Am Rande der Stadt

Vor- und Nachteile für die Kronstädter Obere Vorstadt

Freitag, 16. März 2018

Die orthodoxe Kirche Sf. Nicolae wurde als Steinbau 1495 errichtet.

Typisch für Scheii Brașovului sind die steilen engen Gassen.
Fotos: der Verfasser

Enge, steile Gassen, alte Häuser mit Gärten, die an den Wald grenzen, Marterln („troițe“), zwei sehenswerte orthodoxe Kirchen, das Museum der ersten Schule mit rumänischsprachigem Unterricht – das sind nur einige Merkmale, die der Oberen Vorstadt (rumänisch Schei oder auch Șchei) einen eigenen, besonderen Charakter als Kronstädter Stadtteil verleihen. Aber heute sind die Bewohner dieses Stadtvierteils mit teilweise ländlichem Charakter besorgt und sogar unzufrieden, wenn es um ihren Alltag und um ihre Zukunft geht.

Eine eigene Identität

Schon immer waren die Schei-Bewohner stolz auf ihre Herkunft und ihre Traditionen, die sie weiterführen wollen. Ihr Brauch, am ersten Sonntag nach dem orthodoxen Ostersonntag einen Aufmarsch in Volkstracht und auf schön geschmückten Pferden zu veranstalten, ist nach der Wende zum Kronstädter Stadtfest geworden. Die Junii-Reiter sind zum Wahrzeichen der rumänischen Oberen Vorstadt geworden und gleichzeitig zu einer Touristenattraktion, die zu ihrem Festtag viele Besucher nach Kronstadt lockt. Der Festzug startet vom Anger/Piața Unirii und führt durch die wichtigsten Straßen der nahen Kronstädter Inneren Stadt. Der ganze Aufmarsch, der von Tausenden Neugierigen am Straßenrand mitverfolgt wird, hat für manche auch einen symbolischen Charakter: Die Innere Stadt, wo im Mittelalter die Rumänen arbeiten und Handel treiben, aber nicht wohnen konnten, wird nun „erobert“.

Das Schei-Viertel war früher auch sehr wichtig für die rumänische Kulturgeschichte, wenn man nur an die orthodoxen Pfarrer und Mönche denkt, die da Chroniken verfasst haben oder im Umfeld der Sankt Nikolaus-Kirche landesweit die erste Schule mit Rumänisch als Unterrichtssprache gegründet haben. Die Melodie der Nationalhymne soll ursprünglich ein altes orthodoxes Kirchenlied gewesen sein, das sich da, im Schei-Viertel, großer Achtung erfreute. Die rumänische Trikolore ist auch heute ein Symbol, das im Schei-Viertel nicht nur in der Volkstracht, in der Kirche oder bei den Gedenkkreuzen anzutreffen ist. Man fühlt sich als rumänische Gemeinschaft, ist stolz darauf und scheut sich nicht, das auch öffentlich zu zeigen. Das wird immer wieder unterstrichen, obwohl geschichtliche Quellen das nicht unbedingt belegen. Denn „Schei“ ist ein Wort slawischer Herkunft und im Laufe der Geschichte wurde dieser Vorort auch mit der Ansiedlung von Bulgaren in Verbindung gebracht.

Den Touristen entgegengekommen

Nach dem Aufmarsch der Junii-Reiter findet bei den Salomons-Felsen ein zur Tradition gewordenes Volksfest statt. Es sind hauptsächlich Kronstädter, die daran teilnehmen, vor allem wenn das Wetter auch mitspielt. Touristen kommen eher gelegentlich in die Obere Vorstadt. Viele von ihnen sind Wanderer, denn der Weg zur Schulerau führt durch diesen Stadtteil, bis man den alten befahrbaren Schulerauweg erreicht. Führungen durch die Obere Vorstadt sollen in Zukunft verstärkt angeboten werden, wobei an ehrenamtliche Führer aus den Reihen der Schei-Bewohner appelliert wird. Mehrere Trassen wurden angelegt wie auch als Apps auf Smartphones zur Verfügung gestellt. Sie führen zu den Marterln in den engen Kreuzungen oder auf den Wiesen in der Umgebung, die zum Teil noch mit kyrillischen Buchstaben beschriftet sind. Infotafeln berichten anhand von historischen Aufnahmen mehrsprachig über die Geschichte dieses Stadtteils, über die Mühlen von einst. Beim Waisenhausgässer Tor/Poarta Schei, neben der Stadtmauer, die einst Kronstadt von seiner Vorstadt im Westen trennte, wurde ein Museum der „Juni“ und ihres Brauchtums eingerichtet. Das Museum der ersten rumänischen Schule und die Sf. Nicolae-Kirche, in dessen Hof auch das Grab des großen rumänischen Diplomaten Nicolae Titulescu liegt, warten auf Touristen. Der Museumsdirektor, der Pfarrer und Historiker Vasile Oltean, ist enttäuscht über die geringe Anzahl der Besucher, die den Weg zum Museum einschlagen. Dieses Museum und die Obere Vorstadt im Allgemeinen stehen im Schatten der Schwarzen Kirche und haben diesen Konkurrenzkampf deutlich verloren. Kultur sei heute eben zur Nebensache geworden, klagt Oltean, der auch den Besuch von Schüler- oder Studentengruppen vermisst. Seitdem der Anger-Platz neu gestaltet wurde und da keine Reisebusse parken können, müssen viele Touristen zu Fuß herkommen. Es sei zwar kein langer Weg vom Marktplatz oder der Schwarzen Kirche (rund 20 Minuten oder 30-40 Minuten hin und zurück), bedeute aber heute, wo vieles auf die Minute genau geplant wird, einen zusätzlichen Zeitaufwand. Viele Gruppen sehen für ihren Kronstadt-Stopp auf der Durchfahrt zwei Stunden vor und da verzichtet man eben auf einen Abstecher in die Obere Vorstadt.

