Als Fachschaftsberater in Rumänien

Thilo Herberholz bereitet Schüler auf das Sprachdiplom vor

Montag, 30. April 2012

DSD-Prüfung: Der Fachschaftsberater mit einer rumänischen Kollegin.

Diplomverleihung: Schülerin übergibt ihrem Lehrer Blumen.

Auf dem Dan Paltinişan-Stadion in Temeswar: Thilo Herberholz ist ein leidenschaftlicher Fußballfan.

Der oft unerforschte Osten Europas wird von vielen westlichen Bürgern als das große Abenteuer gepriesen. Oft ist kaum bis gar nichts über Rumänien bekannt. Womit man das Land am ehesten verbindet, sind zwei schlechte Vorurteile, die zwar nicht unbegründet sind, dafür aber oft aufgebauscht werden. Frankreich quält sich mit der Roma-Frage und weiß nicht wohin mit den illegalen Einwanderern, die jedes Jahr aus Rumänien einreisen.

Deutschland tut sich schwer mit den Korruptionsvorwürfen, die den rumänischen Staat belasten. Kein anderes Land in der Europäischen Gemeinschaft ist so korrupt wie das Karpatenland. Es sind diese negativen Wahrheiten, die das Image belasten. Darum stellt man sich als Westeuropäer oft auf ein Abenteuer ein, wenn eine Reise nach Rumänien ansteht. Der Fachschaftsberater für Deutsch, Thilo Herberholz, schafft allerdings die Bedenken aus der Welt: „ In Temeswar fühle ich mich sicherer als in den deutschen Großstädten.“

Der 37-jährige Gymnasiallehrer arbeitet seit inzwischen drei Jahren in Rumänien. Der Zufall wollte es so, dass er nach Temeswar kam. Oder viel mehr die Zentralstelle für das Auslandschulwesen, welche ihn nach Osteuropa entsandte. „Das gehört zu den Nachteilen des Beamtenberufs. Stabilität auf Kosten der Freiheit“, meint Herberholz. Davon spricht er nüchtern. Dafür überwiegen inzwischen die Vorteile. Für ihn bietet die 300.000 Seelenstadt optimale Arbeitsbedingungen. „ Es ist immer noch europäischer Kulturkreis. Nur manche Werte sind verschoben“, findet er.

Als Beispiel führt er die Pünktlichkeit der Schüler an. Deutsche legen besonderen Wert darauf, in Rumänien nicht so sehr. „ Da muss man sich als Gast anpassen.“

Deutsches Sprachdiplom für Muttersprachler

Wer einige Minuten zu spät kommt, wird von dem Deutschlehrer entschuldigt, eine Bedingung stellt er allerdings schon: „Ich bestrafe niemanden, der zu spät kommt, er soll aber die anderen nicht stören, wenn er in die Klasse tritt.“ Oft trifft es auf Unverständnis seitens rumänischer Schüler, die sich sofort für die Verspätung entschuldigen wollen, von Herberholz aber sofort abgeblockt werden. Als Gastlehrer weiß er inzwischen, dass es beidseitige Toleranz und Geduld fordert. Vor Konflikten scheut er sich allerdings nicht: „Ein Lehrer der nie irgendwelche Konflikte mit den Schülern  hat, der macht was falsch.“ Trotzdem findet er, dass es in rumänischen Klassenzimmern konfliktreicher zugeht als in deutschen. „ Ich habe in den letzten drei Jahren als Mensch und Lehrer viel gelernt.“

Als Auslandsdienstlehrkraft muss er den Vorsitz bei den DSD-Prüfungen an der Schule übernehmen, für die er zuständig ist. Das sind zehn Schulen im Banat, darunter das Nikolaus Lenau- Lyzeum, wo er auch 16 Stunden wöchentlich Deutsch unterrichtet, das Diaconivici Tietz Lyzeum aus Reschitza und das Adam Müller Guttenbrunn Lyzeum aus Arad. Das Deutsche Sprachdiplom ist eine Sprachprüfung für Deutsch als Fremdsprache.

Gleichzeitig versteht man darunter auch das erworbene Zertifikat nach bestandener Prüfung. Allein im Kreis Temesch, Arad und Karasch-Severin geben jedes Jahr zwischen 150 und 180 Schüler das Sprachdiplom ab. Dabei ist Rumänien allgemein eine Ausnahmeerscheinung im Vergleich zu anderen Ländern, in denen das Deutsche Sprachdiplom angeboten wird. Aufgrund der deutschen Minderheit aus Rumänien gibt es in 15 der 41 Landeskreise Schulen, in denen Deutsch als Muttersprache unterrichtet wird. Bis vor einigen Jahren fielen auch die DSD-Ergebnisse stets positiv aus. Inzwischen liegt die Durchfallquote im Banat bei 30 Prozent. „Fast jeder Dritte besteht die Prüfung nicht“, sagt Herberholz.

