Altbischof würdigt Wegbereiter und Weggefährten

Christoph Klein über Persönlichkeiten, die ihn geprägt und begleitet haben

Freitag, 07. Oktober 2016

Christoph Klein: „Geistliche Leitbilder und Weggefährten. Betrachtungen“, Schiller Verlag Hermannstadt-Bonn 2015, geb., 192 S., 34 S/W-Abbildungen, ISBN 978-3-944529-49-3, Lei 55 / 14,80 Euro

Am Ende eines langjährigen Dienstes – ob politisch, gesellschaftlich oder kirchlich – ziehen Menschen des öffentlichen Lebens gerne Bilanz. Der frühere Bischof der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien, Christoph Klein, hat das bereits in zwei unterschiedlichen und sich wunderbar ergänzenden Büchern getan („An den Toren zur Welt. Geistliche Reden in der Begegnung mit der siebenbürgischen Kulturgesellschaft“/2012; „Über Bitten und Verstehen. Zwanzig Jahre im Bischofsamt der Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses in Rumänien 1990 – 2010“/2013). Mit dem Buch „Geistliche Leitbilder und Weggefährten. Betrachtungen“ legt der Theologe ein weiteres Werk im Schiller Verlag vor, das für seine eigene wie auch die kirchliche Erinnerungskultur einen wichtigen Beitrag leistet.

Altbischof Klein gibt Auskunft darüber, wer ihn auf seinem Lebensweg, in seiner Theologie und vor allem in seiner genauso aufregenden wie aufreibenden Amtszeit als Bischof von 1990 bis 2010 begleitet hat. Neben den zeitgenössischen persönlichen Weggefährten äußert er sich aber auch zu den Theologen und geistlichen Leitbildern, die sein Leben und Denken als Theologe wesentlich geprägt haben, von den ganz großen Koryphäen wie Martin Luther, Philipp Melanchthon, Paul Tillich und Dietrich Bonhoeffer über Größen der siebenbürgischen Kultur- und Kirchengeschichte wie Stefan Ludwig Roth, die Bischöfe Georg Daniel Teutsch und Friedrich Müller bis hin zu seinen eigenen akademischen Lehrern.

In dem Beitrag über Georg Daniel Teutsch markiert der Altbischof besonders deutlich den Zusammenhang zwischen Gedächtnis, Gedenken und Gegenwart, wenn er festhält: „Gedenken, Anamnese bedeutet (…) nicht nur Erinnerung an etwas oder jemand, sondern Vergegenwärtigung des Ereignisses oder der Person. Gedächtnis und Gedenken meint darum nicht allein die Beschwörung der Vergangenheit, sondern gleichermaßen Bedeutung für die Gegenwart – und das im Blick auf die Fragen der Zukunft.“ (S. 37) Dieser Ansatz kann als Motto des Bandes dienen.

Klein zeichnet ein gelungenes Mosaik geistig-menschlicher Beziehungen und geistlich-theologischer Mitgift und Haltung in ihrem Werden und ihren Auswirkungen, das es dem Leser ermöglicht, seine Persönlichkeit und sein Lebenswerk über die Faktizität von Dienst, Werk und Geleistetem hinaus auch biografisch, kulturell und theologisch zu kontextualisieren.

Der Band bietet so eine willkommene Vervollständigung seiner bisherigen literarischen Bilanz, die sich vor allem mit dem bischöflichen und öffentlichen sowie amtskirchlichen Wirken beschäftigt hat. Hier gibt Christoph Klein einen Einblick in sein persönliches geistliches Inventar. Er schildert seine Leitbilder und Weggefährten dabei nicht in hagiografischer Verklärung oder im autobiografischen Plauderstil. Die Beiträge sind auch nicht in nostalgischer oder sentimentaler Absicht neu verfasst, sondern es sind geistig tief reflektierte Würdigungen der behandelten Personen, die alle in Form öffentlicher Ansprachen seit 1990 gehalten wurden.

Diese Methodik vermeidet trotz des höchst persönlichen Anspruchs des Buches und der stark personenbezogenen Texte zu subjektive oder emotionale Darstellungen, auch wenn die Nähe zwischen dem Autor und den dargestellten Persönlichkeiten durchaus deutlich wird. Dieses gelungene Changieren zwischen persönlicher Betroffenheit und öffentlicher Rechenschaft und Würdigung über Beziehungen und Prägungen macht diesen Band außerordentlich wertvoll.

