„Als Banater fühle ich mich in Wien wie daheim“

Gespräch mit Simion Giurca, Leiter des rumänischen Fremdenverkehrsbüros in Wien

Mittwoch, 23. Mai 2012

Simion Giurca ist mit der Entwicklung des Tourismus zufrieden: „Rumänien ist in vielem deutlich besser geworden und beweist weiterhin einen starken Verbesserungswillen.“

„Eine klare, steigende Tendenz mit guten Zahlen“, freut sich der Experte. „Die Anzahl der österreichischen Besucher in Rumänien hat sich zwischen 2000 und 2007 verdreifacht.“ Nach krisenbedingten Rückgängen 2008 und 2009 gab es für 2010 und 2011 wieder Steigerungen.

Wer kennt ihn in Wien nicht? Simion Giurca, geboren 1957 in Arad, verheiratet, ein Sohn im Schulalter, gehört zu den erfolgreichsten Vertretern eines Interessenverbandes in Wien. Er dient dem rumänischen Fremdenverkehr und der zwischenstaatlichen Freundschaft wie kein Zweiter. Botschafter kommen und gehen, früher oder später. Giurca aber bleibt! Seit 1994 ist er in Wien als Leiter des rumänischen Fremdenverkehrsbüros, spricht, neben anderen Fremdsprachen, sehr gut Deutsch, ist fleißig und stets freundlich. Simion Giurca ist gewählter Präsident im dritten Mandat vom Corps Touristique Austria, ein EU-weit anerkannter Fachverein von 37 nationalen Fremdenverkehrsämtern sowie 29 außerordentlicher Mitglieder, und Vizepräsident des Werbevereins der Anrainer „Die Donau“ in Wien. 2007 wurde er durch die österreichische Fachzeitschrift „Faktum“ zum „besten ausländischen Fremdenverkehrsamtsleiter in Österreich“ nominiert. Am 17.12.2007 wurde ihm das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Anlässlich der Ausstrahlung einer Dokumentation über Bukarest im österreichischen Fernsehsender ORF3, „Besser Reisen“, zu Ostern (7.-9.4.2012), als Musterbeispiel für das von Simion Giurca in den ausländischen Medien gepflegte Rumänienbild, führte Dr. Alex Todericiu, ADZ-Korrespondent in Wien, ein ausführliches Gespräch mit dem Profi für Fremdenverkehr und Rumänienwerbung.

Seit 1994 vertreten Sie den rumänischen Fremdenverkehr in Wien. Sie sind der dienstälteste Angestellte der Fremdenverkehrsämter und bei Weitem der Erfolgreichste. Alles, was Rang und Namen hat in der österreichischen Rumänienpolitik, kennt Sie. Tausende Österreicher haben durch Ihr Engagement Rumänien kennen gelernt. Wie lautet Ihr persönliches Erfolgsrezept?

Als geeignete Antwort auf diese Frage fällt mir ein Zitat von Franz von Assisi ein: „Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche und plötzlich schaffst du das Unmögliche.“
Die Antwort auf Ihre Frage scheint einfach zu sein, in Wirklichkeit ist sie es jedoch nicht. Sie lautet: Arbeit. Trotz meiner Bescheidenheit erlaube ich mir zu sagen, es ist Arbeit mit vollem Einsatz, Effizienz, Qualität, Ehrlichkeit, ständig aktualisiertes Wissen, Respekt, Verantwortung und, last but not least, Liebe für mein Land.

Sie sind Banater Rumäne und sprechen fließend Deutsch, Englisch und Französisch. Hat die Beherrschung von Fremdsprachen Ihren beruflichen Werdegang beeinflusst?

Im Ausland zu arbeiten, und ganz besonders im Tourismus, erfordert die Beherrschung fremder Sprachen. Das erleichtert die Kommunikation mit allen Seiten und ermöglicht ein tieferes Verständnis für die Kultur, das Verhältnis der Menschen zu allgemeinen Themen bis zum Reiseverhalten. Natürlich ist das nur eine, wenn auch wichtige Voraussetzung.

Als gebürtiger Banater ist es Ihnen nicht schwer gefallen, die Wiener zu verstehen. Wie würden Sie heute den berühmten Begriff „Banater Fleiß“ beschreiben? Welche Rolle spielen die Mentalitätsunterschiede in Ihrer Branche?

Als Banater habe ich mich von Anfang an in Wien fast wie daheim gefühlt. Das ersparte mir die Anpassungszeit, spielte eine wichtige Rolle und erlaubte mir, mich gleich nachdem ich in Österreich angekommen war, mit vollem Einsatz in die Arbeit zu stürzen. Als stolzer Banater und Temeswarer muss ich zugeben, dass unser typischer Fleiß als beispielgebende Eigenschaft nicht alleine auftritt, sondern gemeinsam mit einer großen Menge an Verantwortung, Ehrlichkeit und Stolz zum Ausdruck kommt. Wie in Rumänien sehr bekannt ist, wollen wir Banater immer vorne sein und dafür muss jeder fleißig und gut sein. Man muss sich immer wieder selbst beweisen. 

