Auch Mehrheitsbevölkerung an Deutsch interessiert

AMG-Lyzeum wird Reservoir für den Arbeitsmarkt

Mittwoch, 06. November 2013

Eine neunte Klasse stand plötzlich auf der Kippe. Auf Kreisebene waren alle verfügbaren Lehrerstellen vergeben. Gleiche Situation an zwei anderen theoretischen Lyzeen. „Man wollte die technischen Lyzeen retten“, vermutet Maria Borlea. Auf die nachträgliche Genehmigung schaltete das Schulamt sofort die Online-Einschreibe-Applikation frei. „Das war meinerseits ein Pluspunkt für die Schulbehörde“, sagt Borlea. Foto: Siegfried Thiel

Kurz nach 14 Uhr: Verlassen liegt der Schulhof, den sich Adam-Müller-Guttenbrunn-Lyeum und Forstlyzeum im Zentrum des Arader Stadtviertels Neuarad teilen. Nur vor einem frisch renovierten Gebäude am Ende des Hofes tummeln sich Kinder, die für den Kindergarten zu groß und für die Schule noch zu klein sind. Noch haben sie Pause, doch gleich geht es für sie in den Nachmittagsunterricht. After School heißt die Zeit, die sie mit ihrer Lehrerin Gertrude Codrean verbringen, Hausaufgaben erledigen und vor allem den Deutschunterricht nachhaltig fördern. Gertrude Codrean ist nämlich eine von drei Lehrerinnen, die an einer Vorschulklasse im einzigen deutschen Lyzeum des westrumänischen Verwaltungskreises Arad unterrichtet. Für die Grundschullehrerin ist es weder ein Rückschritt, von der Grundschule jetzt in der Null-Klasse zu lehren, noch schwierig, etwas zwischen Kindergarten und Schule hinkriegen zu müssen. „Es ist einfach eine Herausforderung“. Keine Herausforderung ist es jedoch für die Kleinen, vor einem Fremden, mit Kamera und Notizblock ausgestattet, Deutschunterricht zu machen. Die deutsche Sprache fördern ist ganz wichtig, „weil nicht alle Kinder im deutschen Kindergarten waren“ und die Eltern nur in seltenen Fällen des Deutschen mächtig sind, sagt die Erzieherin. Ich habe längst den Gebäudetrakt verlassen, als die im Chor aufgesagten Vokabeln über Körperteile nachhallen. Nicht überall sind über 30 Schüler in einer Klasse, hatte zuvor die Lehrerin gesagt. „Aus Raummangel ist die Schüleranzahl unterschiedlich“.

Jedes Jahr Spezialmission für den Parlamentarier

Das Wort „Herausforderung“ fällt im Direktorenzimmer der Schule auf der Posada–Straße zwar nicht, dass es eine solche trotzdem war, ist aus den Aussagen der beiden Schulleiter Maria Borlea und Eduard Krämer auf jeden Fall herauszuhören. Mehr Schüler als erwartet hatten sich eingeschrieben: sowohl für die Vorschulklasse, aber auch für den ersten Jahrgang des Lyzeums. Längst waren alle Stellenpläne von der Schulbehörde abgesegnet, und die beiden Klassen standen auf der Kippe. Während Maria Borlea um ihre Klassen vor Ort kämpfte, bemühte sich in gleicher Richtung der Abgeordnete des DFDR, Ovidiu Gan], der sogar auf hoher Regierungsebene für die Klassen plädierte. Letztendlich wurden all diese Bemühungen belohnt. „Offensichtlich begreifen manchmal die Beamten und Würdenträger nicht, welche die Tendenz der gesellschaftlichen Entwicklung ist“, sagte der Abgeordnete Gan] auf Nachfrage der BZ. Er habe den Eindruck gehabt, dass weder Schulbehörde noch Bildungsministerium verstanden haben, dass der rumänische Arbeitsmarkt dringend deutschsprachige Arbeitskräfte braucht, so der Parlamentarier. Gut findet er, „dass die Eltern der Schüler eben diese Notwendigkeit erkannt haben“. Und zu den Beamten: „Es ist die Pflicht einer Behörde, den Wünschen der Bürger entgegen zu kommen, und nicht umgekehrt.“

