Auf den Spuren einer mittelalterlichen Stadt

Vorläufige Ergebnisse archäologischer Untersuchungen in Karansebesch

Freitag, 14. September 2018

Das Karansebescher Museum für Ethnografie und Geschichte des Grenzregiments hat kürzlich den ersten Teil seiner archäologischen Sommergrabungen beendet. Untersucht wurden erstmals systematisch die Spuren der mittelalterlichen ungarischen Stadt, auf welcher das heutige Karansebesch steht. Partner der seit Jahren aktiven Archäologen des Museums war der Bukarester Archäologe Ion Silviu Oța, Abteilungsleiter im Nationalmuseum für die Geschichte Rumäniens in Bukarest. In einer ersten Bekanntmachung meinten beide Seiten auf einer Pressekonferenz, dass die Ergebnisse ihrer Grabungen als „zumindest überraschend” eingestuft werden können.

Die beiden Museen arbeiten seit 2017 aufgrund eines Protokolls zusammen. In diesem Jahr dauerten die ersten archäologischen Grabungen drei Wochen. Dazu Ion Silviu Oța: „Wir konnten für dieses Jahr einen Haushalt von 70.000 Lei für die Grabungen einplanen. Die brachte das Nationalmuseum für Geschichte ein. Damit wollen wir zwei Grabungskampagnen finanzieren, deren erste jetzt abgeschlossen wurde. Die nächste ist für Oktober geplant. Wir forschen auf einem Privatgrundstück, einem Hausgarten in der Potoc-Straße. Unter diesem Hausgarten liegt ein Stück der frühmittelalterlichen Festung Karansebesch. Darüber gibt es Karten, die von den habsburgischen Militäringenieuren im 18. Jahrhundert ausgearbeitet wurden und die den Verlauf der Ruinen des mittelalterlichen Karansebesch deutlich angeben. Wir konnten Teile von Straßen identifizieren, aber auch Werkstätten der Handwerker, eine Schmiede aus dem 16. Jahrhundert. Ein Teil der Artefakte liegen bereits den Labors des Nationalmuseums zur Untersuchung vor, ein weiterer Teil wurde ans Institut für Atomphysik in Măgurele geschickt. Es geht erst mal um die genauere Datierung und um die Feststellung der physikalisch-chemischen Eigenschaften, die auf die Herkunft der Rohstoffe schließen lassen, mit denen gearbeitet wurde.“

Der Bukarester Archäologe mit Banater Wurzeln meinte, auf den ersten Blick könnten die Artefakte auf die Endjahre des mittelalterlichen ungarischen Königreichs datiert werden. Vielleicht aber seien sie auch „jünger”, aus den ersten Jahren der habsburgischen Inbesitznahme von Karansebesch. Auf alle Fälle werden die Funde restauriert und später im Rahmen einer Ausstellung gezeigt. Anvisiert ist eine Ausstellung, die sowohl in Bukarest als auch in Karansebesch zu sehen sein soll.

„Wir haben zahlreiche Kleidungsteile entdeckt und viele Münzen, die in Polen oder Siebenbürgen geprägt wurden,“ fuhr Oța fort, „außerdem Zaumzeug, Esszeug (Messer, gläserne Becher, für Mitteleuropa typische Keramikfragmente des 15. bis 17. Jahrhunderts, aber auch Überreste des Holzes von Wohnungen – Türen, Fensterrahmen. Identifiziert wurden wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert stammende Spuren einer Zerstörung (viel Asche, Kohlen, Verbranntes, Geschmolzenes). Ich hoffe nun, in Bukarest schnell die Restaurierungen einleiten zu können, worauf wir uns wohl viel besser darüber Rechenschaft geben werden, aus welcher Zeit genau die Objekte stammen und welches die Chronologie der bisher identifizierten Siedlerebenen des mittelalterlichen Karansebesch ist. Fest steht bisher, dass wir Nachweise gefunden haben, dass die Stadt seit dem 13. Jahrhundert existiert, was man bislang nur aus Dokumenten wusste, dass sie mit König Ladislaus/László IV. Cumanum im Zusammenhang steht, dass im 14. Jahrhundert, zu Zeiten des Karl I. Robert von Anjou (genauer: 1325), erstmals ein Burgherr/Festungskommandant von Karansebesch ernannt wurde.“

„Einer der Gründe, warum wir jetzt das mittelalterliche Karansebesch genauer unter die Lupe nehmen, ist, dass Karansebesch und Lugosch die beiden mittelalterlichen Festungen des historischen Ungarischen Reichs sind (teilweise auch Lippa), wo ein konzentriertes Vorhandensein geadelter Walachen bekannt ist (die vorher zum Katholizismus übergegangen waren – Anm. wk)“, präzisierte der Leiter des Karansebescher Museums, Dr. Adrian Ardeț. „In einer Gesamtsicht übers mittelalterliche Ungarische Reich sind Karansebesch und Lugosch die einzigen Festungen, wo es walachische Adlige in größerer Zahl gab.“

Letztere Schlussfolgerung hat übrigens bereits vor einigen Jahren der in diesem Frühjahr verstorbene Dr. Dumitru }eicu in seinen Publikationen über das Banat im Mittelalter der interessierten Fachwelt bekannt gegeben. Bei Dr. Șeicu können auch Namenslisten und Lebensfragmente dieser rumänischen Adelsgeschlechter nachgelesen werden, die dieser aufgrund mittelalterlicher Dokumente über Besitzstreitigkeiten und Erbschaften, Gerichtsprozesse, Fehden und Racheakte rekonstruiert hat. Zu den bedeutendsten Banater rumänischen Adelsgeschlechtern des Mittelalters, die Dr. Șeicu identifizierte, gehören die im Raum Berzovia-Lugosch agierenden Himffy und die im Karansebescher Raum über mehrere Generationen erwähnten Macskás (nach denen der heutige Măcicaș-Bach benannt ist, der bei dem Karansebesch benachbarten Păltiniș/Valea Boului vorbeifließt und bei Constantin Daicoviciu/Căvăran in die Temesch mündet).

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