Was machen Sie als Leiter des Fremdenverkehrsamts in Wien, der auch für Ungarn, die Tschechische Republik, die Slowakei und das ehemalige Jugoslawien zuständig ist? Wie sieht Ihr Tagesablauf aus? Haben Sie noch genug Zeit für Ihre Familie?

Jetzt mal ganz ehrlich – um all das zu beschreiben, würde es viel Zeit und Papier in Anspruch nehmen und die Geduld der Leser strapazieren. Dennoch möchte ich Ihre Frage nicht ohne Antwort belassen und versuche, mich kurz zu fassen. Die meisten Tage beginnen in der Früh und enden erst spät am Abend. Daheim geht es meistens vor dem Computer weiter. Ich bin ganz allein im Büro, soll aber auf dem Markt erfolgreich sein. Ich soll auch nicht weniger machen als andere Länder, die mehrere Mitarbeiter beschäftigen. Tagtäglich erhalte ich, Gott sei Dank, viele Anfragen per Post, E-Mail oder Besuche im Büro – von Menschen, die nach Rumänien reisen möchten, von der Reisebranche und von Journalisten. Man soll sehr schnell und kompetent antworten. Ständig muss ich verschiedene Werbeaktionen ausdenken, planen und um Bewilligung in unserem Ministerium ansuchen. Täglich muss ich Zeit finden, um Branchenpartner und Medien zu betreuen. Sehr wichtig ist es aber auch, neue Produkte, die für den Markt passend sind, an die Partner weiterzugeben und diese zu überzeugen, sie auch in die eigenen Fremdenverkehrskataloge und den Verkauf aufzunehmen. Die Vorbereitung einer erfolgreichen Arbeit bedeutet auch, gut informiert zu sein – über Neuigkeiten aus Rumänien und aus der Branche, über neue Werbeschienen, neue mögliche Partner, Einsatzmöglichkeiten für Guerilla-Marketing, spezielle Werbetools, die Konjunktur, die Tätigkeit der Konkurrenz, mögliche Marketing-Kooperationen. Ich versuche immer wieder, verschiedene Werbeaktionen mit Partnern zu organisieren, die uns aber nichts kosten... dürfen. Immer am Markt präsent sein, ist wichtig! Selbstverständlich pflege ich eine ausgezeichnete Zusammenarbeit mit unserer Botschaft und der in Österreich lebenden rumänischen Minderheit. Leider bleibt mir für Privatleben unglaublich wenig Zeit. Gott sei Dank erfreue ich mich aber großen Verständnisses seitens meiner lieben Familie.

Frau Corina Martin, Vorsitzende des Nationalen Reisebüroverbands von Rumänien (ANAT), wurde von der rumänischen Presse mit dem Vorschlag der Abschaffung des Tourismusministeriums zitiert. Sind auch Sie dieser Meinung?

Wir leben in einer freien und demokratischen Welt, in welcher die Meinungsfreiheit nicht nur eine Voraussetzung ist, sondern viel mehr ein Muss. Jeder kann immer etwas lernen, sowohl von wenig treffenden Meinungen und Ideen, als auch von, leider seltenen, sehr guten Vorschlägen. Bei allem Respekt vor allen Meinungen und unabhängig von meiner Position, bin ich aber hundertprozentig sicher, dass wir den rumänischen Tourismus nicht weiter ankurbeln können, ohne eine effiziente und professionelle Fremdenverkehrsinstitution. Zumindest für die nächsten drei bis vier Jahre. Da geht es um das gesamte Land, um alle Regionen Rumäniens: Alle haben eine faire Chance verdient, sich touristisch weiter zu entwickeln. Gerade deswegen werden neue, moderne und effiziente, landesweit funktionierende Rahmenbedingungen benötigt. Das wird leider fast immer vergessen. Eine erfolgreiche und international anerkannte Tourismusdestination muss, gemäß der ansteigenden Anzahl der Übernachtungen ausländischer Gäste, das Verhältnis zwischen einheimischen und ausländischen Touristen in einem ausgewogenen Verhältnis halten. Diese Strategie sichert Deviseneinnahmen für den Standort sowie regionale Entwicklung und Wohlstand. Selbstverständlich sollte demnächst vieles im einheimischen Tourismus geändert werden und eben diese Unternehmungen sollten durch ein starkes, reformorientiertes Ministerium durchgeführt werden. Wie sonst?

Vor ungefähr 15 Jahren habe ich Sie einmal in der Tageszeitung „România liberă“ zum Fremdenverkehrsminister vorgeschlagen. Tut es Ihnen leid, dass es bis heute nicht dazu gekommen ist?

Nein. Es war und ist nicht mein Ziel gewesen. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit und bedanke mich beim Ministerium für das langjährige Vertrauen. Es ist und war mir eine Ehre, meinem Land dienen zu dürfen, und das meine ich ernst.
Eigentlich bin ich der, den die Österreicher einen „Indianer“ nennen! Und ich verhalte mich dementsprechend. Für einen „Indianer“ hängt der Erfolg nicht davon ab, wie viel er verdient oder welche gesellschaftliche Stellung er einnimmt, sondern einzig und allein davon, wie „zufrieden“ er ist.

