Art Encounters: Erste Biennale für zeitgenössische Kunst

„Appearance & Essence“ mit Berliner Kuratorenteam

Mittwoch, 14. Oktober 2015

„Appearance & Essence“ zeigt Malerei, Plastik, Grafik, Installationen, Fotografie, Film und Video. Im Bild, im Vordergrund: Ioana Nemeş´ „Echipa albă (Satan)“ (Das weiße Team (Satan), 2009) und Anca Munteanu-Rimnics „Wild Horses“ (Wilde Pferde, 2013) im Mittelgrund.
Foto: Zoltán Pázmány

„Appearance & Essence“ (Erscheinung & Wesen) heißt eine der Hauptausstellungen in den Timco-Hallen in Temeswar/Timişoara, die innerhalb der ersten Biennale für zeitgenössische Kunst – Art Encounters (Kunstbegegnungen) – ein Unterfangen der gleichnamigen Stiftung - in Temeswar und Arad über die Bühne geht. Gezeigt werden in den Timco-Hallen Arbeiten von etwa 50 namenhaften rumänischen zeitgenössischen Künstlern von der älteren Generation wie Horia Bernea, Geta Brătescu, Ion Grigorescu, Romul Nuţiu, über Dan Perjovschi, Lia Perjovschi, Rudolf Bone, Marian Zidaru bis hin zu den jüngeren Mircea Cantor, Adrian Ghenie, Anca Munteanu-Rimnic und Ioana Nemeş. Die Werke sind eine repräsentative Auswahl der Berliner Kuratoren von Art Encounters und „Appearance & Essence“: Nathalie Hoyos und Rainald Schumacher.

Unter dem Namen „Office of Art Berlin“ arbeiten die zwei Kuratoren seit 2010 zusammen. Für die Manifesta 10 in Sankt Petersburg entwickelten sie das Videoprogramm „Unlooped Kino“, eine Film- und Videoanthologie, die einen Überblick der zeitgenössischen Film- und Videokunst bietet, die in den letzten Jahrzehnten – ab den 1960er Jahren bis heute – in Europa und den Vereinigten Staaten produziert wurde. Ein anderes gemeinsames Unterfangen des Kuratorenteams war die Ausstellung „Fragile Sense of Hope“ (Zerbrechliches Gefühl der Hoffnung) im Herbst 2014 in Berlin, wo Schumacher und Hoyos versuchten, Aspekte der zeitgenössischen Kunst in Ost- und Südosteuropa zu identifizieren.

Noch vor dem Eintritt in die Timco-Hallen haftet der Blick des Betrachters auf den Glasfenstern des Ausstellungsraums, mit Zeichnungen von Dan Perjovschi.  „Appearance & Essence“ wurde weder historisch, in einer bestimmten Abfolge aufgebaut, noch wurde ihr eine didaktische Funktion zugeteilt, vielmehr versuchten die Kuratoren, die Arbeiten über Ähnlichkeiten, gleiche Erzählstränge und formale Verbindungen zuzuordnen. Es geht darum, eine herausragende Qualität der Werke im Zusammenhang mit anderen Werken, die in einen Dialog treten und dann dem Betrachter einen Einblick geben können in die Vielfalt, die die rumänische Kunstszene heute auszeichnet, so Rainald Schumacher.

Als eine Überraschung bezeichnet der deutsche Kurator die aus den 1970er Jahren stammenden Arbeiten des Temeswarer Künstlers Romul Nuţiu (1932-2012). Es handelt sich dabei um zwei Malereien im Großformat: „Univers dinamic (în roşu/albastru)“ (Dynamisches Universum (in rot/blau)) und „Univers dinamic II“ (Dynamisches Universum II). Nuţiu arbeitete „sehr experimentell, mit fließenden Farben, mit Dingen, die gar nicht dem Klischee des realistischen Sozialismus entsprachen, ein Beweis dafür, dass es in den Zeiten des Kommunismus in Rumänien Künstler gab, die Freiräume zu schaffen versuchten“ (Rainald Schumacher).

Kunstexperimente führte in Temeswar bereits in den 1960er Jahren die Sigma-Gruppe durch – die erste experimentelle Künstlergruppe in Rumänien überhaupt, die im Zeitraum 1970-1980 wirkte. Dieser Gruppe ist innerhalb der Art Encounters die Ausstellung „Sigma: Cartografia învăţării 1969-1983“  (Sigma: Die Kartografie des Lernens 1970-1980) im Erdgeschoss des E-Gebäudes im City-Business-Centre gewidmet. Die Ausstellung umfasst auch eine pädagogische Komponente, da die Sigma-Mitglieder – Ştefan Bertalan, Lucian Codreanu, Constantin Flondor, Ion Gaita, Elisei Rusu und Doru Tulcan – am Temeswarer Kunstlyzeum unterrichteten. Eine Arbeit der Sigma-Gruppe, „Multivision I“ (1979), die als erste Multimediainstallation in Rumänien gilt, wurde anlässlich der „Kunstbegegnungen“ zum ersten Mal nach 36 Jahren im Sportsaal des Römisch-Katholischen Theologischen Lyzeums „Gerhardinum“ in Temeswar wieder nachgebaut.

Außer „Appearance & Essence“  konzipierte das Berliner Kuratorenteam auch die Art Encounters-Ausstellungen „Conexiunea cu prezentul“ (Die Verbindung zur Gegenwart) in der Revolutionsgedenkstätte, „Şiruri secvenţiale“ (Sequenzreihen) im Kunstmuseum, „Momente cotidiene“ (Tägliche Augenblicke) in der Calpe-Galerie und „Cercetare de bază: D´où venons-nous? Que sommes-nous? Où allons-nous?“ (Grundforschung: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?) in der Pygmalion-Galerie des Kulturamtes des Kreises Temesch – alle in Temeswar. Unter dem Namen „Gast Art House“ sind den Art Encounters auch Ausstellungen von Kunstgalerien in Bukarest, Klausenburg/Cluj-Napoca und Craiova gewidmet.  

Die Ausstellungen in den 16 Kunsteinrichtungen und unkonventionellen Räumlichkeiten in Temeswar können größtenteils bis Ende Oktober von dienstags bis sonntags zwischen 11-19 Uhr besichtigt werden. Eine der Außnahmen ist die Ausstellung in der Revolutionsgedenkstätte, die von Montag bis Freitag zwischen 9-16 Uhr, am Samstag und Sonntag mit vorheriger Anmeldung, zu sehen ist.

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