Armee-Deutsch einst und heute

Kronstädter Festival zu historischer Nachstellung

Sonntag, 23. Oktober 2016

Mitglieder der „Asociaţia Deutsches Freikorps“ beim Gewehrpräsentieren

Roman von Gamotha: österreichischer Pensionist und Monarchist auf dem Kronstädter Marktplatz
Fotos: Ralf Sudrigian

„Die Zivilperson soll sich aus dem Blickfeld entfernen!“ Entschieden und leicht verärgert klingt der Befehl des Offiziers. Gemeint bin ich – der Zivilist, der das Gruppenbild der Soldaten in Gefahr bringt. Mit Bedauern muss der Fotograf akzeptieren, dass hinter der Mauer des Militärfriedhofs am Fuße der Zinne einige Pkw mit ins Bild hineinrutschen.

„Der Große Krieg“ in Kronstadt

Die passen gar nicht zum Jahr 1916, als Rumänien im August in den Ersten Weltkrieg auf Seiten der Entente eintrat. „Es ist nicht der Erste Weltkrieg, sondern der ‘Große Krieg’. Das ist schon mal ein Unterschied“, hatte mich noch am Kronstädter Marktplatz Roman von Gamotha belehrt. Der österreichische Baron ist Mitglied des Dragoner-Regiments 3 und Kavallerie-Inspektor der österreichischen Kavallerie. Er trägt die blaue Sommerdienstbluse, weiße Leinenhose, Strohkappe, Säbel und Kartentasche. Und er ist Pensionist und Monarchist. In Kronstadt beteiligt er sich als einziger Österreicher an einem internationalen Festival von „historical reenactment“. Nachgestellt werden, zusammen mit rumänischen, tschechischen und englischen Vereinen, die militärischen Uniformen, die Waffenausrüstung und alles, was sonst noch zum Soldatenleben gehört, so wie es vor genau hundert Jahren gewesen sein mag, so wie man das aus alten Dokumenten, zum Beispiel militärischen Dienstvorschriften und historischen Fotos, entnehmen kann.

Vor den Treppen zum alten Rathaus der Stadt (heute das Geschichtsmuseum) ist eine alte französische Feldkanone aufgestellt, die damals im Dienst der rumänischen Armee stand und vom Nationalen Militärmuseum „Ferdinand I“ aus Bukarest ausgeliehen wurde. Die Offiziere der verschiedenen Armeen salutieren militärisch. Soldaten in historischen Uniformen stellen sich zur Frontinspektion auf, nebenan führen die Soldaten von „Asociaţia Deutsches Freikorps“ Übungen zur Waffenhandhabung durch. Befehle auf Deutsch ertönen; alles klappt zur Zufriedenheit der Fotografen, die auf diesen Waffendrill ungeduldig gewartet haben.

Nur das „Danke schön“ des Oberleutnants an seine Soldaten leuchtet mir nicht ein – es gilt wohl eher den Beifall klatschenden Touristen und Schaulustigen, die sich an diesem schönen Augustsonntag am Marktplatz eingefunden haben. Sie schauen sich die verschiedenen Bretterstände an, wo militärische Auszeichnungen, alte Fotos, Fahnen, Büchlein mit Soldatenliedern und Kriegspropaganda, aber auch Feldstecher, Laternen, Spielkarten, Rasierpinsel, Blechbesteck, Feldflaschen ausgestellt sind. Die tschechischen Soldaten antworten auf Englisch und einige auf Deutsch, stellen sich für Erinnerungsfotos zur Verfügung, scherzen untereinander. An einem anderen Stand stellt die „Jandarmeria Română“ Pässe aus; nebenan bei der „Poşta“ kann man mit Federstiel und Tinte eine Ansichtskarte schreiben, die dann aber noch die Zensurstelle passieren muss. Märsche aus der Zeit des Ersten Weltkrieges erklingen von der Verstärkeranlage. „... und die Kugel macht bum, bum!“ war nur eine der CDs, die der bald 70-jährige Gamotha den Veranstaltern zur Verfügung stellte.