Schwer erreichbar

Aber nicht nur der Touristenzustrom ist von der Randposition der Oberen Vorstadt betroffen. Die Stadtviertelbewohner klagen darüber schon seit Jahren. Heute leben rund 8300 Personen da – rund die Hälfte von ihnen gehören den höheren Alterskategorien an. Die engen Gassen sind zum Teil auch steil, wenn sie die Talhänge hinaufführen. Das ist eine Herausforderung, nicht unbedingt für die Pkw, deren Zahl zugenommen hat, sondern für Rettungswagen, Müllwagen, Lieferfahrzeuge – vor allem im Winter, wenn auch die Schneeräumung schwieriger zu bewältigen ist als im Stadtzentrum oder in den Wohnblockvierteln. Der städtische Verkehrsbetrieb RATBv hat für die Obere Vorstadt wie auch für die Innere Stadt Kleinbusse eingesetzt. Drei Verkehrslinien gibt es in der Oberen Vorstadt – eine von ihnen führt sogar bis zum alten Schuleraufahrweg hinauf. Die Möglichkeit, mit derselben Fahrkarte innerhalb von 50 Minuten nach der Entwertung auf andere Busse umsteigen zu können, ist für die Schei-Bewohner eine Erleichterung, ansonsten wäre der Weg zur Arbeitsstelle, Schule oder zum Einkaufen doppelt so teuer.

In der Oberen Vorstadt gibt es keinen großen Markt und kein Kaufhaus, erst recht nicht ein Mall-Einkaufszentrum. Fabriken gab es da nie und wird es wohl auch nie geben. Was hinzugekommen sind, sind Neubauten in Form von teuren Villen oder ganze Wohnanlagen, wie am oberen Ende dieser Vorstadt in der Nähe der neuen Schuleraustraße. Zur Debatte stehen weitere ähnliche Projekte, z. B. in der Petöfi-Straße am Fuße der Zinne, die zum Großteil bekanntlich ein Naturschutzgebiet ist. Fachleute warnen vor solchen Bauplänen, die das Landschaftsbild verändern würden und für die in diesem Stadtgebiet die notwendige Infrastruktur (Straßen, Abwasserkanalisation, Parkplätze, Spielplätze, Geschäfte, Apotheken usw.) nicht vorhanden ist.

Neue Verkehrsanbindungen mit Zufahrten von der neuen Schuleraustraße sind im Gespräch, sogar der Zinnentunnel oder andere Tunnel. Inzwischen gibt es Probleme mit der Stabilität der Stützmauern bei manchen steilen Straßenabschnitten.
Die Ortsbewohner beginnen sich zu organisieren, weil sie erkannt haben, dass sie als Gemeinschaft ihre Interessen und Probleme den Behörden gegenüber besser vertreten können. So entstanden da (wie auch in der Inneren Stadt und in manchen Burzenländer Gemeinden) Straßenverbände („Asociații Civice Stradale“), gefördert vom Verein „Zusammen für gemeinschaftliche Entwicklung“ (AIDC), mit Programmen wie „Mein Stadtviertel, mein Haus“. Sie wollen das traditionelle Bild der Oberen Vorstadt bewahren und auch touristisch besser nutzen; sie wollen den „Zugezogenen“ (viele von ihnen Ortsfremde, die sich finanziell vieles erlauben können) beibringen, dass Șcheii Brașovului nicht ein Viertel für Neureiche sein kann. Dabei soll aber auch der Stadtverwaltung zur Kenntnis gebracht werden, dass die Obere Vorstadt und ihre Bewohner Sonderlösungen für ihre Sonderprobleme erwarten.

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