Archäologisches Juwel aus der Steinzeit

Lepenski Vir gibt Einblick in eine der ersten sesshaften Zivilisationen Europas

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Die Bauern mussten wohl mathematische Kenntnisse haben, um so exakte Häuser zu bauen.

Die fischähnlichen Skulpturen sind erste Beispiele europäischer sakraler Kunst.

Gegenüber von Lepenski Vir, in Rumänien, sieht man den Berg Treskavac/Trescovăţ. Er erscheint in Trapezform – genauso wie die Häuser, die in Lepenski Vir gebaut wurden.

Am rumänischen Donauufer, bei Schela Cladova, wurden ähnliche archäologische Funde ausgegraben.
Fotos: Marion Kräutner (3), Zoltán Pázmány

Eine Stunde mit dem Auto von der rumänischen Grenze beim Eisernen Tor entfernt, in Serbien, Richtung Donji Milanovac, liegt die archäologische Fundstätte Lepenski Vir. Benannt nach der Stromschnelle in der Mitte der Donau-Klamm und auch nach der hufeisenförmigen Flussterrasse am Prallhang des rechten Ufers ist die Zivilisation von Lepenski Vir eine der ältesten im europäischen Raum. Schon im Sommer 1960 hatte man am Donauufer Fragmente von Töpferwaren gefunden, die der Starcevo-Gruppe – der ältesten Kultur der Jungsteinzeit (Neolithikum) im Donau-Becken – zugerechnet wurden. Doch weil sie sich auf eine kleine Fläche beschränkten und zunächst nichts Besonderes ans Licht brachten, glaubte man anfangs, dass die Siedlung nur für kurze Zeit existierte und sehr arm war.

Den wahren Wert der Siedlung hatte erst der Archäologe Dragoslav Srejovic entdeckt, als er 1965 mit Grabungen vor Ort begann. Als junger Assistent an der Universität Belgrad war er mit Notgrabungen vor der Errichtung des Staudammes „Eisenes Tor“, der Rumänien und Jugoslawien energetische Unabhängigkeit liefern sollte, beauftragt worden. Das alte Orschowa/Orşova, elf Dörfer am Donauufer und die Insel Ada-Kaleh – eine türkische Enklave mit Moschee, verwinkelten Gässchen und vielen Kaffeehäusern – verschwanden für immer unter den Fluten. Tausende Menschen am rumänischen sowie serbischen Ufer wurden damals umgesiedelt.

Auch die archäologischen Funde bei Lepenski Vir wären beinahe für immer vom Wasser verschluckt worden. Die Ausgrabungen von Dragoslav Srejovic begannen 1965, allerdings wurde deren Bedeutung erst 1967 erkannt, als man die ersten, als mittelsteinzeitlich identifizierten Skulpturen entdeckte. 1971 wurden die Ausgrabungsstätten auf ein etwa 30 Meter höheres Niveau verlagert, um ihre Überflutung zu verhindern. Dort liegt auch das heutige Museum von Lepenski Vir.

Spaziergang in die Vergangenheit

Von der Hauptstraße am Donauufer, die durch die Stadt Donji Milanovac führt, ist es ganz leicht, den Eingang zu Lepenski Vir zu verpassen, wenn man ein Hinweisschild am Straßenrand übersieht. Denn sehen kann man das Museum von dort aus nicht, die Hauptstraße liegt wesentlich höher. 25 Kilometer nach Donji Milanovac – wo man übrigens gute serbische Hackfleischfladen, Pljeskavica genannt, essen kann – muss man gleich nach dem Tunnel rechts in Richtung Donau abbiegen. Wir lassen unser Auto am Parkplatz und gehen zu Fuß auf einem schmalen Weg zur Fundstätte. Rundum herrlich grüne Natur - nichts deutet darauf hin, dass wir gleich ein technisch fortschrittliches Museum betreten werden. Zwischen den Bäumen blitzt ab und zu das Blau der nahen Donau auf. Dann fällt unser Blick plötzlich auf das Museum: eine große Glaskonstruktion mit weißem Stahlskelett, die wie ein Treibhaus aus einem Science Fiction Film anmutet. Doch im Inneren wächst nichts: nur Erde, Steine und menschliche Skelette, die einen Einblick in das Leben der Menschen vor 9000 Jahren an diesem Ort liefern.

