Auch frenetisches Anfeuern brachte nichts

Rund um einen Abstieg im Damentennis notiert

Dienstag, 26. April 2016

Die Stars der beiden Teams: Simona Halep und Angelique Kerber
Foto: Siegfried Thiel

Emil Boc, amtierender Bürgermeister von Klausenburg, wollte wohl unbedingt wissen, wie es denn sei, beim Tennis Muskelkater zu bekommen. Fast jeder gewonnene Ball der rumänischen Tennis-Damen im Fed Cup by BNP Baribas ließ das Stadtoberhaupt aufspringen und Beifall klatschen. Am ersten Tag der Begegnung hatte er, zumindest im Spiel von Simona Halep gegen Andrea Petkovic, allen Grund aufzuspringen, denn die sechste der Weltrangliste WTA holte sich in zwei Stunden und fünfzig Minuten einen verdienten 6:4, 6:7 und 6:4-Sieg gegen WTA-Platz 30. Halep verletzte sich jedoch bei einem Sturz und so sollte es der einzige Sieg in den insgesamt fünf Partien der Relegation zwischen den beiden Vertretungen um den Verbleib in der höchsten Spielklasse der Damen unter den Tennis-Auswahlen bleiben. Ihre Verletzung und ihre Müdigkeit im Spiel gegen Petkovic wollte Halep nicht als Entschuldigung für die niederschmetternde 2:6, 2:6-Niederlage gegen Angelique Kerber einen Tag später hinstellen. „Kerber war heute einfach die Bessere“, sagte Halep nach der Partie. Selbst die letztendlich unbedeutend gewordene Partie im Doppel ging an die deutschen Annika Beck / Julia Görges, die Irina Begu / Alexandra Dulgheru bezwangen. Mit dem 1:4 steigt Rumänien in die Zweitklassigkeit im Damen-Tennis ab.

„Jede zweite Fahrt geht heute zur Mehrzweckhalle“, sagt der Taxifahrer, der trotz weiträumiger Polizeiabsperrung problemlos bis vor das Haupttor gelangt. „Rufen Sie mich am Abend an, ich bringe Sie wieder in ihre Pension“; damit drückt er mir seine Visitenkarte in die Hand. Die Kontrolle am Presseeingang beschränkt sich auf die Akkreditierung und auf die Spürnase vom Polizeihund am Tor, der sich weniger für die Kamerataschen, aber umso mehr für die Einkaufstüte der Klausenburger Pressekollegin interessiert: Da sind ja auch Sandwiches drin. Die Ordnungshüter ermahnen zwar, dass es regelwidrig sei, wenn Journalisten mit Plastikflaschen in den Saal gehen, so genau nehmen sie es mit der Regel jedoch nicht. Sie rechnen mit der Fairness auf den Rängen, eine Tugend, die sich später auf dem Sandplatz der erst vor wenigen Monaten eingeweihten Klausenburger Mehrzweckhalle erweisen sollte. „Solche Bauten müssen verstärkt und landesweit von den Kommunalverwaltungen ausgehen“, sagt Vizepremier Vasile Dâncu am Rande des Sportereignisses.

„Dieser Platz ist mir lieber, als jener in Stuttgart, weil er nicht so schnell ist“, so die rumänische Team-Leaderin Simona Halep, von August 2014 bis Januar 2016 ununterbrochen auf Platz zwei der Weltrangliste. Eine richtiges Szenario hatten sich die Veranstalter für die Ziehung einfallen lassen und das Foto-shooting zeigte eine gut aufgelegte Simona Halep, eine nach Erschöpfungserscheinungen in Charleston vor wenigen Tagen erneut erholt aussehende Angelique Kerber und einen Bürgermeister Emil Boc, der im Kontext deutscher Gäste auch von den deutschen Konzernen wie Bosch oder Siemens in seiner Stadt sprach. Fairness war ganz besonders bei Angelique Kerber angesagt. Der Weltranglisten-Dritten fiel es nach zwei Siegen und dem Klassenerhalt im Elitetennis ihrer Mannschaft auch nicht besonders schwer, dem deutschen Fernsehen gegenüber ihre Begeisterung für die ausverkaufte 7500 Plätze fassende Halle und deren Fans in Klausenburg auszusprechen. Doch lange vorher, als es noch mit Irina Begu hin- und herging, verblüffte sie selbst die Schiedsrichterin, der sie mitteilte, dass ein Ball zu ihrem Nachteil aufgeschlagen war. Einen schön gekonterten Ball ihrer Widersacherin Simona Halep begleitete dieselbe Kerber einen Tag später mit anerkennendem Applaus.