„Wie bei Cousins“

Für ein Foto nimmt er die Sonnenbrille ab. Denn auf das Vermeiden unzeitgemäßer Details wie Sonnenbrillen, Armbanduhren oder womöglich die unumgänglichen Handys achten „Reenactors“ peinlichst. Haben solche Veranstaltungen für ihn nicht auch einen Hauch an Nostalgie? Der Nachfahre von Adligen, die aus der Gegend von Odessa stammen sollen – „Schöne Geschichte, wenn sie stimmt“, so Roman von Gamotha selbst – antwortet ausweichend: „Wir können alle stolz auf unsere Vergangenheit sein. Ich fühle mich hier in Kronstadt nicht im Ausland. Das kommt auf den Betrachter an. Ich fühle mich hier wie bei Cousins.“ Wie bei Verwandten aus dem Osten, die man nun nach langer Zeit, in der es „sehr dunkel, um nicht zu sagen sehr kalt“ war, wieder sieht und nun versucht, sie über die vergangenen Zeiten aufzuklären, ohne sich dabei aufzudrängen. Siebenbürger Sachsen hat er übrigens in Wien recht viele getroffen. „Man hat sich gekannt, man hat sich besucht und ist zu den großen Festen gegangen.“

Die Beschaffung einer Uniform aus der k.u.k.-Zeit sei ein langwieriger Weg. „Man braucht einen guten Schneider, Knopffabrikanten.“ Zum Glück gibt es in Mitteleuropa immer wieder Leute, die einen Lieferanten finden und dann darüber auch anderen schreiben. Die Frage über die nationale Aussagekraft einer Militäruniform aus der Zeit des Ersten Weltkriegs kann ich nicht zu Ende bringen, denn der Baron korrigiert mich: „Wir benützen heute die Wörter einfach falsch. Früher bedeutete Nationalität, ob ich Böhme war oder Siebenbürger Sachse. Das war Nationalität. Die Frage des Staates war damit nicht geklärt. Das war den Leuten auch einfach egal. Es stand im Reisepass ‘Heimatgemeinde Kronstadt’ und das galt auch für Ungarn, Rumänen und Szekler. Die meisten konnten mindestens drei Sprachen. Das ist es, was wir wiederbeleben möchten.“

Etwas später halten die rund 80 Teilnehmer eine kurze Gedenkveranstaltung am Militärfriedhof, wo Soldaten der deutschen sowie der österreich-ungarischen Armee bestattet sind. Der Baron ist beeindruckt, dass es diesen Friedhof in dieser Form gibt („ein Wunder“), bemängelt jedoch, dass an manchen Grabsteinen die Namen und Dienstgrade der Verstorbenen bald unleserlich werden. Auch hätte er einen Kranz mitgebracht, wenn er gewusst hätte, dass die Veranstalter die Zeremonie auf zwei auf einem Grabstein angezündete Kerzen und einem deutsch (!) gesprochenen Vaterunser beschränken würden.

