„Aschenputtel hat echt viele Fußböden gewaschen und sich den Schuh verdient“

Junge Regisseurin spricht über die ersten Schritte in ihrer Karriere

Samstag, 14. Juli 2012

Szene aus „Der goldene Drache“ (Deutsches Stück des Jahres 2010) von Roland Schimmelpfennig

Die Regisseurin Ioana Petre vor dem Alten Museum in Berlin
Fotos: Ioana Petre

Die renommierte Nationale Universität für Theater- und Filmwissenschaft „I. L. Caragiale“ (UNATC) in Bukarest ist die einzige rumänische staatliche Institution im Universitätsrang mit den Spezialisierungen Theater und Film. Hier wurden zahlreiche Generationen von Künstlern ausgebildet. Die ursprünglich 1834 gegründete Theaterfakultät entwickelte sich in Laufe der Zeit zu einer höchst komplexen Institution, die eine Vielfalt von Abteilungen umfasst: Schauspielkunst, Puppen- und Marionettentheater, Regie, Szenografie, Choreografie, Theaterwissenschaft und Kulturmanagement, Theaterjournalismus sowie Licht- und Tongestaltung.

Große Schauspieler und Regisseure wurden an dieser Universität ausgebildet, der Erfolg zahlreicher begabter Künstler ist wohl auch ein Grund, warum UNATC unter Fachleuten, aber auch Laien ein so hohes Ansehen genießt. Trotzdem sind die Lehrmethoden an der Universität in Studentenkreisen ein umstrittenes Thema. Die Professoren helfen den Studenten kaum, sie seien nur dazu da, um diesen neue Hindernisse in den Weg zu legen, klagen manche Studenten. Andere Studenten haben sich schon an diese Herausforderungen gewöhnt und sehen sie als Teil der erforderlichen Ausbildung.

Für viele Studenten ist die Studienzeit eine Qual, auch darum ist die Anzahl der Absolventen gering. Auf der anderen Seite zwingt die Uni keinen weiterzustudieren. Ohne eigenen Willen, Initiative, Entdeckungslust hat das Studium an der UNATC keine besondere Bedeutung, meinen einige. Um die eigene künstlerische Entwicklung sollten sich die Studenten selbst kümmern.
In der Theaterwelt gibt es zwei Generationen: Die eine, die den Blick auf die Vergangenheit richtet und die sich vorwiegend auf Klassiker wie Shakespeare, Tschechow und Caragiale konzentriert. Die andere sehnt sich nach den weniger konventionellen Theaterformen. Für manche Studenten sind die Meinungen der Kommilitonen wichtiger als die der Professoren. Von diesen bekommt man ständig zu hören: „Das ist blöd“. „Das solltest du nicht machen“.

Das Problem könnte auch daran liegen, dass zu viele Studenten aufgenommen werden. Die Anzahl der Studienplätze wurde nicht verringert. Während des Studiums kommt es ab und zu vor, dass die Professoren direkt fragen, ob der eine oder andere Student sich nicht gefälligst neu orientieren könnte. Der Abschluss an der UNATC garantiert nicht, dass man im ausgewählten Bereich arbeiten wird. Die Umorientierung ist die immer zur Verfügung stehende Patentlösung, die aber natürlich von allen leidenschaftlichen Studenten heftig vermieden wird. Von 100 Studierenden üben ungefähr 20 ihren Beruf aus und nur eine Person macht Karriere. Der Kampf ums Überleben ist wichtiger als der Wunsch, etwas Neues zu schaffen. Was ist Legende, was ist Wirklichkeit?

Die Gala der Absolventen

Für die Studenten an der Universität für Theater und Film gab es im Juni Prüfungszeit. Die Gala der UNATC-Absolventen besteht aus den Prüfungsvorstellungen, das sind Theatervorführungen von und mit Absolventen.

Die Studenten treffen hier ihre eigenen Entscheidungen und am Ende der Aufführungen werden sie ihren Leistungen gemäß von den Professoren benotet. Von keinem anderen Bukarester Theater zurzeit gebotene Titel der Dramatik tauchen auf, darunter auch „Nach dem Regen“ von Sergi Belbel, „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Dale Wasserman, „California Suite“ von Neil Simon, „Die Einstellung eines Clowns“ von Matei Vişniec und „Handbag“ von Mark Ravenhill. Auch klassische Stücke wurden inszeniert, darunter „Die Möwe“ von Tschechow.

Nach dem Abschluss wird für die Absolventen eine noch anstrengendere Periode beginnen. Diesmal auf der Bühne der Wirklichkeit, was noch spannender sein könnte. Viele Anstellungsmöglichkeiten gibt es für einen Absolventen der Theater- und Filmuniversität nicht. Deshalb ist es wichtig, dass sie jede Chance, die sie bekommen, völlig ausnutzen, ist die Meinung vieler Fachleute. Dozentin Laura Baron von der UNATC behauptet, dass es den Absolventen an Kenntnissen und Erfahrung fehlt, um gleich nach dem Abschluss ihren Beruf auszuüben. Um es zu schaffen, brauche man sowohl Entschlossenheit als auch Selbstvertrauen.

In diesem Bereich zählt das Durchhaltevermögen. Eine Karriere ist kein Hundertmetersprint sondern ein Marathonlauf. Es besteht immer die Gefahr, dass man scheitert. 

