Alles begann mit den Wachstäfelchen...

Eine Zeitreise durch das Leben des siebenbürgischen Archäologen Dr. Volker-Arthur Wollmann

Sonntag, 24. April 2016

1962: Noch träumt der Student - hier bei Grabungen in der Dakerburg Piatra Craivii (Alba) - von der großen Wissenschaftskarriere. Heute blickt er auf zahlreiche Entdeckungen, Veröffentlichungen und Ehrungen zurück - 2012 wurde ihm sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Reschitza 1966: Bei montanarchäologischen Untersuchungen in Dognatschka an einer Grubenkunst aus dem 18. Jh. im Christina-Schacht

Bei der Vorstellung von Band 3 der Buchreihe „Vorindustrielle und industrielle Denkmäler in Rumänien“ in Kronstadt 2013

Letzes Jahr wurde Volker Wollmann (Mitte) die Ehrendoktorwürde der Universität „1 Decembrie 1918 Alba Iulia“ in Karlsburg verliehen, an der er von Oktober 2000 bis Juli 2006 als Privatdozent unterrichtete.
Fotos: privat

Während draußen die Frühlingssonne Kronstadt erhitzt und die Menschen, gerade dem Winter entflohen, schnatternd Parkbänke und Eisstände erobern, sitzen wir im stillen, kühlen Dunkeln. Trostlos nur auf den ersten Blick, wird der Raum zu einer Art Bahnhof für eine ungewöhnliche Reise: Zusteigen, bitte! Mein charmanter Begleiter kennt jede der Stationen, lädt hier und da zum Verweilen ein, leider bleibt nicht überall Zeit. Die Haltestellen tragen seltsame Namen: „Römische Wachstäfelchen“, „Grabungsstätte Dierna“, „Siebenbürgisches Museum“ oder „Industriegeschichte Rumäniens“. 74 Jahre soll die Reise dauern, fast auf den Tag genau. Vielleicht keine rasante Abenteuerfahrt - doch eine spannende allemal! Insbesondere, wenn man sich von der Leidenschaft des Reiseführers anstecken lässt...

...Geschichte. Geschichte ist der Fixstern, um den alles im Leben von Volker Wollmann kreist. Schon in der Kindheit hatte sie ihn in den Bann gezogen, als Lateinlehrer Ion Berciu die Schüler an den Wochenenden zum Scherbensuchen auf die Fundstätte der Petreşti-Kultur einlud - eine Ansiedlung aus der Kupferzeit mit hochentwickelter bemalter Keramikkunst beim heutigen Langendorf/Lancrăm. „Auch meine Heimatstadt Mühlbach/Sebeş hat mich natürlich geprägt, mit seinem mittelalterlichen Flair“, bekennt Wollmann. „Doch mehr noch mein Geschichtelehrer Theobald Streitfeld, über dessen Werk ich vor drei Jahren ein Buch herausgebracht habe.“

Geschichte. Sie war auch seine Rettung nach einer wenig glorreichen Schulzeit. Schwach in Mathe, „den anderen Fächern hatte ich den Krieg erklärt“, nimmt sich der Junge das berüchtigte Lehrwerk von Michael Roller vor, das man für die Aufnahmeprüfung für einen Studienplatz an der Klausenburger Geschichtsfakultät büffeln musste. Zumindest, wenn man keine „gesunde Herkunft“ nachweisen konnte, denn die ersten 30 Plätze mit Staatsstipendium belegten - kommunismuskonform - rumänische Bauern- und Arbeitersöhne. Um die übrigen konkurrierten 40 Schüler pro Platz. Volker ist unter den Glücklichen! „Befreit von den Komplexen und Zwängen der Schulzeit“, stürzt er sich mit Feuereifer ins Studium.

Rätselhafte beschriftete Holztäfelchen...

