Auf der Donau ins „wilde“ Banat (6)

Die frühe Ansiedlungszeit der Banater Schwaben im Spiegel der Literatur/ Romane von Karl Wilhelm von Martini, Adam Müller-Guttenbrunn und Gerda von Kries

Donnerstag, 01. November 2018

Nicht weniger erschüttert ist das Regensburger Patriziersöhnchen vom Anblick des „Castells“ - der Erzähler selbst setzt das Wort ab und zu in Anführungszeichen! - und ebenso vom Aussehen und derben Verhalten des ungezügelten „Edelmanns“:

Es war mehr Hütte, denn ärmliches deutsches Wohnhaus, stand noch ohne bergendes Gehöfte frei und luftig auf der freien Heide und war statt mit fischreichen Gartenteichen mit Tümpeln umgeben, deren ockergelbe Flut sich in jenen Gruben gesammelt, woraus der Lehm für den stolzen Castellbau gewonnen und zu Ziegeln verstrichen worden. Ställe, Remisen, Scheunen fehlten noch gänzlich; dafür lagen aber noch Latten und Stangen, einige Stücke Rohrflechtwerk und ungebrannte Ziegel vor der Thüre des Edelsitzes... Ein halbnackter chokoladefarbiger Mann lungerte hier auf einer Bank und schnarchte dem Eintretenden ein deutsches „Was gibt’s?“ entgegen. Infrem antwortete statt unseres Freundes einige serbische Worte, worauf es hieß: „Nur da hinein!“ - (…)

Auf Martin´s Pochen antwortete kein „Herein“, sondern ein so heftiges Aufreißen der Thür, daß er durch die Klinke, welche er fest umklammert gehalten, vorwärts gezogen, seiner ganzen Länge nach ins Zimmer des Edelmanns purzelte … Und als er keine Miene machte, seine horizontale Lage zu verlassen, hieß es wieder mit einer Stentorstimme: „Nun, ´s ist Zeit, auf die Beine, Herr! Thut nicht so, als wenn Ihr verrecken wolltet“ (…)

Beschämt und verwirrt folgte Martin dem derben Zuspruche und konnte so endlich dem Edelmann ins Gesicht blicken. Selbiger war ein hagerer, starkknochiger Fünfziger, in dessen olivenfarbiges und durch eine aufwärts gestülpte Stumpfnase verunziertes Antlitz, Strapazen und Leidenschaften tiefe Rinnsale gegraben. Das derbe Kinn war glatt geschoren, das Haupthaar gegen die tyrannische Mode des Zeitalters gekürzt, und auf der Oberlippe saß ein verwilderter Schnauz, dessen Zotteln auf das isabellenfarbige Hemd niederbaumelten; denn im Hemde stand der Hausherr vor dem erstaunten Martin, und zwar  n u r  im Hemde.“ (Martini)

 

Martin Initram fügt sich nolens volens in seine missliche Lage, bei Mißfinkos Lászlo – so wird der Edelmann genannt –  auszuharren. Er erfährt, dass dieser frühere Pandur (!) seine Kaisertreue glaubhaft machen konnte, dann auf den Rat gerissener Hintermänner katholisch wurde, um schließlich von den Hofleuten Maria Theresias mit einem Gut belohnt zu werden und in den Stand des ungarischen Landadels aufzusteigen. Mit dem „Schenkbrief“ habe er auch 2000 Gulden erhalten, musste sie aber „dem überlassen, der (ihm) zur Schenkung verholfen hatte“, so dass er mit seinen 5600 Joch Land  nicht viel anfangen konnte. Martin und Mißfinkos raufen sich aber zusammen, „da Martin gleich allen Initrams reich begabt war mit Phantasie, des Schwunges nicht entbehrte“. (68 f.) Er kann den  misstrauischen  Misßfinkos allmählich für den Plan erwärmen, das Anwesen von Grund auf zu erneuern und das ausgedehnte Land urbar zu machen. Hilfreich war ihm dabei der gute Ruf der Deutschen, die „an Donau und Theiß (…) in hoher Achtung standen, nicht nur bei Subjecten wie der entlassene Pandurenführer, sondern bei der Mehrzahl der Bewohner Pannoniens ...“(Martini)

Der Erzähler nennt seinen Haupthelden nun doch einen „Panegyrikus“ (Lobredner, Anm. W.E.), der sich für die „reinen und unschuldsvollen Freuden des Landlebens“ begeistert, was weder zum saumseligen Land-Adeligen, „noch zum „Banat jener Tage  recht passen mochte“. (Martini). Und da streut der Erzähler den Hinweis auf die „Panegyriker Haller und Hagedorn“ ein, die beiden bedeutenden Idyllen-Dichter der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert. Sie waren übrigens Zeitgenossen des Martin Initram  um 1750. Und so fügt Karl Wilhelm von Martini, als Kenner der herausragenden deutschen Dichter des 18. und 19. Jahrhunderts, seinen Banat-Roman ein in die geistigen Strömungen jener Zeit. 

Um die nötigen Vorbereitungen für den Umbau des „Castells“ zu treffen, machen sich Martin und der nun  herausgeputzte Herr Mißfinkos, der „ nicht nur mit einem fettglänzenden, mit Lammfellen und Schnüren verbrämten Lederkoller, sondern auch mit Reithosen und Stiefeln angethan ist“, (Martini) auf die Reise in die Hauptstadt des Banats, nach Temeswar also. Der Ritt dahin durch eine  unbewohnte, unwirtliche Steppe war für Martin Initram mühselig und eintönig. Erst die Nähe der Stadt, verkündet vom diesmal unternehmungslustigen Mißfinkos, lässt ihn aufatmen:

„Das Grüne links von der Straße ist der Jagdwald“, bemerkte nach längerem Schweigen der Expandur, „und in einer kleinen Stunde sind wir in der Stadt“.

Martins Auge erfreute sich an den Baumschlägen des ´Jagdwaldes´, und sein Ohr an der Nachricht, daß das Ziel so nahe. Er war von der mehrtägigen Reise durch die Ödnis erschöpft und demnach nicht unempfindlich für den nahen Genuss städtischen Behagens (…)(Martini)

 

Fortsetzung folgt

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