Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst

Roma: Von der Aufarbeitung historischer Traumata bis zum Wiederfinden der eigenen Kultur

Dienstag, 13. März 2018

Roma-Konferenz im nationalen Geschichtsmuseum: (v. li.) Delia Grigore, Botschafter Cord Meier-Klodt, Präsidialberater Sergiu Nistor, Regierungsberaterin Dana Varga, Timea Junghaus (ERIAC)
Foto: George Dumitriu

Im Halbdunkel sitzen sie sich gegenüber, der Pfarrer und die Studentin. Zwei Waisen, Bruder und Schwester. Er hatte Glück gehabt: Ein barmherziger Gottesmann hatte ihn aufgezogen, die Kirche ist nun sein Zuhause. Sie hat es weniger gut getroffen: Kindheit im Heim, Vorurteile, Diskriminierung. Erst als Studentin erfährt die junge Romni von den Wurzeln ihres Leides: Jahrhundertelang wurden Roma als Sklaven gehalten, einige von Bojaren, die meisten jedoch in Klöstern. 500 Jahre lang, vermutlich sogar mehr. „Es ist die längste Geschichte der Sklaverei“, so Dr. Ciprian Necula von der NGO Romani ButiQ. Dennoch weiß kaum jemand etwas davon. In rumänischen Schulen wird dieser dunkle Teil der Geschichte bis heute nicht gelehrt. Und auch die Rumänische Orthodoxe Kirche, der damals größte Sklavenhalter, scheint an Vergangenheitsbewältigung nicht interessiert: „Bis heute gab es keine offizielle Entschuldigung“, bemerkt Necula.

Der Dialog zwischen der Studentin, die auf Aufklärung drängt, mit dem Pfarrer-Bruder, der zum Schweigen mahnt – zu viel steht für ihn auf dem Spiel –, enthüllt dem Zuschauer neben dem inneren Konflikt der Protagonisten historische Fragmente über die Zeit der Sklaverei. Doch die Quellen sind dürftig, über Roma gab es kaum Einträge in klösterlichen Archiven. Wozu auch? Wer hätte daran Interesse gehabt? Wer hat heute Interesse daran? Das Theaterstück „Die große Schande“, das am 21. Februar im Nationalen Geschichtsmuseum auszugsweise vorgestellt wurde, war zusammen mit dem Konzert der Gruppe „Mahala Rai Banda“ kultureller Auftakt zu der Konferenz am nächsten Tag: „Roma: Ihr Beitrag zur Entwicklung des rumänischen Staats“.

Das politische Roma-Theater, so Alina Șerban, die in dem Stück die Studentin spielt, sei aus dem Bedürfnis entstanden, ihre eigene Geschichte zu erzählen – „und nicht die der Roma, über die Sie sonst im Fernsehen hören.“ Darum geht es auch auf der Konferenz: Das öffentliche Bild der Roma soll über die Diskussion sozialer Probleme hinaus erweitert werden um historische Fakten und kulturelle Elemente. Inwiefern sind Roma „anders“ - sind sie denn so „anders“? Gibt es nicht eine Fülle an gemeinsamen kulturellen Merkmalen, sowie wirtschaftliche und politische Beiträge von Roma, die das heutige Rumänien geprägt haben? Verstehen beginnt mit aufrichtiger Vergangenheitsbewältigung, mit Bewusstwerdung, Dialog auf Augenhöhe.

Botschafter Meier-Klodt: „Es gibt kein besseres Leitmotiv“

Anlass der Veranstaltung war der Tag der Befreiung der Roma aus der Sklaverei,1856, vor 162 Jahren. Im Zuge der Hundertjahrfeier zur Vereinigung Großrumäniens soll auch ihre Rolle beleuchtet werden. Des Weiteren stellt die Gründung des Europäischen Roma-Instituts für Kunst und Kultur (ERIAC) im November 2017 einen historischen Meilenstein dar: Erstmals gibt es eine transnationale Institution, in der Roma ihre Kultur und Geschichte selbst präsentieren können. Ein positives Zeichen setzte die hochrangige Wahrnehmung der Konferenz durch Präsidialberater Sergiu Nistor, Regierungsberaterin Dana Varga, die Staatssekretäre George Ciamba (Außenministerium) und Mihaela Toader (Ministerium für EU-Fonds) sowie die diplomatischen Vertreter Deutschlands und der USA.

