Auf der Donau ins „wilde“ Banat (10)

Die frühe Ansiedlungszeit der Banater Schwaben im Spiegel der Literatur/ Romane von Karl Wilhelm von Martini, Adam Müller-Guttenbrunn und Gerda von Kries

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Die Geschichten und ihre Verästelungen, das Ende des Marko und Mißfinkos wie auch der schönen Ellena, die Intrigen des griechischen Händlers Makeros in Temeswar u.a. machen dem Erzähler zu schaffen, so dass er gestehen muss, „den Faden dieser Erzählung verloren“ zu haben.(S. 162)“ Jedoch vollkommen eingedenk der hohen Verpflichtungen“ dem Leser gegenüber, nämlich „die Geschicke Martin Initrams bis zu einem natürlichen Schlußpunkt zu führen“ (ebd.)  macht er sich auf mühevolle Suche und findet den Faden wieder: „... aber arg zerzaust und verfilzt, und – was uns in keine geringe Verlegenheit versetzt -  u m   s i e b e n   J a h r e    ä l t e r.“(Martini)

So werden wir noch in aller Kürze Zeugen großer Veränderungen im Leben unseres Haupthelden und im Banat selbst:

„Was ändert sich nicht alles in sieben Jahren? - Menschen – Städte – Länder -.

Städte können sich bis zur Unkenntlichkeit erweitern und verschönern, und beträten wir wieder einmal das banatische ´Klein-Wien´, wir bekämen manch´ neues Prunkgebäude zu schauen (…)

Über  j e d e s   Fleckchen des Erdstückes, welches wir Banat nennen,´sind sieben Jahre hingestrichen, also auch über das ´Castell Mißfinkos´. Hier haben sieben Jahre das Gegebene nicht erweitert, nicht verschönert, sondern von Grund aus zerstört (…), um völlig neuem Raum zu gönnen."(Martini)

 

Dem verschiedenen Pandurenführer und ungarischen „Land-Adeligen“ Mißfinkos folgte als neuer Gutsbesitzer - wen wundert es - der  Hauptmann de Hauanne, der frühere Kommandant des Castells Mehadia, dessen Tochter Bertha inzwischen die Ehefrau des aufstrebenden Martin Initram ist. Der gestrenge Hauptmann stimmte dieser Eheschließung erst zu, als er erfuhr, dass Martin wider Erwarten ein Familienwappen, nämlich einen Ochsenkopf, in die Ehe mitbringen werde. Dies durfte nun neben jenem der de Hauannes, nämlich neben einer goldenen Gans, als neues Familienwappen auf dem neuen „Castell“ prangen, in das der Storch öfter einkehrte.

Zum guten Ende reist Martin mit  Frau und Kinderschar nach Regensburg und versöhnt sich mit seinem Elternhaus. So ist unser Erzähler seinem humorvoll-ironischen Grundton bis hin zum Schlussakkord treu geblieben.

Einen Ansiedlungsroman im engeren Sinne hat Karl Wilhelm von Martini nicht geschrieben, aber den ersten Banat-Roman, mit dem er  literarische Bilder der „wilden und wüsten Vergangenheit“ jenes Landstrichs aus der Zeit v o r  den großen Einwanderungen erstmals in einem Prosawerk von besonderem Rang bewahrt hat. Eingebettet in diesen historisch-geographischen Rahmen erscheint der Reifeprozess eines jungen, unerfahrenen Menschen.  Die Assoziationen zur Geschichtsliteratur – Griselini, dann römische Geschichte z.B. -  und Hinweise auf  literaturhistorisch  bedeutende deutsche Dichter aus der Lebenszeit seines Haupthelden  -  auf Albrecht Haller (1708-1777) und  Friedrich von Hagedorn (1708-1754) – deuten auf die historische und literarische Bildung des Verfassers hin.

Karl Wilhelm von Martini war Zeitgenosse der Spätromantiker, und vermutlich kannte er Joseph von Eichendorffs (1788-1857) berühmtes Prosawerk „Aus dem Leben eines Taugenichts“ (1826). Dass sein Roman „Pflanzer und Soldat“ im selben Jahr wie der Genre-bildende Entwicklungsroman „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller (1819-1890)  erschienen ist, kann natürlich nur purer Zufall sein.