An der Front reicht das Deutsch, in der Kondi kaum

Zum Friedhof gelangte die Soldatenkolonne über den Honterushof, vorbei an der Ţiriac-Sportarena, wo gerade das Oktoberfest stattfand. An der Spitze des Zugs lief die Gruppe der „Asocia]ia Deutsches Freikorps“ die die Uniform des preußischen Infanterie-Regimentes Nr. 252 samt Pickelhaube trug. Der kommandierende Oberleutnant verweist mich an den Pressesprecher, um einiges über diesen 2011 gegründeten Verein zu erfahren. Flavius Roaită überrascht mich zunächst, als ich von ihm erfahre, der Oberleutnant heiße Wolfgang Toth. „Wir sind alle Rumänen. Aber bei den Nachstellungen verwenden wir deutsche Namen. Wir können uns in deutscher Uniform ja nicht zurufen: ‘Ghiţă, Mitică komm mit!’“ Die 15 Mitglieder des Vereins, die meisten sind Bukarester, beherrschen soviel Deutsch, dass sie die Grundbegriffe der Befehle verstehen und ausführen können. „An der Front hätten wir uns zurechtgefunden – aber wir hätten große Schwierigkeiten gehabt, uns mit einem hübschen deutschen Fräulein in einer Konditorei zu unterhalten.“ In der k.u.k.-Armee wäre es noch einfacher für sie gewesen, wenn das stimmt, was Baron Gamotha mir über die sprachliche Verständigung im Heer des Vielvölkerstaates gesagt hatte: Das Armee-Deutsch sei damals eine Mischung aus acht bis neun Sprachen gewesen. „Die Offiziere mussten mindestens 1000 Worte in der Sprache der größten im Regiment vertretenen Minderheit lernen.“

Was aber hat die jungen Männer zum rumänischen „Deutschen Freikorps“ gebracht? Zum einen ist es eine recht nüchterne Erklärung, die Flavius Roaită parat hält: Es gab bereits drei historische Militärvereine, wie z.B. „Tradiţia Militară“, alle mit Bezug auf die rumänische Militärgeschichte. Die Nachstellung deutschen Militärs war also noch ein „offenes Feld“. Darüber hinaus gäbe es dafür aber große Achtung und Wertschätzung: „Wir zeigten schon immer Respekt für die Stellung des deutschen Soldaten und für alles, was dieser, vor allem im Zweiten Weltkrieg, in seinem Verhältnis zur rumänischen Armee getan hat. Wir hatten damals ein militärisches Bündnis, das uns ermöglicht hat, 1940 abgegebenes rumänisches Territorium zurückzugewinnen. Und wir müssen anerkennen: Die deutsche Armee ist die beste Armee der Welt gewesen und geblieben.“ Wer eine deutsche Uniform auch nur „als Hobby“ tragen möchte, der müsse vor allem hohe moralische Ansprüchen erfüllen können, erklärt Roaită. Deshalb sei die Auswahl sehr streng. „Alles, was wir unternehmen, hat einen rein militärhistorischen Bezug. Wir lassen uns nicht für politische und propagandistische Ziele vereinnahmen.“ Solche Vorwürfe hat es bisher aber auch noch nicht gegeben; im Gegenteil, die Beziehungen zu den Behörden und zum Verteidigungsministerium seien sehr gut.

Trotzdem: Wenn es um die Nachstellung deutscher SS-Verbände geht, gibt es international Bedenken. So heißt es in einer im Februar 2007 von mehreren Vereinen verabschiedeten „Distanzierungserklärung“: „Eine Darstellung NS-parteibezogener Organisationen wird von unseren Gruppen weder betrieben, noch unterstützt oder ermutigt. Dieses beinhaltet auch, dass unsere Gruppen es ablehnen, an Veranstaltungen teilzunehmen, auf denen solche Darstellungen zugelassen sind, weil dieses, unserem Verständnis nach, indirekt oder direkt einer Unterstützung und Ermunterung von Aktivitäten gleichkommt, die wir für unakzeptabel halten.“

Die in Uniform gekleideten Zivilisten vom Kronstädter Historical-Reenactment-Festival fühlten sich als Kameraden miteinander wohl. Sie wollten sich dabei auch einem möglichst zahlreichen Publikum zeigen. Keine Spur von Klamauk und „Fantasy-Spiel“. Sie nahmen sich ernst dabei. Einer der rumänischen „Soldaten“ musste sich am Friedhof niedersetzen. Der Schuh drückte ihn wortwörtlich. Er hätte besser nicht mitkommen sollen, sagte ihm sein Kamerad voller Mitgefühl. „Nein, ich musste kommen“, kam knapp die Antwort.

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