„Angst würde ich nicht haben, aber eine gewisse Befürchtung!“

Mit Prof. Dr. Jutta Scherrer (Paris) über Russland und die Beziehungen Europas zum großen östlichen Nachbarn

Mittwoch, 18. November 2015

Prof. Jutta Scherrer an der West-Universität Temeswar anlässlich der Tagung „Multi-, Inter-, Pluri-: Sprachen, Kulturen und Identitäten in komplexen Gesellschaften“.
Foto: Zoltán Pázmány

Russland machte zunächst in der Ukraine-Krise, dann aber auch im Zusammenhang mit Syrien immer wieder Schlagzeilen. Was steckt hinter dem Verhalten des „großen östlichen Nachbarn“, fragen sich viele. Mögliche Antworten fanden wir bei Prof. Dr. Jutta Scherrer, gebürtige Ost-Berlinerin, Kulturhistorikerin und „Directeur d’études” an der hoch-etablierten École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris (EHESS), an der sie seit 1980 lehrt. Jutta Scherrers langjährige Forschungen zur russischen Kulturgeschichte sowie zur Rolle der Orthodoxie im Identitätsbildungsprozess des postsowjetischen Russland haben ihren Namen auf internationaler Ebene bekannt gemacht. Das Interview mit Prof. Dr. Jutta Scherrer führte die ADZ-Redakteurin Ştefana Ciortea-Neamţiu.

Sie verfügen über viel Expertise und Erfahrung über Russland. Bei uns kam vor Kurzem im Fernsehen die Aussage, dass Russland für den Westen oftmals eine große Unbekannte ist, dass der Westen sich oft für Russland begeistert, wo es nicht der Fall sein sollte, oder in anderen Fällen Russland nicht versteht und dass die Leute es hier anders rezipieren und es vielleicht etwas besser einzuschätzen wissen. Trifft das zu? Würden Sie dem zustimmen?

Ich würde nie sagen, „der Westen“ habe diese oder eine andere Rezeption von Russland. Ich lebe in Frankreich, bin aber sehr oft auch in Deutschland und die Rezeption von Russland ist in Deutschland eine ganz andere als in Frankreich, schon deswegen, weil Deutschland Russland näher ist und da die frühere DDR unter sowjetischer Herrschaft war, ist man viel besser informiert als in Frankreich. Auch was heute in der Ostukraine passiert, wird in Deutschland viel mehr verfolgt als in Frankreich. Für Frankreich sind die maghrebinischen Länder näher und wichtiger, und zu einem gewissen Teil auch das, was im Libanon passiert und in Syrien. Italien kenne ich nicht so gut, aber zu meiner Zeit, als ich studierte und es den Eurokommunismus in Italien gab, dann gab es dort ein sehr großes und positives Interesse für Russland, während das in der Presse in Deutschland da war, aber sehr kritisch war, wegen der DDR, die unter sowjetischer Herrschaft war.

Also insofern würde ich sagen, es gibt kein europäisches oder westeuropäisches Verständnis. Ich war sehr oft in Finnland, in Helsinki, weil es da die beste slawische Bibliothek der Welt gibt und die Finnen haben wieder einen ganz anderen Bezug zu Russland, weil sie eine Grenze von 1400 Kilometern haben und Finnland hat nicht umsonst das beste Russland-Forschungsinstitut, weil Russland so nahe ist, sondern weil die Regierung Gelder gibt für Forschung über Russland, was in Frankreich kaum der Fall ist. Das akademische Interesse in Frankreich an Russland kommt von Privatpersonen oder von typischen Intellektuellen, aber kaum vom Staat.

Sie haben schon die Annektierung der Krim durch die Russen erwähnt. War das vorhersehbar?

Ich würde sagen, nein. Es gibt Politologen, die im Nachhinein behaupten, dass es vorhersehbar war; ich glaube, nicht. Es gibt die Meinung, dass Putin dies seit langem vorbereitet hat, es gibt auch die andere Meinung, dass er zugegriffen hat in einem Moment, als die Ukraine sehr schwach und auch der Westen mit anderen Sachen beschäftigt war und nicht zupacken konnte, er hat den Moment ausgenutzt. Aber ich glaube, es kann niemand richtig sagen, wie das ist. Da müssen wir warten, dass die Archive offen sind, also 50 Jahre später oder so.

Warum finden die Russen keinen anderen Diskurs, um sich bemerkbar zu machen? Es wird ja immer wieder gesagt, dass Putin diese Politik führt, um Russland wieder auf internationaler Ebene angesehener zu machen. Muss es gleich ein aggressiver Akt sein?

