Auf den Spuren des Malers Nicolae Grigorescu

Besuch im Museum in Câmpina

Samstag, 06. Januar 2018

Staffelei und Tischchen mit Malutensilien im Atelier des Künstlers in Câmpina

Das Selbstbildnis von Grigorescu in der Mitte, links daneben das Porträt von Maria Dancu

Der „orientalische Winkel“, mit Souvenirs aus Istanbul

Im Vorgarten des Hauses in Câmpina die Statue von Grigorescu
Fotos: Michael Marks

Praktisch jeder in Rumänien hat ein Werk des Malers Nicolae Grigorescu schon in Händen gehalten, denn den 10-Lei-Schein ziert nicht nur sein Konterfei, sondern auch ein Ausschnitt aus seinem Bild „Rodica“ und das Abbild eines typisch oltenischen Hauses. Kaum ein anderer Maler symbolisiert so den Aufbruch Rumäniens in die Moderne und gleichzeitig die tiefe Beziehung zum Landleben wie Grigorescu.

Spannend also, sich mit einer Kunstreisegruppe auf die Spuren des Malers zu begeben, dessen Porträts, Bilder ländlicher Szenen, aber auch der Schlachten des Ersten Weltkrieges in teils realistischem, teils impressionistischem Stil, in fast keiner größeren Sammlung Rumäniens fehlen.

Um es gleich zu sagen: Von Nicolae Grigorescu wird man in Bukarest kein Erinnerungshaus finden, auch wenn er hier in seiner Jugend in ärmlichsten Verhältnissen gelebt hat und später z. B. in der Strada Batiştei Nr.20 ein Atelier betrieb. Ersatzweise wird auf die heute grausig als Spielcasino verunstaltete Villa Vernescu verwiesen, die der sagenhaft reiche Bojar Filip Lenş einst als Morgengabe für seine Braut errichten ließ. Denn eben auf dem Gelände des Landgutes von Lenş bei dem Dörfchen Pitari unweit des Potlogi-Palastes im Kreis Dâmboviţa kam Nicolae Grigorescu als sechstes Kind des Hausverwalters Ion Grigorescu am 15. Mai 1838 zur Welt. Der heute verschwundene Bojarensitz soll eine kostbare Sammlung europäischen Interieurs, Gobelins, Möbel, vor allem aber Kopien von Bildern berühmter Künstler wie Dürer oder Rubens besessen haben, die auf das Kind bereits großen Eindruck machten. Dies erklärt aber kaum das erstaunliche Ausnahmetalent des Jungen, der ohne eine nennenswerte schulische Ausbildung bereits mit 10 Jahren in die Lehre des in Bukarest wirkenden tschechischen Malers Anton Chladek kam.

Chladek hatte sich einen Namen durch Ikonenmalerei gemacht, aber auch Porträts und Miniaturen gehörten zu seinem Repertoire. Bekannt sind einige recht unbeholfene Porträts u. a. von Damen der höheren Gesellschaft in Biedermeier-Kostümen. Zugute kam ihm, dass in Rumänien die orthodoxe Kirche sich für künstlerische Einflüsse aus dem Westen empfänglich zeigte, auch wenn der strikte Formen-Kanon der Ostkirche beibehalten wurde.

Zwei Jahre blieb Grigorescu nur, denn der Vater war bereits seit sieben Jahren verstorben, die Familie zwangsweise nach Bukarest übergesiedelt, und die Mutter konnte sich und die Kinder kaum durch Näharbeiten finanziell über Wasser halten. Da war es für Grigorescu einer seiner schönsten Erfolge, dass er durch den Verkauf von selbstgemalten Ikonenbildern auf dem Obor-Markt seine Familie unterstützen konnte. Bereits fünf Jahre später hatte er sich als Meister Nicu einen Namen als Kirchenmaler gemacht, erhielt Aufträge, Ikonen für das Kloster Căldăruşani zu malen und später für die künstlerische Ausgestaltung des Klosters Agapia zu sorgen.

Dort gewann er die Aufmerksamkeit von Mihail Kogălniceanu, der ihm endlich ein langersehntes Stipendium nach Paris ermöglichte.

Zu den günstigeren Fügungen seines Lebens gehörte, dass Grigorescu nicht bei seiner akademischen Ausbildung in der Staatlichen Hochschule der Schönen Künste Paris steckenblieb, sondern sich den Künstlern von Barbizon, einem kleinen Dorf in der Nähe des Waldes von Fontainebleau, anschloss. Künstlern, von denen einige wegweisend für den Impressionismus wurden, die aber vor allem hinaus in die Natur gingen und das Malen „en plein air“ zur richtungsweisenden Methode erklärten. Damit wandten sie sich von der historisch-heroischen und antikisierenden Salon-Kunst ab und dem „wahren Leben“, den bäuerlichen oft ärmlichen Szenen, der Landschaft und der Natur zu, die sie teils naturalistisch, teils impressionistisch wiederzugeben wussten.

