Auf der Suche nach dem großen Meister: zu Hause bei Constantin Brâncuşi

Eine Rundreise durch den Norden des Kreises Gorj gilt eher als Geheimtipp

Sonntag, 15. Oktober 2017

1876 wurde Constantin Brâncuşi in einem Holzhaus in Hobiţa geboren.

Das Kloster Polovragi am Eingang zu den Schluchten des Olteţ, im Vorland der Südkarpaten

Vollkommenes Meisterwerk: das Tor des Kusses in Târgu Jiu
Fotos: der Verfasser

„Früher kamen immer viele Schulklassen, auch Familien mit Kindern und manchmal auch Seniorengruppen und ein paar wenige Ausländer, doch in diesem Jahr kann ich mir nicht vorstellen, warum die Leute nicht mehr kommen. Sie bleiben vor der Pforte stehen, schauen sich das winzig kleine, hölzerne Haus an, knipsen schnell ein Selfie vor dem Zaun und hauen ab“, sagt die dunkelhaarige, spindeldürre Frau, auf die 50 zugehend, und beginnt sofort zu erzählen...

„Das Haus, in dem wir uns befinden, ist nicht das Geburtshaus von Constantin Brâncuşi, es ist aber ein identisches, gebaut nach demselben Muster, dem Staat von den Angehörigen der Familie Brâncuşi geschenkt, nachdem das Originalhaus des Meisters abgebrannt ist. Die Inneneinrichtung ist dieselbe, die wenigen Haushaltsgegenstände, die es zu sehen gibt, sind ebenfalls von Verwandten gespendet worden, als der Staat hier, in Hobiţa, Gemeinde Peştişani, dieses Museum einrichten ließ“, setzt die Dame fort. Seit ihrem Hochschulabschluss ist sie Angestellte des Kreismuseums Gorj, Museumswärterin in Hobiţa. Sie spricht schnell, sehr schnell, wie es die Oltenier gerne tun.

Das ganze Leben des größten rumänischen Bildhauers lässt sie Revue passieren: den frühen Tod des Vaters, eines Holzschnitzers, der als eher wohlhabend galt, sich ein Häuschen mit drei Zimmerchen bauen konnte und über etwas Ackerland verfügte, dann die Flucht des Halbwüchsigen nach Târgu Jiu und Craiova, wo er sich als Kellner verdingte, die Laufbahn als Bildhauer, die internationale Anerkennung, sein Geiz - er wollte für die Ausbildung einer Nichte nicht bezahlen, wollte sie nicht in Paris haben, riet ihr, besser zu heiraten, eine Familie zu gründen.

Zwischen Hobiţa und Târgu Jiu

Ein paar Kilometer südlich der Landstraße von Târgu Jiu nach Baia de Aramă liegt Hobiţa, dieses kleine Dorf, das auf der Landkarte nicht leicht zu finden ist. Es hat kaum Anteil an der Weltberühmtheit von Brâncuşi, aber es scheint auch nicht besonders daran interessiert zu sein. Natürlich weiß jeder, wo das Brâncuşi-Museum liegt, aber die Straße ist schlecht, die Wegweiser längst verrostet, Informationen sind nur auf Rumänisch zu finden. Und Kreismuseum, Kreisrat und Kulturministerium scheinen an akutem Ideenmangel zu leiden, denn das Brâncuşi-Geburtshaus könnte leicht zu einem interaktiven Museum ausgebaut werden, das nicht nur Werkstätten für Jugendliche und Spiele für Kinder bieten, sondern Brâncuşi ins digitale Zeitalter holen könnte. Vielleicht ganz im Sinne eines der größten Bildhauer der Moderne...

Doch Hobiţa ist nur ein Punkt auf der touristischen Landkarte eines Verwaltungskreises, der für Rumänien besuchende Ausländer kein Muss ist, eher vielleicht ein Geheimtipp. Der Norden des Kreises Gorj, von Baia de Fier und Polovragi im Osten bis nach Tismana im Westen, Târgu Jiu eingeschlossen, ist eine Rundreise wert, die man zwischen April/Mai und Oktober problemlos für ein Wochenende ansetzen kann.

Die Stadt Târgu Jiu beherbergt das dreiteilige Kriegsdenkmal von Brâncuşi. Die Endlose Säule, den Tisch des Schweigens und das Tor des Kusses errichtete er 1937 bis 1938 auf Geheiß von Arethia Tătărescu, Gattin des damaligen Premierministers Gheorghe Tătărescu. Brâncuşi gelang somit die Verschmelzung von Skulptur und Architektur, für viele gilt vor allem die Endlose Säule als wichtiges Sinnbild der Moderne. Doch das Ensemble fristet ein Schattendasein, im Park am Ufer des Schils gehen Eltern mit ihren Kindern spazieren, Renter spielen Schach, Straßenverkäufer bieten Sonnenblumenkerne und Lottomarken feil. Polizisten bewachen die Denkmäler, rund um die Uhr sogar, sie dürfen nicht angefasst werden.

