Auf dem Hausboot zu Hause

Sergiu Sidei lebt seit fünf Jahren auf einem Schiff in London

Sonntag, 05. November 2017

Sergiu Sidei kommt ursprünglich aus Lugosch, er ist jedoch seit zehn Jahren in London zu Hause. Fünf davon hat er auf einem Hausboot verbracht.

Schwimmende Häuser sind in London etwas Selbstverständliches. Nicht nur junge Leute, sondern auch Familien leben darin.

Schwäne auf der Themse: Die eleganten Wasservögel gehören der britischen Monarchin und werden seit über 600 Jahren jedes Jahr in der dritten Juli-Woche gezählt.

Ein merkwürdiges Flattern, dann das Geräusch einer Wasserlandung. Streckt man den Kopf durch die Tür, dann sieht man ihn schon, den Gast, den niemand eingeladen hat: groß, elegant, langsam gleitend über die sanften Wellen der Themse – ein Schwan, der neugierig zu uns herüberblickt. Es dauert nicht lange, und schon versammeln sich mehrere seiner Art. Zwei weitere Schwäne nähern sich mutig dem Schiff, das am Rande des Flusses verankert ist. Die Freunde des Schiffsbesitzers füttern die eleganten Wasservögel, die seit über 500 Jahren Eigentum der britischen Monarchin sind und unter Artenschutz stehen. Wir sind in London und verbringen ein Wochenende auf dem Schiff. Dort, wo Sozialarbeiter Sergiu Sidei (35) schon seit fünf Jahren lebt.

Vor zehn Jahren hat der aus Lugosch stammende junge Mann beschlossen, Rumänien zu verlassen. Es war eine mehr oder weniger spontane Entscheidung, als der Priestersohn damals seine sieben Sachen packte und auf eigene Faust die Welt erkunden ging – um sich selbst zu beweisen, dass er es auch allein schaffen kann. In London fing er als Arbeiter im Bauwesen an. Heute ist der Absolvent von Psychologie und Sozialarbeit an der Uni in Temeswar als Sozialarbeiter beim Westminster City Council tätig.

„Es war schon immer mein Wunsch gewesen, mein eigenes Haus zu bauen. In London ist es aber sehr schwierig, die sogenannte ´planning permission´ zu bekommen, die dir ermöglicht, ein Haus zu bauen oder den Zweck eines Grundstücks zu ändern. Somit fand ich die beste Alternative: ein Hausboot“, erklärt Sergiu Sidei. Bei dem Hausboot handelt es sich um ein kleines Schiff, das sowohl zum Wohnen, als auch als Transportmittel genutzt werden kann. „Ich bin eine freie Seele und denke gern alternativ. Ich habe eine kleine Recherche unternommen und herausgefunden, wie offen und gastfreundlich die Leute sind, die auf solchen Hausbooten leben. Das hat mir sofort gefallen“, erzählt der Banater. Heute besitzt er mehrere Boote auf der Themse in London.

Ein schwimmendes Haus aus Holland

Sein erstes Hausboot brachte er auf abenteuerlichen Wegen aus Holland nach London. Zusammen mit Freunden sanierte er das Kleinschiff und machte daraus eine Zwei-Zimmer-Wohnung, in der heute seine Ex-Frau lebt. Gleich nebenan befindet sich auch sein Hausboot – praktisch teilen sie sich die Schiffe, denn sie sind weiterhin gute Freunde geblieben. Drei Jahre lang hat er am ersten Hausboot gearbeitet – die Mühe lässt sich heute sehen. Das Hausboot ist mit einem Wohnzimmer mit Sofa und Kamin, einem kleineren Schlafzimmer, einer voll ausgestatteten Küche und einem Badezimmer mit Toilette und Jacuzzi versehen. Der elektrische Strom wird über Solaranlagen gesichert, ein Stromgenerator springt ein, wenn gerade eine Party ansteht und die Musik die ganze Nacht über erklingen muss. Im Winter sorgt die Zentralheizung, die mit Kohle und Strom funktioniert, für die notwendige Wärme. „Der größte Vorteil ist, dass ich mich einer unvorstellbaren Freiheit erfreuen kann. Das Hausboot befindet sich in einem kleinen Wäldchen, trotzdem sind alle Läden über einen zehnminütigen Fußweg erreichbar. Wenn ich will, kann ich wann immer mitten in London leben“, schwärmt er. Das Leben auf dem Hausboot bringt einem dem Leben auf dem Lande näher, weiß Sergiu Sidei. Seine Eltern waren zuerst mit seiner Entscheidung, auf einem Schiff leben zu wollen, gar nicht einverstanden. Da sie aber offen sind und ihn stets unterstützt haben, konnte er sie schnell überzeugen, dass sich das Leben auf dem Schiff wirklich lohnt. Sowohl finanziell, als auch, was den Komfort betrifft. Kein Wunder also, wenn nun die Mama auf Facebook mahnt, er solle die Boote gefälligst gut verankern und am liebsten ans andere Ufer bringen, wo keine Bäume sind, um sie und sich selbst vor dem Sturm „Ophelia“ in Sicherheit zu bringen.

