern, denen die Waldorfpädagogik erst ans Herz gelegt werden musste. Aber mit der Zeit pendelte sich alles ein. Und so stehen in Rothberg zwei Schulen nebeneinander, die jede ihr eigenes Programm verfolgt, aber von einem einzigen Direktor geleitet werden, der sich um beide kümmert. Ihm zur Seite steht ein verständnisvoller Bürgermeister. Und daneben ein evangelischer Pfarrer, der sich freut, wenn aus seiner uralten Kirche fröhliche Kinderstimmen ertönen. Doch die Seele des Ganzen ist und bleibt diese zarte und starke Frau, die die Zügel fest in der Hand hält.

Sie hat ihn vollauf verdient, ihren Preis nach der Einweihung des Kindergartens im Herbst: Die Deutsche Annette Wiecken wurde zur Ehrenbürgerin von Rothberg erklärt! Wer aber glaubt, sie würde sich nun auf ihren Lorbeeren ausruhen, irrt sich. In der Kirchgasse neben der evangelischen Kirche stehen zwei aufgelassene Gebäude: die leere sächsische Schule und das verwaiste Kulturheim. Eine Berufsschule und ein Arbeitsatelier für Jugendliche und Handwerker sind Zukunftsvisionen, die vorerst an Träume erinnern. Aber Träume können wahr werden, wenn dahinter die richtigen Menschen stehen... Annette Wiecken und ihre Freunde von der Waldorfbewegung haben es bewiesen.

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