Auf Entdeckungsreise durch das Banat

Reisen, Geschichten und Freude an der Landschaft

Freitag, 23. Juni 2017

Landschaften, Denkmäler, Leute und Geschichten stehen im Vordergrund der Entdeckungsreise durchs Banat. Im Bild: der Turm auf dem Hügel in Grădinari (oben) und die römisch-katholische Kirche in Bobda (unten).

Die Erkundung des Banats bietet eine Zeitreise in die Erfolgsgeschichte der Region – die verlassenen, sanierungsbedürftigen Gebäude, darunter Fabriken, Kirchen und Schlösser, bringen gemischte Gefühle hervor. Im Bild: die österreichischen Kaiserlichen Bäder in Herkulesbad/Herculane und das Mocioni-Schloss in Bulci, Kreis Arad.
Fotos: Prin Banat

Die erste Bergapotheke im Banater Bergland, die Wassermühlen in Rudăria, der Turm auf dem Hügel in Grădinari, das Mocioni-Gutshaus in Foeni, die älteste Holzkirche im Banat, die Barons-Kirche in Bobda oder das Schloss von Banlok – all diese Orte liegen im Banat verstreut und warten einfach darauf, neu entdeckt zu werden. Auf den Spuren der Geschichte zu wandeln, dies hat sich vor mehreren Jahren der Temeswarer Verein „Prin Banat“ (auf deutsch „Durch das Banat“), eine Gruppe junger Leute, vorgenommen. Seit 2013 steigen sie immer wieder ins Auto und machen sich auf den Weg, kreuz und quer durchs Banat. Halt machen sie in vielen Banater Ortschaften und Gemeinden, um deren Geschichte zu erforschen und Touristen, waschechte und Wahlbanater auf die Region neugierig zu machen.

Die Geschichten sind meistens traurig, denn von den einstigen Juwelen des Banats sind heute nur noch Spuren übrig. Die Erkundung des Banats bietet eine Zeitreise in die Erfolgsgeschichte der Region – verlassene, sanierungsbedürftige Bauten, darunter Fabriken, Kirchen und Schlösser, bringen gemischte Gefühle hervor. Doch bevor sie vollkommen in Vergessenheit geraten, möchten sie allen noch einmal ihre Lebensgeschichten erzählen. Alexandra Palconi und Cristian Sitov ließen sich mittlerweile von Dutzenden solcher Geschichten bereichern. Viele wurden auf die Webseite des Projekts, prinbanat.ro, gestellt und sind in rumänischer, deutscher und englischer Sprache zu lesen. Fotos begleiten die Berichte und bieten so ein aktuelles Bild.

„Was uns dazu bewogen hat, auf eine Banater Entdeckungsreise zu gehen, war der schlechte Zustand, in dem sich die meisten historischen Denkmäler befinden. Wir wollen nicht nur Sehenswürdigkeiten vorstellen und Tourismus fördern, sondern mit den ehemaligen „Juwelen“ - verlassenen Orten und sanierungsbedürftigen Gebäuden - ein realitätsgetreues Bild der Region vermitteln“, sagt die 29-jährige Alexandra Palconi, Temeswarer Journalistin und Initiatorin des Projekts. „Wir möchten die Orte mit ihren guten und schlechten Seiten vorstellen, aber auch eine gewisse Nostalgie erwecken. Im Vordergrund stehen nicht nur Orte, sondern auch Menschen und Geschichten“, ergänzt Cristian Sitov, der ebenfalls zum Projektteam gehört.

Die Webseite ist ein Wegweiser für alle, die das aktuelle Banat durch die Hinterlassenschaften aus der Geschichte entdecken wollen. Besucher erhalten Informationen oder finden Anregung, sich ins Auto oder in den Zug zu setzen und einen Ausflug zu unternehmen. So zum Beispiel kommt man, 40 Kilometer von Temeswar entfernt, nach Charlottenburg – das einzige runde Dorf in Rumänien, oder in die Ortschaft Mercydorf/Carani, wo noch das Schloss des Grafen von Mercy steht. Das Gebäude wurde 1733-34 erbaut und ist eines des ältesten Gebäude im Banat. Das Schloss trägt den Namen des Grafen Florimund Mercy, auch wenn der Graf hier niemals gelebt hat. Im Schloss haben im Laufe der Zeit mehrere Adelsfamilien residiert. Zurzeit steht der Bau verlassen und baufällig da.