Doch beide Werke sind – trotz der grundverschiedenen Romaninhalte und ganz eigener erzählerischer Gestaltung - geprägt vom gleichen Zeitgeist.  

 

  1. 4.     Adam Müller-Guttenbrunn (1852-1923): „Der große Schwabenzug“ (1913)

 

      4.1. Kurzbiographie des Autors

 

Adam Müller-Guttenbrunn  gilt vor allem dank seiner populären Heimatromane und seines kämpferischen publizistischen und kulturpolitischen Einsatzes gegen die Magyarisierung vor dem Ersten Weltkrieg als der eigentliche „Volksschriftsteller“der Banater Schwaben. Dieser Status wurde ihm bereits zu seinen Lebzeiten von Ferdinand Ernst Gruber, seinem ersten Biographen und ausführlicheren Interpreten,  in der Studie „Adam Müller-Guttenbrunn - der Erzschwab“ (1921) attestiert. Gruber kannte neben der Wiener  auch die banatschwäbische Welt unseres Schriftstellers, die dörfliche Mentalität, die auf die Kindheit und Jugendzeit des Adam Müller einen dunklen Schatten werfen sollte. Darauf weist er gleich am Anfang seiner monographischen Studie hin:

 

Am 22. Oktober 1852 wurde einem feierlich versprochenen jungen Menschenpaar im fernen Banat, dem Großbauernsohn Adam Luckhaup und der bildschönen Eva, Tochter des ehrsamen und wohlbestallten Wagnermeisters Jakob Müller, ein Sohn geboren, der bei der Taufe den Namen Adam erhielt. Die Eheschließung war nach einem leidenschaftlichen Kampf durch elterliche Härte zuletzt verhindert worden. (Weresch)

 

Mit anderen Worten: Der alte Luckhaup zwang seinen Sohn „eine bäuerliche Braut, die ihm Haus und Hof mitbrachte“,  heimzuführen. Diesen heftigen Streit in der Familie seines Vaters hat der Schriftsteller im autobiographischen Roman „Meister Jakob und seine Kinder“ (Leipzig 1918) eindrucksvoll beschrieben und dabei dem banatschwäbischen Dorf des 19. J. den Spiegel vorgehalten.

Er besuchte die Volksschule in seinem Geburtsort Guttenbrunn, danach die Normalschule

und die erste Klasse des Piaristengymnasiums in Temeswar, war sodann Lehrling bei seinem Onkel Johann Gutier, der  in Guttenbrunn als Barbier und Feldscher tätig war. Dieser brachte ihn 1870 zur weiteren  Ausbildung nach Wien. Doch der junge Adam Müller sollte sich  anderen Bereichen  zuwenden: Er besuchte die Wiener Handelsschule (1871-1873) und einen Telegrafenkurs. Schon in der Zeit seines darauf folgenden Telegrafendienstes (1873-1879) in Linz und in Bad Ischl betätigte sich Adam Müller-Guttenbrunn literarisch. In Wien, wo er noch einige Jahre Telegrafendienst (1879-1885) leistete, entwickelte er sich nach feuilletonistischen  Anfängen zu einer herausragenden, vielseitigen intellektuellen Persönlichkeit der Habsburger Metropole. Aufsehen erregte er u.a. mit seiner militanten Kritik am Wiener Theatergeschehen: „Wien war eine Theaterstadt“ (1884).

Adam Müller-Guttenbrunn wirkte als Publizist und politischer Schriftsteller, Dramatiker und Theaterkritiker, als Theatergründer und Theaterdirektor in der habsburgischen Kaiserstadt.

Als Romanschriftsteller wurde er auch über Österreichs Grenzen hinaus bekannt. Seine Bücher erschienen in österreichischen und deutschen Verlagen, in Wien, Leipzig, Berlin, Stuttgart u.a.

Der banatschwäbischen Siedlungsgeschichte wandte er sich in seinem literarischen Werk allerdings erst nach seiner Reise ins Banat 1907 zu. Der zunehmende Magyarisierungsdruck, der von der Nationalitätenpolitik der  Budapester Regierungen ausging, rief Anfang des 20. Jh. eine Gegenbewegung hervor, die Adam Müller-Guttenbrunn energisch und wesentlich mitgeprägt hat, als streitbarer Publizist und als Romanschriftsteller.

Fortsetzung folgt

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