Eine hierzulande so viele Zuschauer fassende Halle ist dem rumänischen Zuschauer ebenfalls über weite Strecken unbekannt, und erst mit der neuen Tennisgeneration um Halep, Monica Niculescu, Irina Begu oder Alexandra Dulgheru ist wieder so etwas wie Begeisterung für den Tennissport aufgekommen. Zeiten mit Ilie N²stase und Ion }iriac oder Virginia Ruzici sind nur noch den älteren Semestern bekannt. Sicher war es ein anderes Publikum als beim Fußball, aber mit Trompeten und Anfeuern hielten sich die Klausenburger bestimmt nicht zurück. „Es ist schon geil, eine solche Atmosphäre“, gab im Nachhinein Andrea Petkovic zu. Trotzdem klagte sie über einen überdurchschnittlichen Lärmpegel. „Hoffentlich verstehen mich die rumänischen Zuschauer nicht“, sagte sie dazu in dem auf Deutsch gehaltenen Teil der Pressekonferenz. Selbst Simona Halep ließ halblaut erkennen: „Ich habe manchmal vor den Aufschlägen demonstrativ den Ball auf den Boden vor mir aufschlagen lassen, bis sich Ruhe eingestellt hat“.

Nach dem 1:1 am ersten Tag und der 2:1-Führung Deutschlands nach dem klaren Sieg einer überragenden Kerber gegen eine angeschlagene und leicht übermüdete Halep, lag die gesamte Verantwortung und Hoffnung auf Monica Niculescu, die im Einzel gegen Petkovic die zunächst nominierte Begu ersetzte. Nach dem ersten Satz galt sie wohl bei vielen als Liebling der Nation. 6:0 gewann die Rumänin – keine Spur, dass Platz 31 der Weltrangliste (Niculescu) gegen Platz 30 spielt. „Ich bin schwer ins Spiel hineingekommen“, lächelte später die im bosnischen Tuzla geborene Deutsche in die Kameras, hatte sie doch das uneinholbare 3:1 für ihre Mannschaft herausgespielt. Im zweiten Satz – zwar ausgeglichen, doch noch immer zum Vorteil von Niculescu verlaufend – nutzte die Rumänin zwei Matchbälle nicht und verlor. Monica Niculescu sollte sich wenige Minuten später auf der Pressekonferenz an ein Spiel in Peking erinnern, als die gleiche Gegnerin gleich drei Matchbälle abwehrte und dann, genau wie diesmal in Klausenburg, das Spiel gewann. „So ist sie eben“, sagt Niculescu mit Anerkennung.

Nach der Niederlage im Februar gegen Tschechien und der jetzigen gegen Deutschland scheint Klausenburg nicht unbedingt ein glückbringender Austragungsort für Rumäniens Damen-Tennis zu sein, auch wenn die Gegner wie Tschechien und Deutschland zu den Spitzenteams Europas gehören. Und für eine Revanche hat es ebenfalls nicht gereicht. Mitte der 1970er Jahre hatte die damalige BRD Rumänien mit 3:0 besiegt. Die Statistik hat sich nun auch noch verschlechtert – rein statistisch gesehen um sage und schreibe 100 Prozent.

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