Verlassen ist auch das einstige Schloss von Banlok. Rund 50 Kilometer von Temeswar entfernt, wartet das Karatsonyi-Schloss darauf, entdeckt zu werden. Zahlreiche Sanierungsversuche sind im Laufe der Zeit gescheitert. Nicht einmal die Natur schonte den Bau, denn das Schloss wurde 1991 in einem Erdbeben beschädigt. Eines der ältesten Gebäude aus dem Banat ist auch das Gutshaus Mocioni aus Foeni. Das Gebäude wurde mitten in der Gemeinde im Jahr 1750, im neoklassischen Stil, gebaut. Genauso wie viele andere ähnliche Bauten ist es nun verlassen und dem Verfall ausgesetzt. Spuren der Mocioni-Familie gibt es auch im Friedhof der Ortschaft, wo das Mausoleum der Familie liegt. In der 43 Kilometer von Temeswar entfernten Gemeinde kann man noch die türkische Brücke aus Backsteinen aus dem Jahr 1749 sehen.

Eine Zeitreise in die Geschichte des Banats bietet auch die Kirche in Bobda. Ursprünglich als Mausoleum für die Adelsfamilie Csávossy erbaut, wurde sie wegen ihrer beeindruckenden Größe zu einem römisch-katholischen Gebetshaus umfunktioniert. Der letzte Gottesdienst wurde dort in den 1980er Jahren zelebriert, dann wurde auch dieses Gebäude verlassen. Mittlerweile leben Scharen von Tauben darin, der eine Turm ist vor mehreren Jahren eingestürzt, die Kuppel befindet sich kurz vor dem Einsturz; die Kirchenfenster und der Altar sind vor langer Zeit gestohlen worden; die Orgel ist zerstört und die Gruft unter der Kirche entweiht.

„Prin Banat“ bedeutet Reisen und Geschichten, aber auch Freude an der Banater Gegend und Landschaft. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören u.a. der erste Bahnhof auf dem aktuellen Gebiet Rumäniens in Orawitza mit der ersten Eisenbahnstrecke Orawitza-Anina sowie Temeswar/Timişoara mit der ersten Bierbrauerei, die erste Stadt auf dem heutigen Gebiet Rumäniens mit elektrischer Straßenbeleuchtung und mit der ersten, von Pferden gezogenen Straßenbahn, sowie die erste vom Kommunismus befreite Stadt in Rumänien.

Symbol von „Prin Banat“ ist ein vierblättriges Kleeblatt – als Inspiration diente eine hundert Jahre alte rumänische Bluse aus dem Temescher Bergdorf Luncani. „Ein Jahr lang suchten wir ein Logo – als wir diese Bluse bei unserer Dokumentationsreise durchs Banat sahen, wussten wir sofort, das ist es“, erzählt Alexandra Palconi.

Mittlerweile bedeutet „Prin Banat“ Tausende zurückgelegte Kilometer, rund 10.000 Fotos, wertvolle Geschichten von Einheimischen und zahlreiche Recherche- und Dokumentationsstunden. Das Projekt entwickelte sich immer mehr, so dass vor einem Jahr ein Verein daraus wurde. Details kann man unter der Internetseite prinbanat.ngo abrufen. Der Verein will in diesem Sommer ein weiteres Projekt ins Leben rufen: „Heritage of Timişoara“ (deutsch: „Das Erbe von Temeswar“). Dadurch soll auch das Stadterbe von Temeswar in den Vordergrund rücken. Der Fokus wird diesmal nicht nur auf die Temeswarer Innenstadt gerückt, sondern auch ehemalige historische Stadtviertel wie die Fabrik-, Elisabeth- und Josefstadt werden unter die Lupe genommen. „Am 27. Juni machen wir das erste Stadtviertel bekannt. Im Laufe der kommenden fünf Monate wird dann immer mehr Information auf unserer Homepage heritageoftimisoara.ro hochgeladen und sogar verschiedene Veranstaltungen werden vor Ort organisiert“, verspricht Alexandra Palconi.

Kommentare zu diesem Artikel

Peter, 01.07 2017, 09:37
An dieser Stelle kann ich nur meinen Kommentar zu “Fremdenverkehr auf Rumänisch“ aus dem Bereich Meinung und Bericht, vom 30. Juni wiedergeben.

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