Aschenputtel oder der Sieg des Herzens über die Verstellung

Gioachino Rossinis heiteres Melodram „La Cenerentola“ in der Stuttgarter Staatsoper

Samstag, 12. Oktober 2013

Die Gestalt Aschenputtels, die auf die Märchensammlung von Charles Perrault zurückgeht und sich den deutschen Lesern aus den Märchen der Brüder Grimm und Ludwig Bechsteins eingeprägt hat, ist schon früh auch auf der Opernbühne erschienen. Die Franzosen Jean-Louis Laruette und Nicolas Isouard komponierten ihre gleichnamigen Opern „Cendrillon“ in den Jahren 1759 und 1810, der italienische Komödiendichter Carlo Goldoni verfasste ein Opernlibretto mit dem Aschenputtel-Stoff unter dem Titel „Buona figliuola“ (1760), und im Jahre 1817 wurde dann Gioachino Rossinis Meisterwerk „La Cenerentola ossia La bontà in trionfo“ (Das Aschenputtel oder der Triumph der Herzensgüte) im Teatro Valle in Rom uraufgeführt. Librettist war Jacopo Ferretti, dessen Text sich stark an das Libretto zu Isouards oben genannter Oper anlehnt.

Rossinis „La Cenerentola“ wird vom Komponisten als „melodramma giocoso“, als lustiges Melodram, bezeichnet. Das traurige Schicksal Aschenputtels, das ja durchaus tragische Dimensionen hat, wird von Rossini gemäß der Tradition der Opera buffa von Anbeginn an ins Komische und Unernste gewendet. Dies geschieht vor allem durch die Einführung einer Dienergestalt: Dandini, der in der Verkleidung seines Herrn, des Prinzen Don Ramiro, das Haus betritt, in dem Aschenputtel von ihren Stiefschwestern gedemütigt und von ihrem eigenen Vater verleugnet wird, entlarvt durch seine eigene Verstellung die aller anderen. Don Magnifico, der gar nicht so großartig ist, wie sein Name unterstellt (sein Titel „Baron von Montefiascone“ lässt das Fiasko seiner heuchlerischen Existenz bereits ahnen!), wird vom verkleideten Diener Dandini genauso bloßgestellt wie Aschenputtels Stiefschwestern Clorinda und Tisbe, die sich als egoistische und nur auf ihren eigenen Vorteil bedachte Kreaturen erweisen.

Noch eine weitere Gestalt dieser Oper sorgt dafür, dass das Ernste und Tragische des Aschenputtel-Stoffes nicht allzu sehr hervortritt: Alidoro, der Philosoph und Prinzenerzieher, hält von Vornherein die Fäden des Schicksals in seiner Hand und garantiert wie ein Deus ex machina durch seine pädagogischen Interventionen, dass das Scherzhafte und Komödiantische der Handlung nicht in ihr bitter ernstes Gegenteil umkippt.

Andrea Moses, die Regisseurin der Stuttgarter Inszenierung von „La Cenerentola“, hat, ähnlich wie in ihrer derzeit ebenfalls in Stuttgart gespielten Version von Mozarts „Don Giovanni“, auch in Rossinis Belcanto-Oper den Geist der Opera buffa-Tradition gegenüber den Opera seria-Elementen stark in den Vordergrund gerückt. Wie ihre Mozart-Inszenierung, so sprüht auch Andrea Moses’ Rossini-Inszenierung vor lustigen Regieeinfällen, die permanent den Kontakt zum Publikum herstellen, das mitunter sogar mit Torte gefüttert wird. Eine Brücke über den Orchestergraben verbindet symbolisch Bühne mit Zuschauerraum und nicht selten verirren sich die Sänger ins Reich ihrer Zuhörer.

