„Alles auf Erden ist Spaß“

Giuseppe Verdis „Falstaff“ in der Stuttgarter Staatsoper

Freitag, 17. Januar 2014

Zum Abschluss des Verdi-Jahres wurde in der Stuttgarter Staatsoper noch einmal die komische Oper „Falstaff“ des berühmten italienischen Komponisten gegeben, die nach ihrer umjubelten Stuttgarter Premiere am 20. Oktober 2013 und nach mehreren Aufführungen im November am 27. Dezember auf dem Festtagsprogramm des Stuttgarter Großen Hauses stand. Die Realisierung dieser letzten Oper Verdis in der baden-württembergischen Landeshauptstadt war ein Herzenswunsch des Stuttgarter Generalmusikdirektors Sylvain Cambreling, der auch am 27. Dezember die musikalische Leitung des von Andrea Moses inszenierten musikdramatischen Werkes innehatte.

Wie in seinen Opern „Macbeth“ und „Otello“, so entstammen auch in Verdis „Falstaff“ der dramatische Stoff und die titelgebende Hauptgestalt dem Oeuvre Shakespeares. Der sprichwörtlich dicke und angeberische Protagonist Falstaff spielt eine gewichtige Rolle in Shakespeares Komödie „Die lustigen Weiber von Windsor“ sowie in dessen Historiendramen „Heinrich IV.“ und „Heinrich V.“. Das Komische an der Falstaff-Figur ist dabei nicht nur vordergründig oder oberflächlich, sondern auf die Tiefe der conditio humana hin angelegt.

Der Shakespeare-Verehrer Verdi hatte es, nach dem eklatanten Misserfolg seiner ersten komischen Oper „Un giorno di regno“ (König für einen Tag) im Jahr 1840, der ihn fast dazu gebracht hätte, seine Komponistenkarriere abzubrechen, 53 Jahre später mit „Falstaff“ ein zweites Mal gewagt, eine Komödie auf die Opernbühne zu bringen, und dieses Mal wurde ihm sein Versuch mit allseitiger Anerkennung und begeisterter Würdigung gelohnt. Zum überwältigenden Erfolg dieser letzten Oper Verdis trug gewiss nicht nur sein eigener Ruhm als Komponist, sondern auch das überragende Können des Librettisten Arrigo Boito bei, mit dem Verdi zuvor schon mehrfach künstlerisch zusammengearbeitet hatte.

Die ersten Töne, die in der Stuttgarter Neuinszenierung von „Falstaff“ erklingen, kommen nicht aus dem Orchestergraben, sondern rühren von einer Jazz-Trompete her, die als ganz eigene Art von Ouvertüre die Metamorphose des englischen Sir John Falstaff in einen italienischen Lebemann begleiten, der sich im Gastraum einer Taverne vom Schankwirt, der nebenbei und ganz unverdihaft den italienischen Schlager „Azurro“ trällert, Spaghetti und Rotwein servieren lässt, im Beisein seiner als Mafiosi eingekleideten Diener Bardolfo und Pistola.
Verkleidung und Verstellung ist auch das Leitmotiv dieser „commedia lirica“ Verdis, die ihre Bühnenakteure bis zur Kenntlichkeit entstellt oder bis zur Unkenntlichkeit verdeutlicht, wie immer man es nehmen will.

Die scheinbar verliebten Bürgersfrauen aus Windsor sind in Wahrheit berechnende Intrigantinnen, vielleicht aber auch nicht, Falstaff ist ein Schurke, vielleicht aber auch dessen Gegenteil, der sich gehörnt wähnende Ehemann Mr. Ford wird von seiner Frau Alice zwar betrogen, aber anders als er denkt, die ganze Handlung ist umwerfend komisch, vielleicht aber auch tragisch abgründig. Nur das junge Liebespaar Nannetta und Fenton bildet einen Ruhepol der Verlässlichkeit in diesem atemlosen und verwirrenden Treiben, in dem alle anderen am Ende betrogene Betrüger sind.