„Mich haben vor allem die römischen Wachstäfelchen, von Streitfeld vorgetragen, interessiert“, erklärt er seine spätere Spezialisierung auf Archäologie: Hölzerne Tafeln, je drei zusammengebunden, mit Wachs überzogen und auf Latein kursiv beschrieben. Wertvolle Kaufverträge aus der Provinz Dakien, in den Stollen von Roşia Montană 166 vor dem Angriff der Markomannen versteckt - und vergessen. Erst die Österreicher, die dort ab 1730 Tiefbau betrieben, haben sie wiederentdeckt. Im ersten Studienjahr konnte er auf einer Exkursion die römischen Stollen, mit Schlegel und Eisen behauen, bewundern. Erstaunt stellte er fest, dass sich bisher noch niemand wissenschaftlich damit befasst hatte und wählte als Titel seiner Doktorarbeit „Metallbau, Steinbrüche und Salzgruben im römischen Dakien“. Das Thema Grubengeschichte sollte ihn ein Leben lang begleiten.

Es folgen kurze berufliche Stationen als Lehrer, dann Museumsdirektor in Reschitza, bevor es Volker Wollmann zurück an die Uni Klausenburg zog, an das Institut für Geschichte und Archäologie. Zehn Jahre lang arbeitete er dort mit seinem Doktorvater Prof. Ioan Russo zusammen, führte Grabungen in Alburnus Maior (Ro{ia Montană) und im römischen Dierna (Orşova) durch, forschte zum Berg- und Hüttenwesen in Siebenbürgen und dem Banat.

Eine Zeit voller faszinierender Einblicke! „Ein einschneidender Moment war für mich die Entdeckung und Erschließung eines Weihebezirks oder Heiligen Hains 1983 - ein Pantheon der Bergleute vorwiegend illyrischer Herkunft“, schwärmt der Archäologe. 27 Weiheinschriften mit Namenslisten verrieten, dass sich kurz nach Gründung der römischen Provinz Dakien illyrische und dalmatische Bergleute dort niedergelassen hatten. Auffällig ihre Göttervielfalt mit bisher kaum bekannten Namen, etwa Mellona, Soranus, Naon oder Aerecura, mitgebracht aus der alten Heimat - oder Zeugnis eines spezifischen Bergkults? „Sie muss dem religiösen Leben in Alburnus Maior eine besondere Farbigkeit verliehen haben“, staunt Wollmann. Die Siedlung ist übrigens auch in den Wachstäfelchen erwähnt!

Beeindruckt war der junge Forscher aber auch von den Wasserheberädern aus vorrömischer und römischer Zeit, die in Ro{ia Montan² und anderen antiken Bergbauorten Dakiens, sowie in den römischen Provinzen Hispanien und Britannien, zum Einsatz kamen. Aber auch von den ersten vorindustriellen Einrichtungen im Bergbau und Hüttenwesen, Grubenkunst genannt, mit Zugvieh oder Wasserkraft betrieben, für die Grubenfahrt, die Trockenhaltung der Stollen und Beförderung der Erze an den Tag. An einen bahnbrechenden Fund aus 1784 im Banat erinnert er sich besonders: eine Wasserhebeeinrichtung mit einem Wasserrad über Tage, das einen unterirdischen Pumpmechanismus für überflutete Schächte antrieb. Sie konnte Grubenwasser (Teufe) aus einer Tiefe von mindestens 52 Metern an die Oberfläche befördern.

Die „falsche“ Marianne!

Sein erfülltes berufliches Leben ließ Volker Wollmann lange nicht ans Auswandern denken. Freilich gibt es so manche kuriose Anekdote aus der kommunistischen Zeit: die angeordneten Großgrabungen an der vermeintlich slawischen Burg von Gelu Glad bei Gherla, die er als ungarischen Ursprungs identifizierte, was aber niemand hören wollte... Die Löcher in den Zeitungen der Observanten, die ihn durchs ganze Land begleiteten, als er Marianne Strauß, einer Postangestellten aus Donauwörth, die Moldauklöster zeigte. So hieß schließlich auch die Ehefrau des damaligen bayrischen Ministerpräsidenten. „Wie kommt ihr Sohn zu solch hohen Kontakten?“ fragte der Securitate-Offizier, der seinen Vater in Mühlbach aufsuchte. Die „falsche“ Marianne“ hatte Volker bei Notgrabungen in Orşova kennengelernt, wo die römische Stadt Dierna freigelegt wurde, bevor sie der Stausee am Eisernen Tor für immer verschlingen sollte. Die Grabungsstätten zogen stets Touristen der zweimal täglich vorbeifahrenden Donaudampfer an. An Schikanen oder gar Repressalien erinnert sich der Siebenbürger Sachse nicht. Schließlich gab die Sorge um das Schicksal der Töchter den Ausschlag zur 1988 erfolgten Aussiedlung. „Wir hatten das Gefühl, dass die deutschen Schulen abgeschafft würden, nachdem man schon das deutsche Fernsehen auf 10 Minuten reduziert hatte,“ erklärt Wollmann und ergänzt: „Wir wollten auch freier leben.“ Dann, schmunzelnd: „Deutschland glänzte damals eben noch nach Gold.“