Besonders gelungen ist der Einfall, den zwölfköpfigen Männerchor als Aufsichtsrat auftreten zu lassen, der das Komödiengeschehen gleichsam als Kontrollgremium überwacht und befördert. Jeder einzelne der Herren des Staatsopernchores (inklusive den beiden genialen ‚Transvestiten’) individualisiert sich in seiner je eigenen Rolle, sei es durch permanente Handy-Telefonate, sei es durch ständiges Pochen auf die Taschenuhr oder durch andere charakteristische Gesten und Eigenheiten. Bei Sex-Orgien auf dem riesigen Konferenztisch, bei Alkohol-Orgien im Weinkeller, immer ist der zwölfstimmige Männerchor schauspielerisch ebenso präsent wie gesanglich überzeugend.

Unter den sieben Gesangssolisten in „La Cenerentola“ ragte besonders Diana Haller in der Titelrolle hervor. Nicht von ungefähr wurde die junge kroatische Mezzosopranistin von den Opernkritikern der Fachzeitschrift „Opernwelt“ für ihre Interpretation der Titelpartie in Rossinis „La Cenerentola“ vor Kurzem mit dem Prädikat „Nachwuchssängerin des Jahres 2013“ ausgezeichnet. Als Anerkennung für diese ehrenvolle Auszeichnung wurde die stimmgewaltige und zugleich sensible Sängerin im Anschluss an die Rossini-Vorstellung vom 2. Oktober vom Stuttgarter Opernintendanten Jossi Wieler unter großem Beifall mit einem Blumenstrauß gewürdigt.

Der in Bukarest und Kronstadt/Braşov ausgebildete rumänische Tenor Bogdan Mihai glänzte als Don Ramiro durch großes Raffinement in seinen Belcanto-Arien sowie in den lebhaften Duetten mit dem Bariton André Morsch, der Don Ramiros Diener Dandini verkörperte. Der italienische Bass Enzo Capuano schwelgte in der Rolle des Don Magnifico, indem er seinem italienischen Temperament in Mimik und Gestik freien Lauf ließ und komödiantisch wie sängerisch überzeugte. Ebenso begeisterten die schottische Sopranistin Catriona Smith als Aschenputtels Stiefschwester Clorinda sowie die beiden Gesangssolisten, die nicht, wie die zuvor genannten, zur Premierenbesetzung vom 30. Juni dieses Jahres zählten: die kroatische Mezzosopranistin Kora Pavelic als Aschenputtels andere Stiefschwester Tisbe sowie der in Israel geborene Bariton Motti Kastón in der Rolle des Alidoro.

Die in ständiger Verwandlung befindliche Bühne (Susanne Gschwender) symbolisierte das Verwandlungs-, Verstellungs- und Verwechslungsgeschehen der Opernhandlung und die Kostüme (Werner Pick) unterstrichen den vergeblichen Versuch Don Magnificos und seiner Töchter, ihr gesellschaftliches und moralisches Sein durch schönen und falschen Schein zu überdecken. Am glücklichen Ende triumphierte aber dann doch die Wahrheit über die Verstellung, die Güte über die Bosheit, und zwar in der Gestalt Aschenputtels, die immer sie selbst war und beständig dieselbe blieb, sei es in Jeans, Pullover und Turnschuhen als Putzfrau der Familie, sei es in Tanzschuhen und im Ballkleid als schöne Unbekannte oder als künftige Gattin des Märchenprinzen.

Nicht zuletzt triumphierte in der Stuttgarter Inszenierung von „La Cenerentola“ die Musik selbst: in der von Richard Wagner einmal so bezeichneten „absoluten Melodie“ Rossinis, in dem von Arthur Schopenhauer beschworenen Charakter der Rossinischen Musik, „die da spricht ohne Worte“, in den herrlichen Stimmen der Stuttgarter Solisten wie des Stuttgarter Chores und zugleich in der bewundernswerten Leistung des Staatsorchesters Stuttgart unter der Leitung des aus Venezuela gebürtigen spanischen Dirigenten José Luis Gomez.

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