Symptomatisch dafür ist die Szene an der Herne-Eiche im Park von Windsor. Der mächtige Baum kommt in Stuttgart freilich in zersägtem und gestapeltem Zustand auf die Bühne, wird aber in einem schräg über der Bühne hängenden monumentalen Spiegel illusorisch gleichsam wieder aufgerichtet. Seine Krone bevölkern als Baumnymphen, Tannenfeen, Waldelfen, Einhörner und  das Forstarbeiter getarnte oder verkleidete Gestalten, die dabei zusehen, wie der als Prachthirsch auftretende Falstaff der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben wird. Die einfallsreichen Kostüme (Anna Eiermann) evozieren die Atmosphäre von Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ und jeden Moment erwartet man den Auftritt von Oberon und Titania im Gehölz.
Holz ist auch das Material, aus dem die Aufbauten der Bühne (Jan Pappelbaum) gemacht sind.

Versenkbare und verschiebbare Holzwände kreieren immer neue Räume, Interieurs, Winkel und Nischen, in denen sich das musikdramatische Geschehen vollzieht. Im Haus der Fords türmen sich sogar mehrere, durch Holztreppen verbundene Stockwerke übereinander, die durch den schrägen Monumentalspiegel über der Bühne noch höher wirken. Wenn dann noch, wie am Ende des zweiten Aktes, das ganze Haus der Fords bei der Suche nach Falstaff auf den Kopf gestellt wird, wenn Kleider, Papier und noch etliches andere durch die Luft (und im Spiegel auch nach oben) fliegen, hat die allseitige Verwirrung der Bühnencharaktere in der Regie von Andrea Moses einen genialen bildlichen Ausdruck gefunden.

Überhaupt besticht die Regie im Stuttgarter „Falstaff“ nicht nur durch Witz, Situationskomik, atemberaubende Handlungstempi sowie durch die minutiöse Inszenierung sowohl der Protagonisten als auch jeder einzelnen Nebenperson. Vielmehr gelingt es der Regisseurin darüber hinaus perfekt, das Bühnengeschehen mit dem musikalischen präzise in Einklang zu bringen. Wenn beispielsweise der „taverniere“, der Schankwirt, sein silbernes Serviertablett zu Boden wirft und dieses genau synchronisiert mit einem orchestralen Paukenschlag dort auftrifft, oder wenn er das Tablett auf den Tisch schlägt und dieser Klang wieder im Orchester sein exakt simultanes instrumentales Pendant findet, dann wird Musik Bild und Bild Musik.

Es ist denn auch die Musik, die den choreografischen, beleuchtungstechnischen und bühnenbildnerischen Genuss der Stuttgarter Inszenierung noch um ein Vielfaches steigert. Der Reichtum der Verdischen Musik wird dabei von allen musikalischen Akteuren, den Gesangssolisten, dem von Johannes Knecht einstudierten Staatsopernchor sowie dem von Sylvain Cambreling geleiteten Staatsorchester, kongenial zu Gehör gebracht. In der Aufführung am 27. Dezember ragten neben Albert Dohmen in der Titelrolle und Atalla Ayan in der Rolle Fentons vor allem die vier Solistinnen hervor: Simone Schneider, die kurzfristig für Christiane Iven eingesprungen war, als Mrs. Ford, Sophie Marilley als Mrs. Page, Hilke Andersen als Mrs. Quickly und Pumeza Matshikiza als Nannetta. Die Quartette dieser vier Sängerinnen im Hause Ford gehörten zu den musikalischen (und schauspielerischen) Höhepunkten des sehens- und empfehlenswerten Stuttgarter „Falstaff“, der mit einem finalen Tutti endet, das vielleicht Verdis Vermächtnis in sich birgt: „Tutto nel mondo è burla, l’uom è nato burlone“ (Alles auf Erden ist Spaß, der Mensch ist als Narr geboren).

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