Der goldene Drache 

Zu der neuen Welle der jungen Regisseure, die sich Mühe geben, einen Platz in der ersten Reihe der rumänischen Theaterwelt zu finden, gehört auch Ioana Petre. Sie ist eine der ganz wenigen, die das Regiestudium abgeschlossen haben. Die Zukunft ist unsicher, meint die von ihrem Vorhaben begeisterte Frau, die ihren Karriereaufstieg Schritt für Schritt plant. Offen erzählt sie über ihre Inszenierung des Theaterstücks „Der goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig (Deutsches Stück des Jahres 2010). Das Schlüsselelement des Stückes: Ein kariöser, blutiger Zahn in einem Suppenteller des China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurants „Der goldene Drache“. Die fünfzehn Gestalten wurden von fünf Schauspielern gespielt. Die Botschaft, dass Menschen eben nicht immer ganz so gut und nett zueinander sind, wurde mit viel Witz und mehreren Tropfen Bitterkeit übermittelt. Die Handlung spielt auf mehreren Ebenen: Eine hungernde Grille wird für ein bisschen Nahrung von Ameisen zur Prostitution gezwungen, eine Frau verlässt ihren Mann für einen anderen, ein kleiner Chinese verblutet. Das Ergebnis ist brutal, poetisch und besonders rätselhaft. Dafür wurde Ioana Petre mit dem Sonderpreis der UNATC-Gala ausgezeichnet.

Die Absolventin arbeitet schon seit einer guten Weile bei der Bukarester Nationaloper und ist eine der Festangestellten, die rund um die Uhr beschäftigt sind. Das ist sehr wichtig, weil sie auf diese Weise Erfahrung sammelt und gleichzeitig ihren Lebensunterhalt verdient. Nur von Projekten könne man nicht leben, erklärt sie. Angefangen hat sie das Studium an der Fremdsprachenfakultät und eine Zeit lang hat sie die Kurse beider Universitäten parallel besucht. Theater wurde für sie immer wichtiger, letztendlich blieb es ihre einzige Beschäftigung. Ihre Eltern haben anfangs nicht gewusst, dass sie die Aufnahmeprüfung an der Theater- und Filmuniversität abgelegt hat. Das habe sie aber immer schon gewollt: Als Kind ging sie sehr oft ins Theater oder in die Oper. Vor Kurzem hat sie ein Tagebuch aus ihrer Kindheit wiedergefunden – darin ist eine Erzählung zu finden, wo sie die Rolle der Regisseurin bereits übernommen hatte. Ohne Durchhaltevermögen könne man es als Regisseurin nicht schaffen. Die Gründe für das Scheitern erklärt die ehemalige Studentin aus einer unterschiedlichen Perspektive: Das Problem liege an der Wahrnehmung der Studierenden, die meisten wissen eigentlich nicht, wie sie die von den Professoren übermittelten Kenntnisse anwenden könnten.

Die künstlerischen Kompetenzen reichen für einen zukünftigen Regisseur nicht aus. Wichtig sei, dass man nie aufgibt und ständig im Kontakt mit den Gleichgesinnten bleibt. Ein wesentlicher Teil des Studiums besteht aus einer anstrengenden Etappe, in der man unabhängig wird, selbstständig lernt und genau das bewusst auswählt, was einem wichtig ist. Besonders aus diesem Grund müssten die Studenten nicht geschont werden, da die darauffolgende Periode bei Weitem größere Herausforderungen mit sich bringt. Anders gehe es nicht, lächelt die Siegerin. Viele ihrer Kommilitonen haben auf das Studium verzichtet, weil sie mit den hohen Ansprüchen nicht mehr Schritt halten konnten. Talent spielt in diesem Fall eine geringe Rolle.

Ihr Rezept für eine gute Inszenierung klingt sehr einfach: hohe Qualität, talentierte Schauspieler und eine dem Publikum zugängliche Botschaft. Auf keinen Fall sollte man erwarten, dass Aufträge aus dem Nichts nach dem Abschluss erscheinen. Als Regisseurin sei es ihre Aufgabe, ein Projekt zu haben, das von einem Theater akzeptiert wird, und an Festivals teilzunehmen, um ihre Werke zu fördern. Eine ununterbrochene Entwicklung ist erforderlich. Fachmann werde man erst im Alter von 30-35 Jahren, erklärt Ioana Petre.

Wie geht es weiter?

Kurzfristig möchte Ioana mehr über das Laienthater erfahren, einfach ausprobieren. Nächstes Jahr möchte sie sich um eine Förderung von „Studio Experimental Opera“, einem Projekt der Nationaloper Bukarest, bewerben.
Ins Ausland fahren? Sie hat eine Freundin in Harvard, da, wo man alles Mögliche machen kann und es nicht vorkommt, dass das Werk nicht verstanden wird. Sie spielt mit dem Gedanken, in Deutschland weiterzustudieren. Es zählt nur, dass sie den von ihr ausgewählten Beruf ausübt. Für sie wäre es ideal, ihre eigene Theatergruppe zu haben, mit der sie arbeiten kann. Es ist sehr wichtig, dass man sich etwas intensiv wünscht und noch intensiver arbeitet. Ihre Pläne: Schon mit 30 drei Stücke im Jahr neu zu inszenieren. Einen eigenen Stil zu entwickeln, gehört auch zu ihren Zielen. Zum Schluss sagt sie: „Ich muss nicht Robert Wilson (amerikanischer Avantgarderegisseur) sein, ich kann auch Ioana Petre sein und schöne Sachen in die Tat umsetzen. Es ist nicht eine Geschichte wie im Märchen, Aschenputtel hat echt viele Fußböden gewaschen und sich den Schuh verdient“.

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