Nein, natürlich nicht. Aber, warum Russland… Es ist eine lange Geschichte. Ich glaube, man kann sie dadurch erklären, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 von den Russen nie richtig akzeptiert wurde, weder von der Bevölkerung, noch dass er politisch von der Regierung aufgearbeitet worden wäre, und die russische Regierung, Putin, aber vorher schon Jelzin, fühlen sich nach wie vor als diejenigen, die die Politik und die Sowjetunion fortsetzen und rechtlich ist das auch nie geklärt worden.

Hinzu kommt, dass an die, ich glaube, elf Millionen Russen durch den Zusammenfall der Sowjetunion und dadurch, dass die baltischen Republiken unabhängig geworden sind, nun außerhalb Russlands leben. Auch die Ukraine wurde unabhängig, die zentralasiatischen Staaten wurden unabhängig und überall gibt es dort Russen. Und die sollen nicht mehr Russisch sprechen, in den baltischen Ländern. Also es gibt emotional nachvollziehbare Elemente, warum die Russen frustriert waren. Dann haben die russischen Politiker darauf reagiert – Putin spielt diese Karte ganz machtvoll aus. Sie gehen davon aus, dass der Westen Russland nicht ernst genommen hat. Und es ist auch sehr ungeschickt, wenn Obama Russland vor ein oder zwei Jahren als „regional power“, also als regionale Macht bezeichnet, das trifft nicht zu. Das stimmt nicht.

Dann gibt es dieses wichtige Problem mit der NATO. In dem Wiedervereinigungsvertrag zwischen der Sowjetunion und Westdeutschland, wo ja auch die westlichen Alliierten unterschreiben mussten, steht auch ausdrücklich, dass die NATO nicht weiter nach Osten verlegt werden soll. Inzwischen ist die NATO mit den baltischen Staaten, Polen, Tschechien und der Slowakei, Rumänien, Bulgarien usw. erweitert worden. Und das ist etwas, was die Russen als einen Rechtsbruch bezeichnen. Und dadurch erklärt sich die zunehmende Aggressivität eines Putin, zumal dadurch die NATO, in der die Amerikaner sind und die Türkei, die Amerikaner da sein können vor Sewastopol, wo die Russen laut Vertrag ihre Armee hatten, vor der Eroberung der Krim. Ich will Russland jetzt nicht entschuldigen, ich will nur einige objektive Kriterien angeben, die erklären können, warum Putin aggressiv reagiert. Ich will jetzt nicht damit sagen, dass er Recht hat.

Eines der Leitmotive in Putins Diskurs ist die Dekadenz Europas. Ist dieser Diskurs für das Inland, also für die Russen bestimmt oder auch für das Ausland?

Ich glaube für beide, für das Inland, um das Inland fast in eine Kriegsstimmung gegen den Westen zu manipulieren, aber auch um dem Westen immer wieder vorzuhalten: Wir sind besser, wir sind auf einem höheren Niveau. Und das hat nicht Putin erfunden, sondern man findet diesen Diskurs schon in den neunziger Jahren und man findet ihn auch in der Kirche. Ich gebe nur ein Beispiel: Als der frühere Patriarch Alexis II. zum ersten Mal in Straßburg war und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte besuchte, da hat er zur Kenntnis genommen, dass man zu den Menschenrechten in Europa auch die Rechte  der Homosexuellen zählt und diese respektiert. Und er ist zurückgekehrt und hat gesagt: Das sind nicht unsere Menschenrechte, in Russland haben wir andere Menschenrechte und wir müssen hier ein Institut für russische Menschenrechte kreieren.

Das ist nie geschehen, dass dieses Institut geschaffen wurde, aber Putin hat vor Kurzem, es kann aber auch schon ein Jahr her sein, gesagt, dass Russland im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vertreten ist, dass Russland aber nicht mit allem einverstanden sei, was der Gerichtshof beschließt: „Unsere Auffassung von Menschenrechten ist anders. Wir werden nur noch das unterschreiben, was uns entspricht, und nicht mehr das, was uns nicht entspricht“. Und das Problem ist wirklich, dass Putin sich immens auf die russisch-orthodoxe Kirche stützt, die seit Jahrhunderten oder seit immer national reagiert und antiwestlich ist, weil sie meinen, unsere Moral ist tiefer und unsere Werte sind andere, „unsere (also ihre) Werte sind Ehre das Vaterland und die Familie“ und der Westen ist total materialistisch orientiert. Da muss man, wenn man das analysiert, wirklich sehr darauf achten, wie Staat und Kirche Hand in Hand gehen.

Kann man somit behaupten, dass Russland mit seinem Verhalten heute eine Gefahr für Europa darstellt?

