Auf der Suche nach der verlorenen Identität

Geschichtsträchtige Stadtplätze den Modernisierungsplänen geopfert

Mittwoch, 26. Juli 2017

Der ehemalige Prinz-Eugen-Platz: Roter Platz mit einsamer Pestsäule
Foto: Zoltán Pázmány

Es wird an der Bega viel darüber geschrieben, noch mehr davon geredet: Wie man alle Mannen an den Wagen der Europäischen Kulturhauptstadt spannen kann, um die Begastadt zur Geltung zu bringen, wenigstens zu einer südosteuropäischen Attraktion zu machen. In Temeswar geht auch, kann man behaupten, eine jahrelange Identitätssuche zu Ende: Die Versuche der ehemaligen Ciuhandu-Stadtverwaltung,  bis 2012 das neue Stadtimage nach der Wende mit dem wertvollen Kulturerbe aus der Kaiserzeit zu verbinden bzw. die Stadt an der Bega als Klein-Wien zu etablieren, waren leider wenig erfolgreich. Das liebenswerte aber etwas amateurhafte Temeswarer Kulturfestival „Klein-Wien“ ist leider passe, doch das schon vor 2012 gestartete, seit der Wende wichtigste Stadtprojekt, die Sanierung der Temeswarer Innenstadt wurde, wenn auch wie üblich mit einer Menge Pannen, Aufschüben und Ärger letztlich doch von der derzeitigen Verwaltung 2016 abgeschlossen: Insgesamt 46.000 Quadratmeter Altstadt wurden saniert, darunter vier Stadtplätze und zehn Straßen der Altstadt. Rundum haben sich die sündig teure Kosten ausgezahlt. Die gesamte Straßeninfrastruktur ist erneuert und einer einladenden Fußgängerzone umfunktioniert.

Zusammenfassend: Von manchem amtlichen Auge (auch dem des amtierenden Bürgermeisters) gesehen, hat das Image der Stadtmitte durch diese Arbeiten viel an Modernität und Effizienz gewonnen, mit anderen Augen (darunter auch vieler Alttemeswarer) gesehen, hat man gar nichts unternommen, um den historischen Stadtkern, die wertvolle barocke oder Jugendstil- Bausubstanz, das der Stadt geschenkte k.u.k. Kulturerbe zur Geltung zu bringen. Die Stadtväter haben es eben in ihrem Modernisierungswahn versäumt, die Begastadt auf ihrer Identitätssuche auf den einzigen richtigen Weg, der zum städtischen k.u.k. Kulturerbe, zum verschütteten Image einer mitteleuropäischen Stadt, zurückzubringen. An den kleinen aber geschichtsträchtigen Plätzen der Innenstadt aber auch jener anderer historischer Stadtviertel (Elisabethstadt, Josefstadt, Fabrikstadt) ist das am besten abzulesen: Die historische Identität dieser Stadtplätze wurde in Folge der Sanierungsarbeiten zum größten Teil den Reparatur- und Modernisierungsplänen geopfert. So geschehen am Freiheitsplatz, am Sankt-Georgs-Platz, beide in der Innenstadt, aber auch schon vor einigen Jahren am Hauptplatz der Elisabethstadt, dem Bălcescu-Platz.

