Apokalyptische Grüße

Samstag, 22. Dezember 2012

Bild: sxc.hu

Nun haben wir ihn also wieder einmal überlebt, den Weltuntergang, der eigentlich am 21.12.2012 laut Maya-Kalender hätte stattfinden sollen. Obwohl die Zeit ja nun offiziell beendet ist, machen wir einfach weiter, als ob nichts gewesen wäre. Denn so einen unspektakulären Weltuntergang hat die Welt noch nicht erlebt! Kein feuriger Komet, keine dänikenschen Außerirdischen, keine sünderverschlingende Sintflutwelle und kein Supervulkanausbruch, der die Erde tagelang in Wolken hüllen und einen nuklearen Winter hätte auslösen können. Ganz heimlich, still und leise hat sich die Zeit davongeschlichen, wie ein Dieb.

Oder wurde der Weltuntergang nur verschoben, wie schon so viele Male zuvor? Zuletzt von 2000 auf 2012 – und nun wohl auf unbestimmte Zeit, denn ein neues Datum wurde meines Wissens noch nicht bekannt gegeben. Ja, ja! Erst tausend hochheilige Versprechungen und dann mal wieder nicht pünktlich. Das ist im Himmel genau wie bei den Baufirmen auf der Erde. Wie soll man denn sein Leben planen, wenn nicht mal auf die Apokalypse Verlass ist? All die teuren Bunker und nuklearen Überlebenssets, die Reisen an sintflutsichere Orte, die angelegten Lebensmittelvorräte, die bis zum nächsten Weltuntergang womöglich längst abgelaufen sind...

Und überhaupt, was haben sich die Mayas dabei gedacht, so mir nichts, dir nichts ihren Kalender enden zu lassen? Oder sind ihnen nur die Steinplatten ausgegangen? Konnten sie vielleicht nicht weiter als 2012 zählen? Ist die Zeit tatsächlich zyklisch und wir sind bloß wieder beim Anfang angekommen, der – zum Teufel mit der Kausalität – nun nach dem Ende kommt?
Oder sind wir vielleicht längst tot und haben es noch gar nicht gemerkt? So was soll es geben! Unfallopfer, die neben ihrer Leiche stehen und sich fragen, wo der Fleischklops herkommt und wieso auf einmal keiner mehr mit ihnen spricht. Nur, wenn wir alle gestorben sind, dann weiß ja wiederum keiner, dass die Überlebenden nicht mehr mit uns sprechen würden. Und so schaffen wir vielleicht als kollektive Halluzination die Illusion einer Erde, die es längst nicht mehr gibt! Aber wer soll das beweisen? Die Weltuntergangsverschwörer können daher locker triumphieren: Hurra, am 21.12. ging die Erde unter! Das feiern sie dann jedes Jahr, so wie Weihnachten und Ostern. Mit Gänsebraten und Kuchen, Böllern und fröhlichen Glückwünschen: „Happy Doomsday!“, „Einen frohen Weltuntergang Dir und all Deinen Lieben!“, „Apokalyptische Grüße aus der Ferne“ oder wechselweisen rumänischen Grußformeln nach dem österlichen Muster: „Lumea s-a sfârşit!“ - „Adevărat s-a sfârşit“ (die Welt ist untergegangen - wahrhaftig, sie ist untergegangen)...

Wie – nach dem Ende der Zeit gibt es auch kein Jahr mehr? Na, dann gedenken wir eben jährlich auch dem Ende des Jahres, mit Jahresendfeuern, maskiertem Jahresaustreiben oder einem traditionellen Nicht-Jahr Markt, da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Im neuen Zustand der Zeitlosigkeit haben wir schließlich unendlich viel Zeit, die jahrlosen Jahresendfeiern ausgiebig und apokalyptisch zu feiern. In diesem Sinne wünschen wir allen ADZ-Lesern ein frohes und erfüllendes Jahresendfest!

P.S. Notiz an die Chefredakteurin: Bitte bringen Sie diesen Artikel nur, wenn am 21.12. tatsächlich KEIN Weltuntergang stattgefunden haben sollte. Andernfalls besser nicht, das wär sonst zu peinlich...

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