Nachfrage für Deutsch gestiegen

Drei deutsche Klassen im Vorschulalter fungieren jetzt, nach der vielseitigen Intervention, in der 9. gibt es insgesamt fünf Parallelklassen: zwei Klassen mit Deutsch als Muttersprache, eine Bilinguale, eine mit intensiv Deutsch und eine mit intensiv Englisch und zweiter Fremdsprache Deutsch. In ihrer nahezu 280 Jahre alten Geschichte hat die Neuarader deutsche Schule, neben den deutschen, auch immer Klassen in anderen Sprachen geführt. Kein Novum also, die Klassen mit rumänischer Unterrichtssprache, doch das Erlernen der deutschen Sprache - in unterschiedlicher Stundenanzahl – ist in der gesamten Bandbreite angesagt. „Viele unserer Schüler sind im mittleren Management der deutschsprachigen Firmen in den Arader Industriegebieten wiederzufinden“, sagt Michael Szellner, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen im Kreis Arad und langjähriger Direktor der Bildungseinrichtung.

„Aus gewissen Gründen haben sich in diesem Jahr viele Schüler für uns entschieden“. Diskret lässt Maria Borlea unausgesprochen, warum sich Eltern von Schülern aus gleich mehreren Stadtvierteln für das AMG-Lzeum bereits im Vorschulalter entschlossen haben. Von der Zuständigkeit auf Stadtviertel her hätten sich bloß Schüler aus den Stadtteilen Neuarad, Alfa und Kleinsanktnikolaus für das „AMG“ melden dürfen. Zwei, maximal drei Klassen an der deutschen Abteilung reichen, sagt Direktorin Borlea. „Es ist schwer, Räumlichkeiten und Lehrkräfte für alle zu finden“. Ihr Stellvertreter, Eduard Krämer, pflichtet der Schulleiterin bei und glaubt, es mache wenig Sinn, andere Schulen ohne Schüler zu lassen. Pendler – wie früher – aus den Ortschaften des Kreises, gibt es heute im AMG-Lzeum so gut wie gar keine mehr.

Sprachfertigkeit im Vorschulalter geübt

Obwohl auch heute noch viele daran zweifeln, ob es Sinn macht, mit den Vorschulklassen die Schulen vor schwierige Aufgaben stellen, vor allem, was die Räumlichkeiten betrifft, ist Maria Borlea von der Sinnhaftigkeit einer solchen Lösung  überzeugt. „Es ist – zum Unterschied zum Kindergarten - ein Jahr des Anpassens an schulische Verhältnisse, an Regeln, an mehrere Tätigkeiten im Tagesablauf. Bei uns kommt noch dazu, dass die deutsche Sprache gefestigt bzw. erlernt wird.“ Deutsch als Muttersprache, aber auch Bilingual- bzw. Fremdsprache wird am AMG-Lyzeum gefördert und gefordert. Deshalb sind Feste und Feiern am deutschen Lyzeum in Neuarad nichts Neues – ganz gleich, ob dies das Kirchweihfest ist, bei dem die Schule einen zentralen Punkt darstellt, sowohl was die Teilnehmerschaft, als auch den Veranstaltungsort betrifft. Reisen nach Tschechien, in die Slowakei, nach Polen und Deutschland stehen für die Schüler an, die innerhalb des Comenius-Projektes das Thema „Leben in der mittelalterlichen Gesellschaft“ angehen. Die Entwicklung von der Festung zur Stadt, der mittelalterliche Kalender, die Kochkunst im Mittelalter oder mittelalterliche Märkte werden veranschaulicht und aufgearbeitet. Ökologische Erziehung im Naturschutzgebiet an der Marosch-Au, Frühlingsfeste, in der Art eines „Tages der offenen Tür“, Sportveranstaltungen oder die Beteiligung an Leonardo- und Comenius-Programmen sind am Arader Lyzeum immer mit Sprache und Bildung verbunden.

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