Angst

Donnerstag, 05. Januar 2012

Foto:sxc.hu

In meiner Kindheit im Rumänien der 50er-Jahre hatte mein Vater Angst vor der Zukunft, er fürchtete, dass sich sein Leben nie verändern würde. Und wenn er schlief, hatte er manchmal Angst vor der Vergangenheit, er war im Zweiten Weltkrieg gewesen und hatte immer noch Albträume und manchmal schrie er im Schlaf.
Meine Mutter war da etwas anders gestrickt, sie lebte so gut wie immer in der Gegenwart und hatte immer nur Angst, dass sie heute wieder kein Brot, kein Fleisch, kein Gemüse, kein Propangas zum Kochen bekäme, und dass das Einkaufsgeld bis zum Ende des Monats nicht reichen würde.
Auch hatte meine Mutter manchmal Angst vor meinem Vater, der sich immer wieder zwischendurch einen hinter die Binde goss, um seine Ängste vor der Zukunft wegzutrinken, und dann plötzlich unberechenbar wurde.

Diese Männerangst teilte meine Mutter mit vielen anderen Frauen meiner Heimatstadt Reschitza. Sie warteten oft auf ihre Männer am Zahltag vor dem Fabriktor, um ihnen das Geld abzunehmen, damit sie es nicht in der Kneipe auf den Kopf schlugen und mit leeren Taschen und vollgelaufen nach Hause kommen.
Ich hatte in meiner Kindheit mal vor meinem Vater, mal vor meiner Mutter Angst, und oft hatte ich noch Angst vor fliegenden Pusteblumensamen, weil mir mein Spielfreund Helmut gesagt hatte, dass seien Gespensterseelen. Und dann hatte ich noch Angst vor geöffneten Regenschirmen, wenn einmal ein geöffneter Regenschirm bei uns zu Hause im Flur lag, geriet ich sofort in Panik. Wieso, keine Ahnung. Vielleicht weil die Regenschirme alle schwarz waren, genau wie die Zukunft, vor der sich mein Vater fürchtete.

Langsam wuchs ich heran, und als ich dann als junger Mann Angst vor Ceauşescus Wahn und der Securitate hatte, flüchtete ich 1977 nach Deutschland. In Deutschland wiederum hatte man damals Angst vor den sowjetischen Nuklearraketen und dem Terror der Roten-Armee-Fraktion, und ich wurde rasch von dieser Angst angesteckt. Ich erinnere mich, dass ich einen Tag nach meiner Ankunft in Düsseldorf ein Postamt betrat und dort ein großes Fahndungsplakat mit den Mitgliedern der Baader-Meinhof-Gruppe hing, und da wurde es mir etwas unheimlich. Nachts wurde ich bisweilen von Polizeisirenen geweckt, es ging damals in Düsseldorf zu wie in der TV-Serie „Die Straßen von San Francisco“.

Nun lebe ich schon seit 34 Jahren in Düsseldorf, und die Ängste der Vergangenheit sind längst besiegt. Ich habe nun vor gar nichts mehr Angst, bis auf die Inflation, den  Zusammenbruch der Weltwirtschaft, den islamistischen Terrorismus, die Neonazis, die Tsunamis, die Erdbeben und die Atomkraftwerke. Und die dioxinbelasteten Eier. Nein, pardon! Dioxinbelastete Eier waren gestern. Heute haben wir die antibiotikaverseuchten Hühnchen und Rinder. Und den Fisch mit Quecksilber, aber das ist mir egal, denn man merkt es gar nicht beim Essen.
Und apropos Essen: Ich war kürzlich in Bukarest, und dort ging ich mit ein paar alten Freunden ins Restaurant. Wir plauderten über dies und jenes, unter anderem auch über unsere gegenwärtigen Ängste, und nach und nach kam dabei heraus, dass meine Freunde aus dem Osten vor den gleichen Dingen wie ich hier in Düsseldorf Angst hatten. Ist das nicht toll? Der Osten und der Westen haben endlich zusammengefunden. Wer hätte das vor dreißig, vierzig Jahren gedacht?

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