Schon der Titel der Konferenz beinhalte eine starke Botschaft, bemerkte der deutsche Botschafter Cord Meier-Klodt. Zum Auftakt der EU-Ratspräsidentschaft Rumäniens 2019 könne es kein besseres Leitmotiv für diesen Jahrestag geben, als die Betonung des europäischen Charakters des modernen rumänischen Staates in seiner ethnischen, religiösen, sprachlichen und kulturellen Vielfalt. Einheit in Gemeinschaft – darum ginge es in Europa, dies sei auch in Rumänien ein Jahrhundert lang gelungen, wenn es auch ein schwieriges war. 1919 sei der Beginn eines politischen Bekenntnisses und des kulturellen Beitrags der Roma zum rumänischen Staat. Ähnlich wie die Siebenbürger Sachsen hatten sie in Versammlungen ihre Zugehörigkeit zu diesem Staat besiegelt. In Bezug auf die Gründung von ERIAC, bereits 2015 mit Zustimmung aller EU-Mitglieder beschlossen, betonte er die finanzielle Unterstützung durch Deutschland und lud andere EU-Mitgliedsstaaten ein, sich anzuschließen.

US-Botschafter Hans G. Klemm verwies auf historische Parallelen: Mit dem Ende der Sklaverei in den USA war auch dort die Diskriminierung noch lange nicht beendet, bis heute sind die Armuts- und Arbeitslosenraten unter den Farbigen höher. Auch ihr Beitrag zu dem, was die Vereinigten Staaten heute ausmacht, werde leider oft ignoriert.

Ermutigende Worte richteten Nistor und Varga an die Gemeinschaft der Roma. Der Staat wolle sich verpflichten, gegen Diskriminierung zu kämpfen und die Inklusion zu fördern. Ciamba verwies auf die seit 2015 verfolgten Programme im EU-Rahmen für nationale Strategien zur Inklusion der Roma bis 2020 im Hinblick auf Gesundheit, Wohnung, Schule. Toader räumte ein: „Historische Probleme können wir allerdings auch mit EU-Geldern nicht lösen.“

Protokoll des Leids: erst Sklaverei, dann Deportation

162 Jahre seit der Befreiung – gerade mal zwei Menschenalter! Kein Wunder, dass die Auswirkungen bis heute spürbar sind. Die Marginalisierung der Roma war eine logische Folge, es gab keinen Plan für die neuen freien Bürger, keinen angestammten Platz in der Gesellschaft. „Viele Sklaven kehrten freiwillig zu ihren Landherrn oder in die Klöster zurück, weil es für sie keine Alternativen gab“, bemerkt Daniel Vasile, Abgeordneter der Roma Partei Pro Europa und fügt an: „Für mich ist der Tag der Befreiung daher kein Grund zum Feiern“. Kultur und Geschichte der Roma sind in 500 Jahren Sklaverei – manche sprechen gar von 600 bis 700, doch fehlen definitive historische Belege – nahezu völlig verloren gegangen.

„Es gab einmal ein freies Volk der Roma, das nach byzantinischem Modell lebte, Indien und Persien nahe stand, kulturelle Elemente finden sich noch in Liedern und Gedichten“, erklärt Ethnologin Delia Grigore. „Doch der kulturelle Archetyp vor der Sklaverei ist heute genauso schwer zu finden, wie jener der Daker vor der römischen Besatzung.“ In der rumänischen Folklore finde man vor allem negativ gefärbte Verweise auf die Roma-Ethnie.

„Mit der juristischen Befreiung ging keine spirituelle Befreiung einher“, fährt sie fort. Auch an der Agrarreform von Cuza 1864 wurden die Roma nicht beteiligt.
Trotz der Orientierungslosigkeit, die nach der Befreiung folgte, gelang es zahlreichen Roma, sich erfolgreich in Nischen zu etablieren. In der Ziegelherstellung für den Fabrikbau und als Arbeiter beim Aufbau der Eisenbahn spielten sie eine wichtige Rolle. Im Ersten Weltkrieg kämpften 10.000 Roma als Soldaten, ergänzt Museumsdirektor Ernest Oberländer-Târnoveanu das Bild.

Im Januar 1919 unterstützten die Roma den Zuschlag Siebenbürgens zu Großrumänien durch eigene Versammlungen in Reps/Rupea, Ucea de Jos, Großscheuern/Șeica Mare und Iclodu Mare, noch vor den anderen Ethnien. Eine Tatsache, die von Historikern meist ignoriert wird, moniert Dr. Petre Matei. Damals forderten die Roma – vergeblich – auch Boden, eigene Vertreter im großen Nationalrat Siebenbürgens, und nicht mehr als Zigeuner bezeichnet zu werden...
1919, bei der Unterzeichnung des MinderheitenSchutzvertrags, seien die Roma zudem als einzige Minderheit bei der Vergabe des Rechts auf eigene Schulen und einer Justiz in eigener Sprache übergangen worden.