Alte Klöster in urrumänischer Landschaft

Der Kreis Gorj bietet selbstverständlich mehr als die Spuren des großen Brâncuşi. Und es ist nicht zufällig, dass diese, allen voran die orthodoxen Klöster, viel mehr Besucher zählen als das Skulpturenensemble im heruntergekommenen Târgu Jiu. Eine Fahrt zu den Klöstern von Gorj könnte in Polovragi beginnen, an der Kreisgrenze zu Vâlcea. Eng und kurvenreich ist die Straße, doch gut ausgebaut, leicht erkennt man, dass hier, an der Grenze zwischen den beiden nordoltenischen Kreisen Vâlcea und Gorj, die Behörden zumindest dies verstanden haben: Ohne entsprechende Infrastruktur gibt es kaum Chancen für Tourismus.

Die Kreisstraße führt durch eine mustergültige rumänische Landschaft. Lange Dörfer, liebliche Täler, sanfte Hügel, Obstgärten, Hühner vor gepflegten Häusern, ab und zu ein Pferdewagen. Nordoltenien, der Landstrich unterhalb der Südkarpaten, ähnelt der südlichen Kleinen Walachei kaum, die Bauern sind hier wohlhabender als an der Donau, auch darum, weil dem Großteil von ihnen die Zwangskollektivierung erspart blieb.

Das 1505 erwähnte Kloster Polovragi liegt am Eingang zu den Cheile Olteţului, einer Schlucht, die der Olteţ zwischen dem Parâng-Massiv und den Munţii Căpăţânii gegraben hat. Den Glockenturm ließ Fürst Constantin Brâncoveanu erbauen, die Außen- und Innenmalereien stammen aus dem Jahr 1713. Durch ein Tor in der nördlichen Schutzmauer der Anlage gelangt man zu einem Kirchlein, das 1732 errichtet wurde und dem Klosterspital gedient hat, noch besser als die Klosterkirche selbst gibt dieses die Atmosphäre der östlichen Kirche wieder. Und der Blick auf die Ausläufer der Südkarpaten lohnt sich zu jeder Stunde.

Obwohl das Nonnenkloster Polo-vragi sich einer hohen Besucherzahl erfreut, bedingt auch durch die Nähe zur berühmten Polovragi-Höhle mit der Fledermauskolonie und den Schluchten des Olteţ, hat es keineswegs die herausragende Bedeutung von Tismana, 36 Kilometer westlich von Târgu Jiu. Ein Bollwerk der walachischen Orthodoxie war Tismana in einer Zeit, als das junge südrumänische Fürstentum dem Druck des Katholizismus der ungarischen Könige ausgesetzt war. Gegründet wurde es von Nicodim, einem Mönch aus Prilep in Mazedonien. Eine erste Steinkirche entsteht unter Radu I. (1377-1383), sie wird später ausgebaut. Mönche haben in Tismana mehrere Schulen betrieben, das Kloster war Ausbildungsstätte für die Kanzleischreiber des walachischen Hofes. 1406 empfängt Mircea der Alte den ungarischen König und späteren römisch-deutschen Kaiser Sigismund von Luxemburg in Tismana, es geht um ein Bündnis gegen die Osmanen. Doch das alte Kloster wurde im 16. Jahrhundert zerstört, das heutige Ansehen bekam es 1855. Wunderschön auf einer Anhöhe gelegen, umgeben von bewaldeten Felsen, in der Nähe eines Wasserfalls, ist Tismana ein Hauptziel orthodoxer Pilgerfahrten.

Der Staatsschatz von Tismana

2016 eröffnete die Rumänische Nationalbank (BNR) neben dem Kloster ein Museum, es befindet sich in jener Grotte, in der die BNR während des Zweiten Weltkriegs den rumänischen Staatsschatz verstecken ließ, aus Angst, er könne in die Hände der heranrückenden Roten Armee fallen und als Kriegsbeute nach Moskau verschwinden. Die Geheimoperation der Verlagerung des Schatzes nach Tismana, die Durchführung der Transporte und das Schicksal der eingeweihten Personen werden thematisiert. Das junge Museum bietet kostenlose Führungen, die Teilnahme ist ein Erlebnis an sich, vor allem wenn man sich die Meinungen der Touristen anhört: Es geht um den vergifteten Gheorghiu-Dej, um den kühnen Marschall Antonescu, um die Kommunisten und die Volksverräter, um das gierige Russland, das uns wieder nach dem Leben trachtet. Die Quelle der Volksweisheit versiegt nie.

Schade nur, dass das Umland kaum touristisch erschlossen ist. In Tismana selbst, einer Kleinstadt mit 7000 Einwohnern, gibt es kaum Übernachtungs- und Verköstigungsmöglichkeiten, ein Restaurant oberhalb des Klosters, das zwar am Wochenende überrannt wird, sollte man tunlichst meiden, ein Blick durch die offene Küchentür reicht. Und auch in Baia de Aramă, im benachbarten Kreis Mehedinţi, gibt es zwar bezaubernde Berglandschaften, dazu auch noch ein mittelalterliches Klösterlein, aber kaum eine anständige Gaststätte. Fährt man aber von Târgu Jiu in Richtung Norden, so empfiehlt sich ein Kurzbesuch im Museum für oltenische Dorfarchitektur von Curtişoara und für Unterkunft und Verpflegung dürfte in der Casa Cartianu, im nicht weit entfernt liegenden Cartiu am östlichen Schilufer, angemessen gesorgt sein.

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