Früher beliebtes Stelldichein, heute „Roter Platz“

Wie auf dem barocken Domplatz, atmet auch auf dem Freiheitsplatz jede Ecke, jeder Stein und Bau drei Jahrhunderte Stadtgeschichte. So war es nämlich. Der ehemalige Paradeplatz oder Prinz-Eugen-Platz wird von allen Himmelsrichtungen von wertvollen Altbauten umrahmt: das alte Rathaus (Stadthaus) mit dem alten Stadtwappen und Stadtsiegel auf dem Giebel (von 1718), dem ehemaligen Generalatsgebäude (Wohnung des Korpskommandanten, so auch von Graf Mercy), das Militärkasino an der Westseite, gegenüber das Palais der ehemaligen Agrar- Sparkasse. In der Mitte des Platzes das wohl bedeutendste Stadtdenkmal (18. Jahrhundert) - Mariendenkmal, Mariensäule, Nepomuk-Denkmal oder auch Pestsäule genannt (zu Füßen der Madonna befindet sich der Hl. Nepomuk, der Schutzpatron des Banats) zu bestaunen. Errichtet wurde es bekanntlich nach einem Entwurf des Wiener Bildhauers Raffael Donner und auf dem Wasserweg der Banater Schwabenzüge (Donau-Theiß-Bega) hergeschafft. Nun, anstatt diese architektonischen Kleinode im Rahmen der Sanierung zur Geltung zu bringen, vertuschten und übertünchten nach Willen des Bauherrn, der Stadtverwaltung, die Bauleute  alles, was an die Geschichte erinnerte, auf grobe Art. In der letzten Phase der Sanierung, unter dem Druck der Baufristen, wurde alles sogar übers Knie gebrochen. Die schier endlosen Ausgrabungen und archäologischen Auswertungen hatten alle Beteiligte, vor allem die Bauleute von Romprest an den Rand ihrer Geduld gebracht. Ende 2015, noch kurz vor Neujahr übergab Bürgermeister Robu den verblüfften Temeswarern den ehemaligen Paradeplatz als „Roten Platz“, einen freien, gepflasterten Platz als Großbühne für zukünftige Events, als Platz für die Stadtjugend, für Konzerte, Festivals und Happenings. Da war also nichts mehr für den Normalbürger. Die Begründung aus dem Rathaus: Schon die k.u.k. Gründer machten 1730 aus dem Paradeplatz vor dem alten Rathaus einen Ort für große Ereignisse, der Platz sollte kein Transit-Ort werden, aber zusätzlich nach klassischem Rezept noch an die großen Plätze von Rom, Wien oder London erinnern. Was den Bewohner der Innenstadt, allen Alttemeswarern besonders wehgetan hat, war, dass man erstens diesen bedeutenden historischen Stadtplatz seiner Identität beraubt hat und zweitens ein beliebtes Stelldichein mit Bäumen, Grünflächen, Bänken und Springbrunnen abgeschafft hat: Eingefleischte Freunde der Natur, des Grüns sollten, wie es damals aus dem Rathaus als guter, praktischer Rat für die Bürger hieß,  doch "einfach in die Parks ausweichen" und basta. Die Ausgrabungen des Türkenbads wurden rasch überpflastert, nun thront noch die Pestsäule in der Mitte des Platzes als letztes Überbleibsel der Stadtgeschichte, einsam und verlassen. Nicht mal eine symbolische, schützende Umzäunung ist mehr da, selbst die Taubenscharen, die früher das Denkmal gern umschwirrten und besetzten, meiden nun den verlassenen Schutzpatron des Banats.

"Hier ist euer Geld vergraben"

So oder ähnlich geschehen sowohl im Rahmen der Sanierung des kleineren, benachbarten Sankt-Georgs-Platzes oder am Bălcescu-Platz im Stadtviertel Elisabethstadt. Die Sanierung des Sankt-Georgs-Platzes hielt die Einwohnerschaft monatelang mit seinen archäologischen Ausgrabungen (türkische Nekropole, Moschee, Jesuitenkirche) in Atem. Der meist völlig leere Platz, im Volksmund „die Grube“ genannt, ist nun ein kurioses Zwitterding zwischen ausgepflasterter Grube (für Kulturevents) und unattraktivem Freilichtmuseum geworden. Ein Glück, daß die Grubenränder von ein paar armseligen Bäumchen und etwas Gras gesäumt sind. Die Temeswarer meiden diesen Ort, ein humorvoller Mensch hat in einer Ecke trotz allem  einen schönen Satz hingekritzelt: „Hier ist euer Geld vergraben!“

Genauso geschichtsgeladen ist auch der Bălcescu-Platz, Hauptplatz des Stadtviertels Elisabethstadt. Mit der letzten Sanierung, im Herbst 2013 fertiggestellt, hat die Stadtverwaltung jedoch mittels einer lokalen Baufirma aus dem früheren Grundhausplatz (ung. Telekhaz ter), dem historischen Hauptplatz der alten Meierhöfe (seit 1919 Lahovary- Platz und seit den 50gern Bălcescu-Platz) einen funktionalen Kreisverkehr gemacht. Der Platz, dessen Herzstück die Hl. Herz Jesu-Kirche (1912-19 in neugotischem Stil erbaut, 5 Altäre, Wegenstein-Orgel), die an die Wiener Votiv-Kirche erinnert, wird nun als moderner Verkehrsknotenpunkt nicht mehr von den Autofahrern gehasst aber von den Einwohnern als unangenehmer Ort, von Wind und Sonne leergefegt und staubig wie die Nitzkydorfer Hutweide, gemieden.

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