Grigorescu hat viele Genres bedient, Landschaftsmalerei, klassische Porträts, reizende Akte von jungen Mädchen, Stillleben, aber am liebsten malt er bukolische Szenen aus dem rumänischen Landleben, die einfachen Erdhütten der Walachei, Hirtenmädchen und -jungen und immer wieder: vom Felde heimkehrende Bauern samt ihren Ochsenkarren – dieses unendlich langsame, aber im unwegsamen Gelände so verlässliche typisch rumänische Fortbewegungsmittel.

Die nächsten Jahrzehnte pendelt Grigorescu zwischen Rumänien und Frankreich. Ganz abgesehen von seinen Reisen nach Griechenland, der Türkei oder auch nach Italien, die er dann unternimmt, wenn es seine finanziellen Mittel erlauben. Sein Erfolg kam nicht über Nacht. Auf Ausstellungen in Frankreich fanden seine Zigeunerporträts Anklang, Napoleon der III. kaufte ihm ein Stillleben mit Blumen ab. In seiner Heimat gewann er erst 1870 mit einem in realistischer Manier gemalten Porträt des Generals Constantin Năsturel-Herescu eine Goldmedaille. Von höchst offizieller Seite wurde er 1877 nach Rumänien zurückgerufen, um in dem Unabhängigkeitskrieg gegen das osmanische Reich als „Frontmaler“ zu dienen. Eine Ehre, der er mit großem Enthusiasmus nachkommt.

Zahllose Skizzen des Frontgeschehens und großformatige Schlachtengemälde entstehen, der „Angriff von Smârdan“ beispielsweise oder der „Spion“. Allerdings fiel die entsprechende Anerkennung für diesen patriotischen Einsatz seitens der Behörden so enttäuschend aus, dass Grigorescu 1881 einen radikalen Entschluss fasste. Er veräußerte seinen gesamten rumänischen Besitz zum Teil zu Schleuderpreisen und zog sich nach Frankreich in das bretonische Städtchen Vitré zurück. Dennoch war er auf vielen bedeutenden Ausstellungen sowohl in Paris als auch im Athenäum in Bukarest mit Naturskizzen, Porträts und Landschaftsgemälden vertreten, und allmählich wuchsen sein Ruhm und seine Anerkennung, sodass er schließlich ab 1890 zunächst nach Bukarest zurückkehrt.

Da ist jedoch seine Gesundheit bereits angeschlagen und, schlimmer, sein Augenlicht schwindet, und er sucht die Hilfe von Doktoren, wie seinem Freund, dem berühmten Arzt Constantin I. Istrati, der sich in Câmpina niedergelassen hat. Bereits 1890 unterhält er im damals noch ländlichen und sonnenverwöhnten Câmpina ein Atelier, aber es soll noch bis 1904 dauern, bis er endlich mit dem Bau seines Hauses samt seiner kleinen Familie, seiner Lebensgefährtin und Hausfrau Maria Dancu (auch Danciu) und ihrem gemeinsamen Sohn Gheorghe hier sesshaft wird. Hierher pilgerten nun die Freunde und Bewunderer seiner Kunst, darunter die Schriftsteller Alexandru Vlahuţă, Ion Luca Caragiale und Barbu Ştefănescu Delavrancea.

Keine Villa eines Malerfürsten erwartet den Besucher am Carol I-Boulevard in Câmpina, eher ein bescheidenes Landhäuschen im rumänischen Stil. Der heutige Museumsbau ist eine Rekonstruktion, denn das ursprüngliche Gebäude diente der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg als Hauptquartier und wurde ein Opfer der Flammen. Dennoch konnten große Teile des Mobiliars und der Ausstattung gerettet werden, das heutige Museum wurde bereits ab 1954 nach ursprünglichen Plänen und Fotografien wieder errichtet und zuletzt 2004 umgestaltet.

