Arche Noah für einheimische Pflanzen

Wissenschaftliche Samenbank in Suceava rettet vom Aussterben bedrohte Gemüsesorten

Samstag, 05. Mai 2012

Auf lokalem Niveau dürfen auch traditionelle landwirtschaftliche Produkte verkauft werden – nicht jedoch ihre Samen.
Foto: Nina May

Während die Konsumenten in vielen EU-Ländern zunehmend nach Bio-Produkten verlangen, verarmt der rumänische Gemüsemarkt zusehends an einheimischen Sorten. Die Tomaten mit den lustigen Zipfelchen, die saftigen Wasserzwiebeln oder die plattgedrückten roten Paprikaschoten, die man füllen und auf den Grill legen kann, ohne dass sie herunterpurzeln, wurden fast vollständig durch transportfreundliches Einheitsgemüse aus Europa verdrängt. Wenn der Blick heute über Marktstände schweift, entdeckt man Riesenknoblauch aus China, hartschalige Tomaten aus Holland und druckresistente Auberginen aus Spanien. Die rote Buzău-Zwiebel gibt es schon lange nicht mehr, lacht uns der Verkäufer ins Gesicht. Auf seinem Feld wachsen jetzt harte, lagerfähigere Sorten. Auch Bärlauch, Brennesseln, Artiplex hortensis („lobodă“) und Scharbockskraut („untişor“) wurden längst von Eisberg- und Kopfsalat verdrängt. Armeleute-Blattwerk, das bald nur noch alte Weiblein kennen – wer keine Zeit zum selber sammeln hat, geht eben leer aus. Auch die bis zum Zweiten Weltkrieg in Rumänien verbreitete Topinambur-Knolle – „Nap porcesc“ oder Schweinerübe genannt, weil man damit vor allem Schweine fütterte – kennt heute kein Schwein mehr. Erst seit eine deutsche Studie ihren außerordentlichen Wert für die Gesundheit enthüllte, sucht man sie wieder händeringend – vergeblich, es gibt sie nur noch in Kapselform in der Apotheke. Nicht mal der glückliche Gartenbesitzer kann dem rasanten Verlust der Biodiversität trotzen, denn das Problem ist, dass mit den alten Sorten auch ihre Samen vom Markt verschwinden. Warum? Ganz einfach: Weil das Gesetz den Verkauf von Saatgut, welches nicht ausdrücklich im Katalog für die Kommerzialisierung eingetragen ist, verbietet. 

Das war die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Die Samen sind vom Markt, aber nicht aus der Welt! Denn ein wissenschaftliches Projekt, die Bank für pflanzengenetische Ressourcen in Suceava (Banca de Resurse Genetice Vegetale din Suceava), verhindert das endgültige Aussterben des genetischen Naturerbes dieses Landes. Wissenschaftliche Kuriosität oder patriotischer Akt? Weder noch, es handelt sich sogar um eine staatliche Institution. Wem die Bewahrung des genetischen Erbes nützt und wie man doch noch in den Besitz von Samen nichtkommerzieller Wildsorten kommt, oder sogar zu deren Erhalt beitragen kann, verrät die wissenschaftliche Leiterin der Genbank, die Biologin Dr. Silvia Strajeru, im Interview mit ADZ-Redakteurin Nina May.

Seit wann gibt es die Samenbank und welchem Zweck dient sie?

Die Genbank in Suceava gab es schon zur Zeit des Kommunismus. 1990 wurde sie in eine unabhängige nationale Einrichtung umgewandelt, die bis Ende 2009 unter der Regie des Landwirtschaftsministeriums stand. Danach übernahm sie das Zentrale Labor für Samenqualität und Saatmaterial in Bukarest. Sie wird zu 100 Prozent vom Staat finanziert und hat die Aufgabe, den gesamten genetischen Pool einheimischer Pflanzen mit landwirtschaftlicher Relevanz zu archivieren und für die Nachwelt zu konservieren. Die Bewahrung der Biodiversität ist sozusagen die „Versicherungspolice der zukünftigen Landwirtschaft“ und damit für jedes Land von enormer Bedeutung. Genbanken sind notwendig für die Konservierung eines biologischen Materialpools zur Sicherung der Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Pflanzen gegenüber biotischem und abiotischem Stress (Anm. Red.: Nährstoffmangel, Schädlinge, Klima, Strahlung, etc), mit dem Ziel einer allgemeinen Verbesserung. 