Die Musik hat begonnen, die ersten Gäste tanzen an. Sergiu Sidei hat heute Geburtstag und sogar drei seiner Banater Freunde sind übers Wochenende bei ihm einquartiert, denn immerhin bietet eine Low-Cost-Airline Flüge zwischen Temeswar und London und zurück für 265 Lei/zwei Personen – ein echter Sonderpreis. Menschen von überall her haben sich heute an Deck versammelt: Tschechen, Slowaken, Engländer, Rumänen – sie alle feiern zusammen in einem ungezwungenen, lockeren Rahmen, wie man ihn meist von den Multi-Kulti-Städten Europas kennt. Sergiu Sidei singt gern. Als ehemaliger Lead-Sänger der Banater Rockgruppe Opus ist er in seiner Heimatstadt Lugosch immer noch bekannt. Ist das Bier alle? Kein Problem! Sergiu springt mit drei Freunden in ein kleines Motorboot und fährt ins naheliegende Kaufhaus „Tesco“, um Proviant zu holen. An Deck wird gegrillt – es gibt dünnes Rindersteak, nur jeweils eine Minute auf jeder Seite gebraten, damit es ja nicht zu trocken wird, dazu frischer Rucola-Salat. Lecker!

Eine unvorstellbare Freiheit

„Ich genieße eine unvorstellbare Freiheit. Es ist, wie wenn man ständig im Urlaub wäre“, begeistert sich Sergiu Sidei. Am Morgen nach der Party wird aufgeräumt. Ohne Stress, so langsam wie es der Kater nur erlaubt. Ein Eichhörnchen schaut neugierig dem Treiben an Deck zu und schimpft wahrscheinlich zwischen den Zähnen, denn die Feiernden haben ganz bestimmt seinen Schönheitsschlaf gestört. Zwei Meisen picken die Brotkrümel vom Boden auf, während auf der Themse das Kanu-Training begonnen hat. Dutzende Kajaks fahren an diesem Samstagmorgen auf dem Fluss, der London mit der Nordsee verbindet, darin sitzen Teams oder einzelne Sportler, für die das Kajakfahren einfach zum Leben gehört.  Ein gewohnter Anblick für die Bewohner der Hausboote, und auch die Interaktion mit den Waldtieren ist etwas Selbstverständliches.

Das Leben in einem schwimmenden Haus mitten in der Natur ist ein Traum. Ein Traum, den sich ein Lugoscher erfüllt hat. Sergiu Sidei liebt sein Leben auf dem Hausboot in London, trotzdem könnte er sich genauso gut vorstellen, in absehbarer Zeit nach Rumänien zurückzukehren. Vor allem der Brexit lässt ihn an seiner Zukunft auf der Insel zweifeln. „Ich habe hier sehr viele Dinge gelernt. Hier bin ich erwachsen geworden. Ich habe gelernt, Ruhe zu bewahren und die Menschen zu verstehen. Ich glaube, dass ich inzwischen genügend Kenntnisse gesammelt habe, um diese zu Hause, in Rumänien, umsetzen zu können“, philosophiert er. Vielleicht ist die Rückkehr gar nicht mehr so weit. Vielleicht wird irgendwann mal ein Hausboot auf der Temesch oder der Bega fahren, oder aber, es zieht ihn wieder woanders hin, weit weg von Rumänien. Auf Überraschungen kann man sich im Falle von Sergiu Sidei definitiv gefasst machen.

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