Sie pflegen eine ausgezeichnete Beziehung zur internationalen Fachpresse. Die rumänische Presse kennen Sie gut und diese erfreut sich immer wieder Ihres Interesses. Warum ist die Presse im Tourismus so wichtig?

Die Tourismusabeit ist ohne Information und Kommunikation, ohne Medien, unvorstellbar. Das gilt auch für die Werbung. Wie können viele Menschen möglichst schnell, optimal und regelmäßig untereinander kommunizieren? Am besten durch die Medien. Selbstverständlich, wenn wir über Kommunikationen sprechen, ist es heute unvorstellbar, Internet und Social-Media auszulassen, aber auch die traditionellen Medien verfügen immer noch über riesiges Vertrauen in der Bevölkerung, was für die Fremdenverkehrswerbung sehr wichtig ist. Tourismus und ganz besonders die Destinationswerbung brauchen noch die „Verbindung“, gerade wenn es um die Marke und das Image des Landes geht, spielt das Ansehen eines berichtenden Mediums eine starke Rolle. Da sind Journalisten als Kommunikatoren sehr gefragt und effizient. Sie können die Meinung vieler beeinflussen, in die eine oder andere Richtung! 

2012 ist ein Wahljahr in Rumänien. Liebäugeln Sie mit der Politik? Sind die damit verbundenen Erwartungen Ihrer österreichischen Partner groß?

Als Fachmann bin ich gefragt, das Land im Ausland zu vertreten und versuche, politisch unabhängig zu bleiben. Als Rumäne ist es mir nicht gleichgültig, wie es meinem Land geht. Und da ist jeder ein bisschen neugierig, wie sich die Situation politisch entwickelt. Aber das war's schon! Unsere österreichischen Partner haben diesbezüglich weder Erwartungen noch Hemmungen. Das Volk ist bei der Wahl souverän und seine Entscheidung ist zu respektieren. 

Wie schätzen Sie den Stand der bilateralen Kooperation zwischen Österreich und Rumänien? Kennen Sie die Entscheidungsträger beider Länder gut genug?

Zwischen beiden Ländern gibt es, so viel ich beurteilen darf, sehr gute bilaterale Kooperationen auf allen Ebenen. Besser kann es aber immer werden. Was die Entscheidungsträger betrifft, da glaube ich, einige gut zu kennen.

Da sich Ihr Fremdenverkehrsbüro im edlen, zentral gelegenen Gebäude vor der Staatsoper befindet und die Fenster in Richtung zum Haupteingang der Oper blicken, wurde irgendwann ihre Leuchtreklame auf der Innenseite des eigenen Fensters aufgestellt. Selbst bei der Fernsehübertragung des Wiener Opernballs im Vorjahr war Ihr Fremdenverkehrsbüro zentral im Bild ersichtlich. Sie sind somit in Augenhöhe vieler Österreicher. Einige darunter haben Sie angerufen und sind danach nach Rumänien gereist. Sollte die zwischenstaatliche Kooperation auf den verschiedensten Ebenen ebenfalls auf Augenhöhe passieren? Kann diese Kooperation auf Augenhöhe mit Wien passieren?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube aber, dass es bereits so ist. Rumänien ist in vielem deutlich besser geworden und beweist weiterhin einen starken Verbesserungswillen. Wie schon gesagt, es gibt immer noch einen Verbesserungsbedarf, aber bei wem gibt es diesen nicht?

Sind Sie mit Ihrer bisherigen Leistung für und mit Rumänien zufrieden? Machen Sie gerne weiter?

Ich bin zufrieden. Die Ergebnisse stimmen. Eine klare, steigende Tendenz mit guten Zahlen. Die Anzahl der österreichischen Besucher in Rumänien hat sich zwischen 2000 und 2007 verdreifacht (siehe Tabelle). Leider ist aber die internationale wirtschaftliche und finanzielle Krise 2008/2009 an uns nicht spurlos vorbeigegangen. Die starken Rückgänge im Geschäfts- und Dienstreisesektor haben sinkende Zahlen gebracht. 2010 und 2011 haben wir es dann geschafft, wieder eine steigende Straße zu fahren. Im Jahr 2011 haben wir eine Steigerung von 8,6 Prozent erreicht. Seit 2009 werden, neben den allgemeinen Fremdenverkehrsankünften, auch die Ankünfte in lizenzierten Unterkünften und die Übernachtungen gezählt. Hier haben wir ein Plus von 6,4 Prozent im Jahr 2010 und 1,3 Prozent im Jahr 2011 sowie 7,2 Prozent Plus bei den Übernachtungen erzielt. Auch 2012 hat gut angefangen, mit einem Zuwachs von 35,7 Prozent im Januar 2012 im Vergleich zum Januar des Vorjahres. Dazu sollte auch der informationsreiche Doku-Film beitragen, der von einem speziell von uns nach Bukarest eingeladenen TV-Team gedreht worden ist. Dieser Film wurde am 7. April in ORF3 „Besser Reisen“ gezeigt. Dazu kommen noch die vielen Fachmessen und Events, sodass wir weiterhin... auf Erfolg, eingestellt sind!

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