Samen sind ja nicht ewig haltbar. Wie begegnet man diesem Problem?

Die Samen werden unter trockenen Bedingungen (5-8 Prozent Feuchtigkeit) bei geringen Temperaturen (+4°C/-20°C) in hermetisch dichten Behältern gelagert und halten sich so zwischen 25 und 50 Jahren. 

Wer hat außer dem Staat noch Interesse an der Genbank?

Die Genbank ist für die Forschung im Allgemeinen von Interesse, für die Züchtung besserer Sorten und für wissenschaftliche Studien. Es gibt hierzu auch internationale Kooperationen. Derzeit existieren weltweit etwa 1700 Genbanken, davon 500 in Europa. Rumänien leistet einen Beitrag beim Austausch von Material mit den meisten europäischen Banken – und nicht nur das. 

Welchen Wert haben einheimische Ur-Pflanzen heute für die Wissenschaft, aber auch für den Kommerz?

Zwei Kategorien von pflanzengenetischem Material sind besonders kostbar: zum einen das von traditionellen Landwirtschaften, also Pflanzen, die nicht durch Züchtung weiterentwickelt wurden, zum anderen Wildformen von heutigen Kulturpflanzen. Beide haben enormen wissenschaftlichen Wert, weil sie Gene enthalten, die als Ausgangspunkt für neue Züchtungen oder Hybride dienen können, oder aber als Primärmaterial für die Entwicklung von Medikamenten. Die Kultivation von alten Sorten kann aber auch attraktiv für den ökologischen Anbau sein, zum Beispiel als Versorgungsquelle für Ökotourismusbetreiber. 

Gibt es Beispiele für einst typische, heimische Nutzpflanzen, die heute kaum noch jemand kennt?

Mit der Verbreitung der industriellen Landwirtschaft und der Einführung von modernen Sorten und Hybriden in großem Stil wurden die heimischen Wildsorten, aber auch diverse lokale Zuchtformen, stark vernachlässigt oder verdrängt. Viele Sorten, die nicht rechtzeitig konserviert werden konnten, sind für immer verloren. Die genetische Erosion der traditionellen Population an Flachs (Linum usitatissimum) oder Hanf (Cannabis sativa) hat leider ihr Maximum erreicht. Andere Spezies, zum Beispiel Mais (Zea Mays) oder die Saubohne (Vicia faba), erlitten Verluste an Biodiversität zwischen 50 und 80 Prozent. Der gesamte Verlust ist schwer einzuschätzen, weil man nicht mehr weiß, was es früher alles gab. Ich gehe davon aus, dass er sehr groß ist.

Wie findet man noch alte Züchtungen oder Wildformen?

Die Genbank organisiert jährlich zwei Exkursionen, an denen Wissenschaftler unterschiedlicher Spezialisierungen teilnehmen, mit dem Ziel, lokale Formen, die noch an abgelegenen Orten traditionell angebaut werden, zu inventarisieren und genetisches Material zu sammeln. Außerdem interessieren wir uns für Anbautechnik und Nutzen der jeweiligen Pflanze. Die Daten werden in unserer elektronischen Datenbank für die Nachwelt archiviert. 

Gibt es Bemühungen, einheimische Bauern davon zu überzeugen, alte Sorten wieder anzubauen?

Seit Anfang 2009 ist die Wiedereinführung der Kultivation einheimischer Variationen eines unserer prioritären Programme – mit einer einfachen Methode: wir bieten jedem Interessenten in Rumänien, der eine bestimmte Variation „adoptieren“ und wieder anbauen möchte, gratis eine kleine Menge Saatgut an – etwa 25 Samen. Das Ergebnis war außerordentlich ermutigend! Es gab so viel Nachfrage, dass in einigen Fällen das von uns zur Verfügung gestellte Material nicht ausreichte.