Museum ohne Zukunft

Nur mit der Arbeit könnte es problematisch werden, befürchtete der Archäologe: „Ich hatte schon Fühler ausgestreckt, aber mir nicht viel Hoffnung gemacht“. Das Arbeitsamt Landshut schickte ihn zum Amt für Denkmalspflege: er solle dort mal schnuppern. Eine billige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Vielleicht gibts ja irgendwann eine Planstelle, vertröstete man ihn. Es klang nicht gerade ermutigend. Dann, überraschend, kam das Angebot aus Gundelsheim: Die Leiterin des Siebenbürgischen Museums war unerwartet verstorben, man suchte einen Nachfolger. 30 Kandidaten bewarben sich, „aber 29 wussten nichtmal, wo Siebenbürgen ist!“ scherzt Wollmann. Die Kriterien - Promotion, Rumänisch zu können und Kontakte zu Einrichtungen in Rumänien - waren wie auf ihn zugeschnitten. Und die Zeiten tatsächlich noch rosig, denn das als Heimatstube begonnene Museum auf Schloss Horneck wurde bald dem Innenministerium zugeschlagen, als Landesmuseum institutionalisiert und erhielt neun Planstellen! „Man hat uns in Aussicht gestellt, die Dauerausstellung umzubauen - tatsächlich haben wir 1996 über eine Million bekommen.“

Doch weil Gundelsheim abseits touristischer Routen liegt, „Siebenbürgen“ dort kein Zugpferd ist und die Besucherzahlen gering sind, schlug der Bund die Verlagerung in eine Großstadt vor. „Man hätte es Peter Maffay- oder Dracula-Museum nennen sollen, dann wären die Leute gekommen!“, unkt Wollmann. Ulm, Sitz des Donauschwäbischen Zentralmuseums, hätte sich angeboten. „Doch der Trägerverein wollte nicht....“, bedauert er. Dann kam, was kommen musste: Der Bund hat die Planstellen gestrichen und den Etat um zwei Drittel gekürzt. Nach 14 Jahren als Direktor kündigt er schließlich, weil er keine Zukunft für das Museum mehr sieht. „Heute gibt es dort nur noch eine befristete Stelle und eine Hilfskraft, aus Projektmitteln finanziert.“ Dabei kann sich der Bestand, der sogar das Donauschwäbische Zentralmuseum in den Schatten stellt, durchaus sehen lassen, schwärmt Wollmann: Zinngießer- und Goldschmiedearbeiten, Unikate! Töpferkunst, Utensilien der Nachbarschaften und Bruderschaften mit Viehbrandzeichen, Truhen, Bestattungsutensilien, rituellen Trinkgefäßen...

Der ehemalige Museumsdirektor nimmt drei Jahre Arbeitslosigkeit in Kauf, bis zur Pensionierung. „Endlich Zeit, nach Lust und Laune zu forschen!“ begeistert sich der heute 74-Jährige, der gerade wieder durch Siebenbürgen tourte, um die rumänische Industriegeschichte zu studieren.

Auf dem Tisch vor uns zwei seiner Meilensteine: Einer ganz frisch aus der Druckerpresse, Band 5 aus der Reihe „Vorindustrielle und industrielle Denkmäler in Rumänien“. Den anderen hatte er mir bei unserem letzten Treffen versprochen: „Silber und Salz in Siebenbürgen“, Band 4 aus seiner 12-teiligen Reihe, wo auch die römischen Wachstäfelchen beschrieben sind. „Hier!“, zeigt er begeistert auf eines der Fotos - die Fahrkarte zu einer Reise, die einen kleinen Mühlbacher Jungen in eine spannende wissenschaftliche Zukunft führte!

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