Attraktion für Fans und Touristen

Am vergangenen Wochenende fand das 21. Mittelalter-Festival in Schäßburg statt

Dienstag, 30. Juli 2013

Mit einem Zug über die Burg begann jeder der drei Festivaltage.

Ein Kürbis als Wasserflasche, Geschirr aus Ton, Abwaschen im Zuber – Crux Alba zeigen Haushalt im Mittelalter.

Auch junge Damen wollten das Schwertkämpfen erlernen.

Viel Rauch und heftiges Ballern verursachte das alte Holzgewehr.
Fotos: Hannelore Baier

Schäßburg - Ritter und Burgfräulein, Fahnenschwinger und Dudelsackspieler bevölkern erst seit 21 Jahren die Gässchen und Plätze der Burg in Schäßburg/Sighişoara. In ihrer mehrere Jahrhunderte währenden Existenz dürften die Mauern und Türme weit weniger Schwertkämpfe und Tarantella-Tänze erlebt haben als in den letzten Jahren.

Selbst die Klänge aus dem elisabethanischen Zeitalter oder Feuerspektakel kennen die zu großen Teilen in Pensionen und Gaststätten verwandelten ehemaligen Bürgerhäuser erst seit Kurzem. Das 1993 erstmals veranstaltete „Mittelalterfestival“ ist aus Schäßburg jedoch kaum mehr wegzudenken. Hatte es zunächst insbesondere junge Leute aus allen Landesteilen angelockt (als es die mehrtägigen Rock-Pop-Festivals hierzulande noch nicht gab), wird es nun als Attraktion für Touristen vermarktet. Und fand zwischenzeitlich Nachahmer in mehreren anderen Ortschaften mit altem Gemäuer.

Was auch heuer Unmengen an Touristen und Teilnehmer zwischen die Burgmauern gelockt haben mag ist die tatsächlich  besondere Atmosphäre, die da während der Festival-Tage herrscht. Die wenigen verbliebenen Dauerbewohner der Burg flüchten zwar vor dem Rummel, den von weither Angereisten aber macht das Gedränge und Geschubse vor den Bühnen und Ständen nichts aus. Jeder möchte möglichst viel sehen und erleben – und das Angebot war auch am vergangenen Wochenende reichhaltig. Weniger Zuschauer erfreuten sich die zum Teil sehr guten Darbietungen von Musikergruppen, ein Publikumsmagnet jedoch waren die Vorführungen von Kämpfen und szenischen Darbietungen von Legenden.

Florin Kevorkian von der Theater- und Filmakademie Bukarest war mit einigen Studierenden angereist und gemeinsam wurden am Burgplatz nicht bloß Schaukämpfe gezeigt, sondern Interessierte  auch in den „Ritterkampf“ eingeführt. Köstlich waren die Gefechte von Mitgliedern der beiden Gast-Ritterorden aus Ungarn und Bulgarien – Crux Alba und Chigot – anzusehen: Sie traten gegenei-nander an, um sich danach freundschaftlich zu umarmen. Vorgeführt haben sie aber auch die Vorläufer der heutigen Gewehre – die mit Schießpulver gestopft, Knall und viel Rauch verbreiteten – und stellten das Leben ohne Fließwasser und Gasherd vor. Ihr Gehabe und Auftreten wirkte authentisch „mittelalterlich“, bei den rumänischen Ritterorden war vieles theatralisch und pathetisch und sah nach Sergiu-Nicolaescu-Filmen aus. Nichtsdestotrotz müssen der Enthusiasmus und die Selbstdisziplin bewundert werden, mit der diese Ritter und Burgverteidiger (străjeri) bei brütender Hitze in Fell und schwarzes Leder gekleidet zum Kampf antraten oder ihre Lagerplätze verteidigten. 

Im Mittelpunkt des diesjährigen Festivals stand „Vlad, der Ritter der Gerechtigkeit“. Eigentlich verwunderlich, dass der ansonsten auf der Schäßburger Burg vermarktete Vlad Dracul erst heuer dran kam. Der künstlerische Direktor des Events, Regisseur und Schauspieler Liviu Pancu, sagte, man verfügte über die Mittel nicht, um eine historische Rekonstruktion oder Darstellung zu bieten. Es wurden jedoch szenische Darbietungen der teilnehmenden Ritterorden und Ensembles zu einer Art Theaterstück zusammengefügt, das dank zweier Riesenbildschirme auch jene verfolgen konnten, die nicht rechtzeitig Stellung am Burgplatz bezogen hatten. Der Verband „Noua Acropolă România“ bot nicht bloß Theater sondern auch einen Vortrag über den Dragonerorden. Ja, Vlad wurde als Ritter des Dragonerordens und nicht als Dracula dargestellt!

Draculas Fratze grinste von zahlreichen Nippes und Souvenirs, kaufen konnte man aber auch nette Sachen. Ihre Ware boten an ungezählten Ständen Handwerkskünstler aus der Maramuresch, dem Szeklerland oder der Republik Moldau an, neben hübschem Schmuck gab es Bilder und Karten aus getrockneten Blumen, allerlei Artikel aus Holz oder Korbflechtereien, und nicht gefehlt haben die „Antiquitäten“ aber auch Erzeugnisse der Kesselzigeuner aus Pretai/Bratei. Seit einigen Jahren ist man bemüht, auf der Burg Qualität und Authentizität zu wahren – verboten ist der Alkoholausschank oder das mici-Braten zum Beispiel – am Kleinen Markt aber gibt es das Alternativ-Programm: Es wird gebrutzelt und Bier getrunken, es werden Zuckerwatte und gekochter Kukuruz, Geschirr und Klamotten verkauft, in der Achterbahn geschrien. Ähnliches Jahrmarktreiben hat es im Mittelalter vermutlich auch gegeben.

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