Kann also auch ein Hobbygärtner Samen von der Genbank beziehen?

Wir sind eine öffentliche Einrichtung, die auf der Basis eines Standardabkommens zum Austausch von genetischem Material für Landwirtschaft oder Forschung funktioniert. Aber auch andere Interessenten können unter bestimmten Bedingungen, die im Dokument „Übereinkunft zum Transfer genetischen Materials“ festgehalten sind, Material beziehen. Beide Dokumente finden Sie auf unserer Webseite www.svgenebank.ro. (Anm. Red.: Im Prinzip geht es um die Verpflichtung zum Anbau der Samen, zur lokalen Verwertung des Produkts und zur kostenlosen Weitergabe der Samen, einschließlich an die Genbank, während die Genbank Material und Anbauinstruktionen zur Verfügung stellt).

Kann man mit den traditionellen Sorten auch kommerziell etwas anfangen?

Nur bedingt. Traditionelle landwirtschaftliche Produkte dürfen zwar auf dem lokalen Markt angeboten werden. Die Kommerzialisierung der Samen ist jedoch verboten, wenn die Variation nicht ausdrücklich dafür zugelassen ist. 

Mit welchen Problemen kämpft die Genbank noch?

Wie viele staatliche Institutionen leiden wir an ständiger Unterfinanzierung. Wir haben allerdings die Möglichkeit, Unterstützung in Form von Spenden oder Sponsorisierung entgegenzunehmen. Vor allem aber leiden wir an einem Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften. Junge Experten zieht es eher in Bereiche mit attraktiverem Gehalt als zum Staat. 

Welche Botschaft würden Sie den Lesern am Ende gerne übermitteln?

Dass man sich an den wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften unseres Jahrhunderts erfreuen kann, ohne auf das Parfüm der Tradition, das harmonische Zusammenleben mit der Natur und den Respekt vor Mutter Erde verzichten zu müssen. Die beiden Elemente schließen einander nicht aus, sondern können sich sinnvoll ergänzen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.


Kleines Fachlexikon

Hbyride: Kreuzungen zwischen unterschiedlichen Arten oder Unterarten, mit dem Ziel einer Vergrößerung des Ernteertrags oder der Veredelung einer Frucht. Hybride sind allgemein leistungsfähiger als die Mitglieder der reinerbigen Elterngeneration (Heterosis-Effekt). Der Nachteil ist jedoch, dass die Nachkommen der Hybride stark an biologischer Fitness verlieren. Es kommt zu deutlichen Ertragsredukionen, sodass ständig Saatgut zugekauft werden muss, was zu einer Abhängigkeit vom Saatguthersteller führen kann. Hybridisierung kommt auch in natürlichen Evolutionsprozessen vor. Sie ist für die Etablierung der genetischen Vielfalt innerhalb der biologischen Arten von Bedeutung. 

Genetische Erosion: Verlust der Biodiversität, genetische Verarmung. Beispiele: obwohl 5000 Reissorten bekannt sind, gehen drei Viertel des weltweit angebauten Reises aus nur einer einzigen Sorte hervor. In Sri Lanka wurden 1959 noch 2000 Reissorten angebaut, 2002 waren es nur noch fünf. In Indonesien starben in den letzten 20 Jahren 1500 lokale Reissorten aus. Monokulturen erfordern aufwendigeren Schutz vor Krankheiten und Schädlingen. Je größer die genetische Vielfalt, desto geringer also die Gefahr einer gegenseitigen Ansteckung. Wie gefährlich genetische Armut ist, zeigt ein Vorfall aus den 70er Jahren, als ein Virus ein Viertel der gesamten asiatischen Reisproduktion vernichtete. Nur Dank der Gendatenbank des Internationalen Reisforschungszentrums, wo eine einzige resistente wilde Reissorte gefunden wurde, konnte die Reisproduktion gerettet werden.

Kommentare zu diesem Artikel

Klaus, 05.05 2012, 12:20
Hallo Nina,
gibt es in Rumänien etwas vergleichbares zu www.bantam-mais.de oder
www.arche-noah.at ??
Ohne staaliche Aktivität !!
Gruß
Klaus

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