Aber nicht die französischen Gobelins aus dem 18. Jahrhundert, deren Besitz ihm viel bedeutete, oder die orientalischen Mitbringsel von seiner Reise 1873 nach Istanbul, die Wasserpfeifen, Kostüme, Gebetsteppiche oder hölzernen Schuhe, mit denen er eine kleine, hübsche orientalische Ecke unterhalb der Treppe zum Obergeschoss im Vestibül eingerichtet hat, sind die Attraktion des Hauses. Bemerkenswert ist vielmehr die Sammlung von Gemälden aus allen Epochen seines Schaffens, die sowohl aus der hauseigenen Sammlung als auch aus anderen Museen des Landes hier zusammengetragen wurden: „Selbstbildnis“, „Sonnenuntergang bei Barbizon“, „Mädchen mit Spinnrocken“, „Junger Soldat“, „Hirten mit Herde“ und immer wieder „care cu boi“, „Ochsenkarren“ – auch wenn sie längst nicht mehr so dicht die Wände bedecken, wie zu Lebzeiten von Grigorescu, wie einige alte Schwarz-Weiß-Fotografien dokumentieren. Grigorescu war bekannt dafür, dass er sich schwer von seinen Werken trennen konnte und deshalb bisweilen absichtlich überhöhte Preise verlangte.

Am Treppenaufgang zum ersten Stock gleich neben der orientalischen Ecke hängt ein Stillleben, das genau dieses Arrangement zeigt. Allerdings, während in der einen Hälfte des Gemäldes ganz akribisch realistisch jedes kleinste Detail wiedergegeben wird, geht die Malerei auf der anderen Seite in eine impressionistische Malweise über. Ein pädagogisches Gemälde, das dem unbedarften Betrachter bildlich vor Augen führen will, worauf es dem Maler ankommt: Nicht der fotorealistische Abklatsch, sondern das „wahre Bild“, die Essenz dessen, was hinter den Dingen steht.

Seine letzte Schaffensperiode, bevor er 1907 in Câmpina stirbt, ist getrübt durch zunehmenden Sehverlust. Das Tischchen mit Malutensilien, das gleich neben der Staffelei in dem schlichten holzgetäfelten Atelier des Hauses steht, zeigt neben verschiedenen Utensilien, auch eine ganze Reihe von Sehhilfen, Brillen und Gläser unterschiedlicher Stärke. Seine Farbpalette wird immer lichter, die „Weiße Phase“ wird diese Zeit später genannt, auch weil die Bilder ein weißer Schleier zu bedecken scheint, die Formen mehr und mehr verschwimmen. Für manchen ist dies kein Ausdruck eines Handicaps, sondern impressionistischer Vollendung. Genauso unterschiedlich wird die Reduktion auf ganz wenige Sujets beurteilt, die Landschaft und die einfache Bevölkerung rings um Câmpina.

Dass ihm sein persönliches Umfeld eher schlicht gefiel, zeigen auch die persönlichen Räume im ersten Stock: einige wenige, wenn auch gediegene Möbel, meist französischer Provenienz, das einfache eiserne Bettgestell, weitere Souvenirs und, in einem Seitengelass, die Kopien klassischer Gemälde religiösen Inhalts. Aber auch hier Skizzen, Vorstudien – auch der berühmten Rodica – und kleine miniaturhafte Tierporträts, Rinder natürlich, aber auch Vögel oder Hunde. Sein liebstes Modell in diesen Jahren ist „Ghiocel“, das „Schneeglöckchen“, ein sanfter weißer Ochse, den Grigorescu bereits als Kalb gekauft hat und zu dem er eine beinahe persönliche Beziehung aufbaut. Er, zusammen mit drei weiteren Ochsen, wird ganz volkstümlich seinen Sarg zu Grabe tragen. Ganz zuletzt gibt es beinahe noch einen Skandal, denn erst im letzten Augenblick entschließt sich Grigorescu, seine Begleiterin von 18 Jahren, die aus ungeklärten Verhältnissen stammende, aber immer loyale Dancu zu heiraten, damit sie und der Sohn nach seinem Tod finanziell versorgt sind. Mehrere der hier zu bewundernden Porträts aus unterschiedlichen Altersstufen zeigen eine schlichte, traditionell gekleidete Frau, mit ruhigen friedfertigen Gesichtszügen. Ihr und dem Sohn, einem Keramikkünstler, dessen Vasen hier und da in der Ausstellung zu finden sind, verdankt das Museum die Dokumente, Gemälde und zahlreichen Informationen zum Wiederaufbau, ohne die die Spuren des Künstlers sich eher verwischt hätten.
 

Informationen zum Museum auf der Website: http://grigorescu.artmuseum.ro/. Lesenwert auch die 2017 u. a. auf Englisch erschienene und hier erhältliche Biografie „Grigorescu“ von Iulia Iliescu.

Kommentare zu diesem Artikel

ger, 07.01 2018, 11:19
...und das abgebildete Haus auf der 10 Lei - Banknote ist im Museum der traditionellen Volkskultur ASTRA - Freilichtmuseum 3 km südlich von Sibiu (Hermannstadt) - bekannt unter dem Namen
"Casa din Vládesti /Válcea"

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