Als Grund nennt er den Rückgang der deutschen Minderheit. Inhaltlich sind die Ansprüche sehr groß. Die meisten Schüler stammen inzwischen aus rumänischen Familien. Deutsch wird deswegen nur noch im Unterricht gesprochen. Der Deutschlehrer glaubt aber auch, dass es am rumänischen Bildungssystem allgemein liegt. Dieses sorgt für „krasse Unterschiede“.

Er sieht es besonders in der neunten Klasse. Während manche Schüler hervorragende Ergebnisse erzielen, kommen die anderen fast gar nicht mit. Das Bildungssystem macht keinen Unterschied zwischen den Schülern. Darunter leiden sowohl die herausragenden Schüler, als auch die ganz schwachen. „Die einen werden klar unterfordert, während die anderen überfordert sind.“

Interkulturelle Divergenzen

Der aus Bad-Kissingen stammende Lehrer hat in Deutschland neben Deutsch auch Sport und Sozialkunde unterrichtet. In Rumänien wurden Sport und Sozialkunde durch die Fächer Philosophie und Wirtschaftskunde ersetzt. Viele seiner rumänischen Schüler betrachten ihn dennoch oft als einen Trainer. An Sportgeist fehlt es Herberholz allerdings in Rumänien. „Als Jugendlicher habe ich auch gelernt, dass, wenn ich mich anstrenge, ich dafür belohnt werde. Wenn nicht, muss ich die schlechten Konsequenzen ertragen.“

In rumänischen Schulen sei das oft nicht der Fall. Darum empfindet er die katastrophale Abiturquote aus dem letzten Jahr als Weckruf. Mit einer Durchfallquote von über 50 Prozent hat es ihm nur das bestätigt, was er aus Deutschland weiß. „In Bayern machen nur 25 Prozent der Jugendlichen Abitur.“ Dafür gibt es aber auch andere Alternativen für Schüler, wie zum Beispiel Berufsklassen. Abitur kann nicht jeder machen, findet Herberholz. Die rumänische Bildungskrise bestätigt seine Einschätzung. „Ich habe auch die Klasse wiederholen müssen, habe es aber nicht als Weltuntergang gesehen. Hier in Rumänien ist es da ganz anders“, sagt er. In Rumänien ist es eine Katastrophe, wenn man ein Jahr wiederholen muss, in Deutschland ist es fast normal.

In Rumänien funktioniert auch mehr auf der emotionalen Ebene. In deutschen Schulen wahrt man oft eine Distanz zwischen Lehrern und Schülern. Es geht sachlicher zu. „Anfangs war ich mit der Offenheit hier überfordert.“ Für den Deutschlehrer war es ungewöhnlich, dass ein Schüler ihn auf die Wange küsste und seine Freude darüber ausdrückte, weil er Geburtstag feierte. „Es birgt Vor- und Nachteile“, meint Herberholz. In Deutschland fehlt vielleicht manchmal die menschliche Ebene, dafür aber kann man dadurch autoritärer sein.

Drei Jahre mehr

Bei den Schülern ist Thilo Herberholz sehr beliebt. Besonders Schüler, die bereits Erfahrung mit Lehrern aus Deutschland hatten, bezeichnen ihn als nicht allzu Deutsch. Da scheint der 37-jährige ein kulturelles Gleichgewicht gefunden zu haben. Er wirke nicht zu streng, könne sich aber durchsetzen. Darum fällt oft der Trainervergleich, nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er auch Sportlehrer ist. Ein Fach, dass er in Rumänien auf jeden Fall vermisst, zu unterrichten.

Freizeit hat er kaum. Besonders in den Prüfungswochen. Im Winter stehen drei Wochen lang zehn bis 15 Prüfungen an. Zudem macht er gerade in Bukarest seinen Doktor, weshalb er sich oft auch in der Hauptstadt aufhält. Von dieser ist er angetan und schätzt wie viele Ausländer den kulturellen Kontrast zwischen Bukarest und Temeswar. Die Rumänen beschreibt er allgemein als sehr herzliche und gastfreundliche Menschen. Da gäbe es keine Ausnahme zwischen den Schülern und Lehrern. Auch mit den Leitern der jeweiligen Schulen hat er positive Erfahrungen gemacht.

2006 hatte er sich für den Auslandsdienst beworben. Eigentlich schwärmte er von asiatischen Ländern und exotischen Schauplätzen. Zur Auswahl standen sie nicht. Ihn hätte es jedoch beinahe nach Pakistan, Afghanistan oder in die Türkei verschlagen. „Das Schöne an Temeswar: Ich bin nur eine Stunde von München entfernt.“ So schnell wird es aber den Fachschaftsberater für Deutsch nicht nach Deutschland verschlagen. Bis 2015 wird er noch im Banat tätig sein. „Mein ehemaliger Schulleiter in Deutschland war auch jahrelang im Ausland und er hat mir gesagt: Die nächsten drei Jahre werden Fortbildungsjahre sein.“ Daraus kann Thilo Herberholz nun sechs machen. 

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