Das warme Klima an diesem sonnigen Donauufer, rundum geschützt von Bergen, begünstigte die Entstehung einer sesshaften Zivilisation zwischen 10.000 – 5000 v. Chr. (Mittelsteinzeit), einer Zeit, in der die meisten Bewohner des Kontinentes noch Nomaden waren, in Höhlen schliefen und in Eis und Schnee nur schwer Nahrung auftreiben konnten. In Lepenski Vir war die Lage anders: Die Berge dienten als Schild gegen eiskalte Winde und die Vegetation konnte sich in Ruhe entfalten. Botaniker nennen das ein Zufluchtsgebiet. Zuflucht bot es nicht nur Pflanzen, sondern auch Menschen. Sie bauten sich Häuser und gründeten Dörfer. Wie solch ein Dorf aussah, kann man im Museum genau nachvollziehen, denn es wurde in Originalform und mit den originalen Materialien aus archäologischen Funden rekonstruiert.

Einblick in erste Dorfstrukturen

Die Fußböden aller Häuser bestehen aus schwach gebranntem Kalk mit Kies und sind trapezförmig. Die längere Schmalseite ist grundsätzlich gerundet und zeigt fast immer in Richtung des Flusses - nur zwei Häuser bilden eine Ausnahme. Jedes Haus verfügt über eine in den Fußboden eingelassene Herdstelle, hinter der sich oft ein gerundeter, behauener Felsblock befindet. Archäologen unterscheiden drei zeitliche Phasen des Hausbaus. Einige Häuser hatten sogar vertikale Wände, Steintische und bemerkenswerte Skulpturen, die zum Symbol von Lepenski Vir wurden: Sie bestehen aus gelbem, grobkörnigem Sandstein und haben die Form eines Menschen- oder Fischkopfes.

Fisch war natürlich eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Bewohner von Lepenski Vir, doch mit der Zeit haben sie angefangen, Tiere zu züchten. Am zahlreichsten waren Rinder, gefolgt von Schafen, Ziegen und Schweinen. Auch Hundeknochenfunde sind auffallend häufig. Man weiß jedoch nicht, ob es Jagdhunde waren, oder ob man sie auch aß. Lepenski Vir illustriert damit den Übergang von der Lebensweise der Sammler und Jäger zu jener der Ackerbauern im Neolithikum (Ende der Mittelsteinzeit). Wie wir anhand der rekonstruierten Fundstätte erkennen konnten, hatte das Dorf sogar Gassen und eine Art Marktplatz.

Damit sich die Besucher das Leben in Lepenski Vir besser vorstellen können, bietet das Museum im Hauptraum auf mehreren Computern virtuelle 3D-Touren durch das Dorf. Ein echtes Haus wurde hingegen am Nebeneingang des Museums im Freien aufgebaut. Drei Skelette stehen dort - exakt in der Position, in der die Menschen bestattet worden waren - im selben Raum mit Skulpturen und anderen Fundstücken. In einem Amphitheater kann man einen kurzen Dokumentarfilm über die Ausgrabungen in den 60er Jahren verfolgen.


Das Museum ist jeden Tag von 9 – 20 Uhr geöffnet. Eine Eintrittskarte kostet 400 Dinar (etwa 14 lei) für Erwachsene und 250 Dinar (etwa 9 Lei) für Kinder unter 15 Jahren. Eine virtuelle Tour durch das Museum bietet das Internetportal.  
Weiterführende Informationen unter
Tel. +381.30.501501 oder E-Mail .

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