Neben den bereits Genannten werden Johannes Bugenhagen, Paul Wiener, Karl Kurt Klein, Franz Xaver Dressler, Albert Klein, Hermann Binder, Dietrich von Oppen, Ludwig Binder, Hellmut Klima, Paul Philippi, Gerhard Möckel, Dieter Knall, Reinhold Schullerus, Hermann Pitters, Eginald Schlattner, Kurt Franchy, Peter Schellenberg, Hans-Gerald Binder, Wolfgang Rehner, Johann Orendi, Hans Klein und Klaus Daniel gewürdigt. Es entsteht so nachgerade en passant auch ein Panorama, ja fast ein „Who’s who?“ der Evangelischen Kirche A. B. im 20. Jahrhundert, das für die Kirche so schwere Phasen und umwälzende Veränderungen bereit hielt.

Glaubensgewissheit und Selbstvergewisserung, Rolle und Weg der Kirche und ihrer zentralen Persönlichkeiten, historische Hypotheken und mancher Überlebenskampf, aber auch Chancen und Perspektiven der Kirche in Geschichte und Gegenwart werden hier für den Leser in einer sensiblen und tiefgründigen Weise erschlossen. Und immer wieder wird der trotz allem spürbare „Freiraum im geistlichen Leben“ erkennbar (S. 48), der die Kirche und das Kirchenvolk durch die Jahrhunderte und besonders durch das 20. Jahrhundert getragen hat.

Wohltuend ist der Verzicht auf jede persönliche Eitelkeit. Christoph Klein bekennt sich in diesem Buch offen zu Vorbildern, wenn er etwa schreibt: „Bischof Friedrich Müller hat mein Leben und mein Verständnis des geistlichen Dienstes und der theologischen Arbeit wesentlich geprägt.“ (S. 51) Dabei kommen immer wieder auch weitreichende theologische Aspekte zum Tragen, etwa in der Darstellung dessen, wie existenziell die Theologie Tillichs sein Denken bestimmt. Oder wenn er von Bonhoeffers Theologie der Kirche als „Kirche für andere“ die Selbstbestimmung der Rolle der Evangelischen Kirche der Gegenwart für Rumänien nach dem Exodus herleitet.

Dass bei all dem auch die großen noch lebenden siebenbürgisch-sächsischen Persönlichkeiten der Gegenwart wie Hermann Pitters, Paul Philippi, Hans Klein und Eginald Schlattner gewürdigt werden, macht das Buch besonders wertvoll. Es ist damit keine bloße Retrospektive, sondern ein offener Blick in Vergangenheit und Gegenwart. Dabei kommen wichtige Fragen und Entwicklungen zur Sprache, wie etwa der Aufbau der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, das Verhältnis von Volk, Kirche und Staat vor und nach 1989 oder auch die komplexe Vergangenheitsbewältigung im Werk Schlattners.

Historische Einschätzungen finden sich schließlich in den unter „Dank“ eingefügten, nicht Einzelpersonen gewidmeten Ansprachen. Hier erinnert der Altbischof an Weggefährten, die in kommunistischen Gefängnissen gelitten haben, reflektiert das oft schwierige Verhältnis zwischen Ausgewanderten und Heimatkirche nach 1989 sowie die besonderen Beziehungen zur Evangelischen Kirche A. B. in Österreich. Im Anhang finden sich Kurzbiografien aller 30 behandelten Persönlichkeiten sowie ein mehrsprachiges Ortsnamensregister. Allen Würdigungen sind Porträtbilder beigegeben.

Wer sich für die Geschichte der Evangelischen Kirche A. B. und besonders die Entwicklung im 20. Jahrhundert bis heute interessiert, wird diesen besonderen Band mit größtem Gewinn lesen. Wer dargestellte Persönlichkeiten selbst kennt oder zu deren Lebzeiten gekannt hat, wird das Buch sicher mit noch größerer Freude lesen, erlaubt es doch, eigene Begegnungen und Erfahrungen mit den Würdigungen und Einschätzungen des Altbischofs zu vergleichen und in Beziehung zu setzen.

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