Auf der Donau ins „wilde“ Banat (14)

Die frühe Ansiedlungszeit der Banater Schwaben im Spiegel der Literatur/ Romane von Karl Wilhelm von Martini, Adam Müller-Guttenbrunn und Gerda von Kries

Mittwoch, 23. Januar 2019

Die Arader Gemeinde Guttenbrunn/Zăbrani heute: Der Banater Gouverneuer, Graf Mercy, besuchte auf seiner historischer Rundreise durch das Banat auch der Geburtsort von Adam Müller-Guttenbrunn. Foto: Zoltan Pázmány

Unter dem tatkräftigen und weitblickenden Gouverneur Graf Mercy war ein durchdachtes, aber nicht risikofreies  Aufbauwerk unmittelbar nach dem Abzug der Türken aus Temeswar  in Gang gesetzt worden: die Urbarmachung ausgedehnter, sumpfiger und unbewohnter oder dünn besiedelter Gebiete mit Blick auf eine ertragreiche Landwirtschaft und parallel dazu der Umbau Temeswars von einem „türkischen Nest“ zu einer blühenden, modernen deutschen bzw. österreichischen Stadt, mit leistungsfähigem Gewerbe und starker Industrie. (Die letztgenannten Aspekte sind bis heute im Geschichtsbewusstsein der Banater Schwaben  unzureichend verankert.)  Dazwischen schiebt der Erzähler Rückblenden auf die noch zeitnahen Türkenschlachten ein, etwa auf die Eroberung Temeswars und die bewundernswerte Gesamtleistung des allseits verehrten Strategen Prinz Eugen von Savoyen. Nicht zuletzt wird die katastrophale Hinterlassenschaft der Türkenzeit im Banat, insbesondere das traurige Bild Temeswars selbst und der Umgebung beschrieben.

Dieser thematische Schwerpunkt wird  im Roman mit dem Zustrom der Ansiedler, mit deren Herkunftsräumen und Erlebnissen bei der Donauschiff-Fahrt früh verknüpft. So im dritten Kapitel „In der Wiener Hofkanzlei“, in dem der für das Banat zuständige Hofkammerrat Joseph von Stephany bereits auftritt, während kurz darauf im Kapitel „Mercys Heimkehr“ der Gouverneur erzählerisches Gewicht gewinnt.

Gleichzeitig verwirklicht der von Anfang an ins Romangeschehen einbezogene Jakob Pleß, gemeinsam mit seiner Ehefrau, der glücklich angekommenen Therese, den Traum vom eigenen Gasthof. Für  den Gasthof, „das stattliche Haus des Ehepaars Pleß“, wird ein passender Name gesucht. Mit Witz und Humor werden gängige Gasthof-Namen auf ihre Eignung für das im Herzen der Stadt neu errichtete Haus geprüft und allesamt verworfen: „Zum Konstabler“, „Zur schönen Wirtin“, „Roter Hahn“, „Brauner Hirsch“. Den „Römischen Kaiser“ gebe es schon, und „Rote Ochsen“ sowie „Goldene Löwen“ und „Schwarze Bären“ hätte man sowieso zur Genüge. Man einigt sich schließlich auf den allseits gepriesenen Namen „Zu den sieben Kurfürsten“, der die Bindung an die deutschen Lande aufzeige. Dieses Signal des Aufbau- und Entfaltungswillens passt genau in die Vision des Grafen Mercy, dessen äußeres Bild und Persönlichkeit vom Erzähler in kräftigen Farben, mit den vorzüglichsten Attributen ausgestattet wird:

 

Der Kaiser hatte ihn abberufen aus dem Banat, wo er ein großes Kulturwerk begonnen, denn er bedurfte seiner auf dem spanisch-italienischen Kriegsschauplatz, aber er schickte ihn jetzt wieder zu denen, die ihn trotz seiner Strenge und seiner scheinbaren Härte wie einen Vater verehrten und liebten...

Der General war eine gar stattliche Erscheinung, sein ganzes Wesen hatte echt soldatischen Schnitt. Er überragte seinen Neffen um Kopfeslänge, und sein Gesicht gehörte zu denen, die man nicht vergaß. Zwei große braune Augen flammten unter einer mächtigen Stirn, ihr Blick war durchdringend, und man hatte das Gefühl, dass ihm nichts verborgen bleiben konnte. Eine starke Nase, ein kräftiges, energisches Kinn und ein voller Mund vervollständigten dieses männliche Bild … Und auch die Stimme des Generals entsprach diesem Gesamtbild, sie hatte den Klang einer Trompete, und ihr Ton war gefürchtet. (AMG) (S. 63f.)

 

Seine Vision von einem Kulturland Banat formuliert Mercy im Gespräch mit seinem Neffen und späteren Adoptivsohn Anton von Mercy, den er zu seinem Nachfolger heran bilden will. Diese Zukunftspläne passen zum zuvor gezeichneten Persönlichkeitsbild des Gouverneurs:

 

Wie dankbar müsste dieses Stück Erde jenem sein, der es in ein Kulturland verwandelt! So sagte ich mir, als wir aus unserer neuen Festung Arad und aus Lippa die Geschütze über die Heide herüberschleppten, um Temeschwar zu bezwingen...

So wie jenseits der Donau, in der Baranya und in Tolnau im kleinen, so möchte ich hier im großen arbeiten. Ein Trajan möchte ich diesem verkommenen Lande werden, wenn wir es erobert haben. Alle Kulturen des Westens und des Südens möchte ich hier begründen dürfen. Die Armee des Friedensstandes müsste die Vorarbeit leisten, und hunderttausend Ackerbauer sollten das Werk vollenden. (AMG) (S. 78)

 

Große Aufgaben galt es dafür zu bewältigen, darunter der Ausbau der Militärgrenze und der Bau des Bega-Kanals zur Entsumpfung weiter Gebiete für die Landwirtschaft.  Diese Vorhaben verknüpft der Erzähler mit der fortschreitenden Ansiedlung, die allerdings gefährdet ist durch die Umtriebe von Räuberbanden, Zwangsansiedlungen auf Gütern des ungarischen Landadels, Verschleppungen. Mercy ist sich dessen bewusst, dass ein blühendes Gemeinwesen sich nur bei einer sicheren Rechtsordnung entfalten kann.

Ein eindrucksvolles Gesamtbild des Ansiedlungswerks unter Graf Mercy, das schon deutliche Konturen angenommen hatte, schildert der Erzähler im Kapitel „Die Rundreise“. Inkognito reist der Gouverneur quer durchs Banat – Lugosch und Peterwardein, Lippa und Werschetz stehen auf seinem Reiseplan.

Fortsetzung folgt

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