Das würde ich nicht sagen. Wenn Sie mit Gefahr meinen, dass es einen neuen Weltkrieg geben würde, daran glaube ich nicht, aber ich bin als jemand, der ein ganzes Leben über Russland gearbeitet hat und immer versucht hat, Russland zu verstehen – nicht zu entschuldigen, aber zu verstehen, von innen her – sehr nachdenklich. Leute wie ich, auch meine Kollegen sind sehr bedrückt, dass gegenseitiges Verständnis auseinanderbricht und dass unsere Kontakte, zum Beispiel die wissenschaftlichen Kontakte zwischen Russland und Frankreich oder Russland und Deutschland ein bisschen abbrechen – und dass es immer schwieriger wird, ein Visum für Russland zu bekommen, oder umgekehrt, für Russen, zu uns zu kommen. Oder ich habe Freunde in Russland, die in NGOs arbeiten, deren Telefonate seit Jahren abgehört werden, sodass wir nur noch am Telefon sagen können, bei uns regnet es und bei euch scheint die Sonne, aber überhaupt nichts mehr, was sinnvoll ist.

Und ich finde das unglaublich schade, denn gerade zwischen Deutschland und Russland ist so viel aufgebaut worden und so viel an positiven Bindungen entwickelt worden. Ich unterstreiche Deutschland so sehr, weil wir ja den Krieg begonnen haben und Russland hat an die 27 Millionen Menschen verloren, durch unsere Schuld, und das war seit der Adenauer-Zeit ein Bemühen, auf Russland zuzugehen und umgekehrt. Es gibt sehr viele russische Studenten in Deutschland. In Frankreich sind es ganz andere Studenten, die aus Russland kommen. Es liegt auch an der Sprache. Meistens kann ein Russe nicht Deutsch und Französisch und auch noch Englisch, sondern die einen gehen nach Deutschland, die anderen nach Frankreich.

Und das sind auch wunderbare Menschen, die sind Europäer, wollen auch Europäer sein, mir tut es von Herzen leid, dass es jetzt dabei ist zusammenzubrechen, und überall wo ich bin, in deutschen Gremien oder auch in Russland sage ich immer wieder, wir dürfen das nicht abbrechen lassen. Wir müssen die menschlichen Kontakte fortsetzen, denn Putin wird vielleicht eines Tages abgesetzt werden. Wir wissen nicht von wem, meine russischen Freunde befürchten, der Nachfolger wird noch nationalistischer als er, aber davon müsste man sich nicht beeinflussen lassen. Ich würde immer wieder sagen: sprechen, sprechen, sprechen mit Russland. Das ist übrigens trotz der Sanktionen auch die Politik von Merkel, dass sie die Kontakte beibehalten will. Die gehen aber den Bach runter. Angst würde ich nicht haben, aber eine gewisse Befürchtung.






Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 19.11 2015, 04:42
@König: es gibt auch eine deutsche Minderheit, eine tatarische, eine bulgarische, eine polnische, eine jüdische und eine armenische, die russische sowieso. Diese Leute haben spätestens dann ein Problem mit der nationalen monoethnischen Staatsdoktrin, wenn ihre Söhne zum Wehrdienst eingezogen werden und in den Donbas geschickt werden. Da braucht es gar keine Aktivitäten von außen.
König der Arschkriecher, 19.11 2015, 01:04
@Tourist
Nationalistenkram. Oft werden vermeintliche Probleme der ungarischen oder rumänischen Minderheit von Budapest oder Bukarest aufgeblasen – für die Vertreter der Minderheit in der Ukraine spielen sie eine geringere Rolle.
König der Arschkriecher, 19.11 2015, 00:39
Der Militärdialog mit den USA war wg. der Ukraine eingefroren, doch heute telefonierte US-Verteidigungsminister Ashton Carter das erste Mal seit seinem Amtsantritt im Februar dieses Jahres eine Stunde mit seinem russischen Kollegen Sergej Schoigu. Die Initiative dafür hatte nach US-Angaben Russland ergriffen.

Wenn Russland den Dialog sucht wird IMHO Assad opfern, jedenfalls tut sich endlich etwas:

Hollande: „Am Dienstag fahre ich nach Washington und am Donnerstag nach Moskau, um mit Barack Obama und Wladimir Putin die Koordination unserer Anstrengungen zu erörtern, um zusammenzuarbeiten und dieses Ziel schnellstens zu erreichen“, äußerte Hollande am Mittwoch in Paris. „Wir müssen eine breite Koalition bilden, um (dem IS) den entscheidenden Schlag zu versetzen.“
Tourist, 18.11 2015, 22:15
das Problem der Ukraine: ein multiethnischer großer Flächenstaat, der aber ein monoethnisches nationales Staatsmodell haben will, beides geht nicht, entweder groß und multiethnisch, oder kleiner und monoethnisch. Dann muss man aber die Ostukraine, die Krim, den Süden um Odessa und Nikolaijew, die Bukowina und Transkarpatien aufgeben. Kann man machen, wenn man das will. Nur wundern soll man sich nicht.

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