"Als ich kam nach Temesvári..."

Egon Erwin Kisch, "der rasende Reporter", einst auf der Insel Ada-Kaleh und in Temeswar

Mittwoch, 30. Mai 2018

Das ehemalige Temeswarer Nobellokal "Café Wien", heute Restaurant Lloyd Foto: Zoltán Pázmány

Während des I. Weltkriegs kam Egon Erwin Kisch, der spätere weltbekannte Reporter und Schriftsteller, als junger k.u.k. Offizier im Balkankrieg bzw. an der serbischen  Front und im Banat zum Einsatz. Im Frühjahr 1916 wurde Kisch in die damals noch zur Habsburgermonarchie gehörende Donauhafenstadt Orschowa abkommandiert. Es war für den jungen Publizisten mit dem besonderen Gespür für Sensationen eine einmalige Gelegenheit, auf der sagenumwobenen nahen Donau-Insel Ada-Kaleh Daten und Geschichten für seine Reportagen zu sammeln. Diese sind dann nach dem Krieg 1924 in seinem Band "Der rasende Reporter" erschienen.

Bei dieser Gelegenheit besuchte Kisch auch die Begastadt Temeswar. Es sollte ein höchst angenehmer Abstecher für  den jungen k.u.k. Korporal Kisch sein, hier lernte er das Fräulein Sári Bürger kennen und auch lieben, wie die Überlieferungen, darunter auch überraschend scherzhafte Gedichte des jungen Kisch und der Briefwechsel zwischen Kisch und der späteren Dame zu deuten sind. Das folgende abenteuerliche Leben des aus dem Prag von Franz Kafka und Stefan Zweig stammenden, jetzt in der Weltstadt Berlin wohnhaften aber zu einem echten Weltreisenden gewordenen Egon Erwin Kisch sollte die Beiden nicht daran hindern, eine jahrelange schöne Freundschaft, zum Großteil per Korrespondenz, zu pflegen.  Für Kisch gab es dann erst 1930 in Deutschland bzw. Berlin nach vierzehneinhalb Jahren ein Wiedersehen mit seiner Jugendliebe Sari Bürger. Seine "heißgeliebte, süße Sári" war nun schon längst die Frau des Klausenburger Arztes Dr. Hoffmann. Ihre stürmische Jugendliebe und die folgende langjährige schöne Freundschaft führte zu einem langjährigen Briefwechsel: So schrieb sie ihm aus Dresden 1930, worauf ihr der damals schon international berühmte Egon Erwin Kisch am 14. Juli 1930 aus Berlin sofort antwortete. Kisch teilte ihr sofort mit, sollte sie eine Reise nach Berlin führen, dann möge sie sich unbedingt bei ihm melden. Am 21. Juli 1930 trafen sich Kisch und Sári in einem Berliner Künstlercafé, wo sie ihre schönen Jugenderinnerungen über Temeswar auffrischten und austauschten. Im Morgengrauen zog Kisch sein Buch "Paradies Amerika" hervor und schrieb Sari darin eine Widmung: "Bürger Sári, in Erinnerung an unsere Begegnung nach vierzehneinhalb Jahren, In herzlicher Freundschaft Egon Erwin Kisch - Berlin, 21. Juli 1930."

Egon Erwin Kischs Aufenthalt im Banat war, auch kriegsbedingt, nur kurz, er blieb nur ein winziger Farbfleck in seinem mit außergewöhnlichen Ereignissen, Menschen und Orten reich gespickten Leben und Werk. Es gibt, wie schon erwähnt, einige schöne Reportagen über die malerische, türkische Donauinsel Ada-Kaleh und deren Bewohner, nachzulesen sind diese  in seinem Band "Der rasende Reporter", 1924. Dazu gibt es aber auch Briefe an und von der Temeswarer Sári Bürger, dazu auch lustige Gedichte.

Im Folgenden ein Gedicht von Egon Erwin Kisch vom 8. Februar1916, das  er auf seine typische, witzige Art mit "Der Wiener polnische Legionär aus Böhmen in Temeswar" unterzeichnete:

Heißgeliebte , süße Sári,

Als ich kam nach Temesvári,

Streubten sehr sich meine Haari,

Denn wie schrecklich fremd da war i!

 

Da sah ich dich, oh teure Sári,

Und mein Herz fühlt sonderbari.

Hätt ich eine Stradivari

Spielte ich das ganze Jahri

Statt zu machen Charivari,

Dir zum Lob, oh teure Sári.

 

Mach doch keine Larifari,

Mach dich Schöne, nicht so rari,

Schreib mir Zeilen nur ein paari,

Oder an die Front gleich fahr i.

Sterb ich - denk des Legionari;

Der gefangen als Kanari,

Dich geliebt hat, edle Sári,

Hier im blöden Temesvári.

 

Ein weiteres Gedicht, datiert Februar 1916, nimmt mit Humor und Satire das damalige Gesellschaftleben in Temeswar, weit weg vom Frontschauplatz, auf die Schippe. Unterzeichnet ist das Gedicht von Kisch mit seinen Initialen E.E.K:

Heimgekehrt vom Thee bei Klein

I.

Soll ich dir ein Liedchen weihn?

Nun so sei dir hier gesungen,

dass der "Ausflug" schön gelungen,

Dass die Kunst, hier zu entweichen ,

Mutigem Husar zu gleichen

Reich gelohn war. Es war fein

Wundervoll beim Thee bei Klein.

 

II,

Heimgekehrt vom Thee bei Klein

Sitzen heute wir allein,

Keine Mädchen, keine netten,

Nicht Khedivezigaretten,

Kein Klavierspiel, keine Lieder,

Hören wir...wir armen Brüder

Denken traurig im  Verein:

Wie nett war doch der Thee bei Klein.

 

III.

Heimgekehrt vom Thee bei Klein

Gehn in Garten wir hinein,

Aber schon im ersten Weilchen

Merken wir: Hier gibts keine "Veilchen"

Und hier gibts kein "Edelweiss"

Schaut man noch so lang im Kreis

Sieht man nur den "Kren" allein

Vom Pfänderspiel beim Thee bei Klein.

 

Dokumentation von Balthasar Waitz

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