Zur Zeit zwischen 1918 und 1945 erklärt Matei: Roma-Handwerker – Silberschmiede, Kesselschmiede, Hufschmiede, Bürstenbinder und Holzschnitzer – stellten für Bauern nützliche Gegenstände her. Dokumente aus der Zeit, als die von Antonescu 1942 beabsichtigten Deportationen nach Transnistrien bekannt wurden, belegen ihren Wert in der Gesellschaft. Valentin Negoi berichtet von Protesten seitens Constantin I. Brătianu, dem Vorsitzenden der Nationalliberalen Partei, von Musiker-Genie George Enescu, der sich mit Roma-Musikern solidarisierte oder der Königinmutter Elena. Aber auch von Schreiben von Dorfgemeinschaften, die sich dafür einsetzten, die Deportation zu verhindern, weil die Roma nützliche Handwerker seien oder das Dorf sonst ohne Schmied bliebe. „Dies betrifft nur die sesshaften Roma“, räumt Negoi ein, doch beweise es ihre wirtschaftliche Bedeutung. Der Soziologe Vintil˛ Mih˛ilescu bedauert: „Es gibt keine einzige Studie über den wirtschaftlichen Beitrag der Roma, der beträchtlich gewesen sein muss.“

Den zweiten schwarzen Schatten neben der Sklaverei wirft die Deportierung von 25.000 Roma in die Lager nach Transnistrien, die 1942 im Zweiten Weltkrieg erfolgte. „Davon die Hälfte Kinder“, betont Matei. Dort starben etwa 11.000 an Kälte, Unterernährung, Typhus und Dysenterie.

Im Kommunismus, der ihnen zwar Zugang zu Ausbildung und Arbeit vermittelte, wurden viele Roma assimiliert, vor allem die Mittelklasse und die Elite, bedauert Delia Grigore. „Heute sucht man ihre Spuren vergeblich.“ Die Folge: Jenen, die sich heute zu ihrer Ethnie bekennen, mangelt es an historischen Vorbildern , an Identifikationsfiguren für ein gesundes, ethnisches Selbstbewusstsein.

Hoffnung auf Aufklärung und einen neuen Diskurs

„Jede Befreiung ist ein Grund zur Freude“, widerspricht Dr. Alexandru Florian (Institut Elie Wiesel) der Bemerkung von Daniel Vasile. Doch sei es dringend nötig, die historischen Traumata, die den meisten Rumänen unbekannt sind, weil in den Schulen nicht gelehrt, aufzuarbeiten. „Unsere Umfragen haben ergeben, dass weniger als zehn Prozent wissen, dass Antonescu in Bezug auf Juden und Roma eine kriminelle Politik ausübte“. Eine Reform der öffentlichen Bildung sei nötig, fordert Florian, mehr öffentliche Stellungnahmen seitens der führenden Politiker dazu wünschenswert.

Dr. Mirel B˛nica beklagt, bei der Suche nach den religiösen Praktiken der Roma kaum fündig geworden zu sein. „Obwohl sie in Klöstern lebten und sehr religiös waren, wissen wir fast nichts darüber.“ Selbst die Frage, in wie vielen und welchen Klöstern Sklaven gehalten wurden, kann nicht erschöpfend beantwortet werden. Nur wenige erwähnen die Roma überhaupt in ihren Archiven. Eine Quelle aus 1716 gibt Aufschluss darüber, wo sie im Kloster untergebracht waren: außerhalb der Mauer, im zweiten Hof. Die orthodoxe Kirche hat diese Geschichte nie aufgearbeitet, kritisiert B˛nica. Nicht einmal im Priesterseminar erfährt man davon. Tismana sei das einzige Kloster, wo es überhaupt eine Gedenkplatte gibt. Dringend müsse man zudem ein allgemeinverständliches Buch über Roma-Geschichte herausgeben.

Während ERIAC-Vertreterinnen Timea Junghaus und Nicoleta Bi]u hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, hält sich der Optimismus rumänischer Roma stark in Grenzen. „Obwohl ich Pessimist bin, gibt es dennoch zwei Gründe für Optimismus“, räumt der PSD-Abgeordnete Florin Manole ein: „Zum einen, dass wir Verbündete außerhalb der Roma-Gemeinschaft haben, zum anderen, dass es Konferenzen wie diese gibt.“ Harsche Kritik hingegen übt Daniel Vasile: Anstelle der Roma stünde in der EU nur das Flüchtlingsproblem im Vordergrund. „Aber vielleicht werden wir nach 20-30 Jahren eine Ressource sein, wie heute die Migranten, und dann tut sich endlich was...“ Harte Worte von Vasile auch an den rumänischen Staat: „Andere Minderheiten haben Museen und Schulen, obwohl es gar keinen Nachwuchs gibt. Wir wollen eine Schule für Romani, doch dafür ist kein politischer Wille da.“

Junghaus ruft dazu auf, ERIAC gemeinsam mit Leben zu füllen, die Vorurteile der anderen abzubauen, durch Kunst, Kultur und Medien. „Mit ERIAC haben die EU-Staaten eine neuen Diskurs eröffnet - nicht nur über soziale Probleme und Arbeit, sondern über Kultur. Das ist eine riesige Verbesserung!“

Die Studentin und der Priester... Sie sitzen sich auch hier – symbolisch – gegenüber, ihr Diskurs nicht minder kontrovers. Nicht im Halbdunkel allerdings, sondern im Rampenlicht. Und wir verstehen ein bisschen mehr.

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