Auf Entdeckungsreise durchs Banat

„Moving Fireplaces“ bringt spannende Lebensgeschichten ans Licht

Freitag, 12. Oktober 2018

Die Blaskapelle Mambo Siria begleitete die Gäste auf der Entdeckungsreise von Erzählungen durch die Banater Dörfer.

Die Dorffahrten mit Pferdekutschen waren das Highlight des Ereignisses am letzten Septemberwochenende in Margina und Zorani.

Die Solidart-Inszenierung „Altă zi cu soare“ basiert auf die Lebensgeschichte von Rodica Codrea (geboren Oproni) aus dem Dorf Zorani. Das Schauspiel wurde im Hof des ehemaligen Hauses der Hauptgestalt Serafin Oproni vorgeführt.

Auch eine individuelle Geschichtensuche durften die Teilnehmer anhand einer gedruckten Dorfkarte vornehmen: Im Hof des Ion Clopoţel-Hauses in Margina wurde eine Glasfisch-Ausstellung organisiert; wenige Häuser entfernt konnte man auch das Geburtshaus des Banater Schriftstellers Sorin Titel entdecken.

Geschichten, die zu Tränen rühren, wenn sie mit voller Leidenschaft erzählt werden; Traditionen und Bräuche, die fast vergessen sind, aber auch verlassene Häuser, die einst wichtigen Persönlichkeiten gehört haben und die heute noch geheimnisvoll Spuren des einstigen Lebens hier verraten – das alles bildete ein ehrgeiziges Projekt zur Aufwertung des Banats. Das Pilotprojekt „Cămine în mișcare/ Moving Fireplaces“ (deutsch: Heimstätten in Bewegung) ging am letzten Septemberwochenende in der Gemeinde Margina und im Dorf Zorani im Verwaltungskreis Temesch/Timiș über die Bühne.

Die Gestalten der heute dargestellten Geschichte waren einst richtige Menschen, mit Leib und Seele. Die Geschehnisse sind tatsächlich so abgelaufen und die damaligen Entwicklungen hinterließen dabei keine komische Spur. Alles ist Teil einer persönlichen Erfahrung, die noch verborgen und vielen unbekannt geblieben ist: die Geschichte der Menschen, die durch die sogenannte Kollektivierung der 1950er Jahre in der damaligen Volksrepublik Rumänien enteignet wurden.

Das Schauspiel „Altă zi cu soare“ (Ein anderer sonniger Tag) stellt in einem Text von Andrei Ursu die Geschehnisse aus dem Dorf Zorani vor, aufgrund der Erzählung und Lebensgeschichte von Rodica Codrea (geborene Oproni). Die Geschichte wurde im Rahmen des Kulturprojekts „Cămine în Mișcare/Moving Fireplaces“ aufgegriffen und wird durch die Inszenierung des Solidart-Vereins allen bekannt gemacht. „Ein anderer sonniger Tag“ erzählt die Geschichte von Serafin Oproni, der 1956 die Kollektivierung mit Hartnäckigkeit und Intelligenz abgelehnt hat, indem er Widerstand gegen die Einschüchterungstaktiken der Kommunisten, denen die Bauern in jener Zeit ausgesetzt waren, zeigte. Da er keine Kinder hatte, schaffte er es, die Tochter seines Neffen zu adoptieren und der Kollektivierung zu entkommen.

Das Schauspiel wurde bereits mehrmals in diesem Jahr vor unterschiedlichen Zuschauern innerhalb von Festivals vorgeführt, doch diesmal kehrt die Geschichte nach Hause zurück, an den Ort, wo alles geschehen ist, in den Hof des ehemaligen Hauses von Serafin Oproni im Dorf Zorani. Der Hof und der Schuppen seines Hauses werden zur Bühne. Mit Tränen in den Augen begrüßt Rodica Codrea, die Adoptivtochter von Serafin Oproni, Dorfbewohner und Gäste, die heute speziell für dieses Schauspiel eingetroffen sind. Sie alle wollen ihre Geschichte erfahren.

„Wir haben eine lokale Geschichte in ein Theaterstück umgewandelt, dann haben wir diese in jenem Haus, in dem wir die Geschichte gefunden haben, in der Gegenwart und mit der Unterstützung der Leute, die sie uns erzählt haben, auf die Bühne gebracht. Wir waren froh, dass alle Dorfbewohner gekommen sind, um das Stück zu sehen, und dass sie nun stolz sind, weil die Leute durch diese Vorstellung über ihr Dorf sprechen. Das hat für uns, das Projektteam, viel bedeutet.

Es ist das erste Mal, dass eine solche Idee im rumänischen Kulturraum umgesetzt wird. ‘Altă zi cu soare’ stellt das Wesen unseres Projekts dar: Lokale Geschichten in künstlerischer Form mit aktiver Beteiligung der Gemeinschaft, die sie erlebt hat, umzusetzen“, erzählt Alexandra Palconi, Vorsitzende des „Prin Banat“-Vereins und Koordinatorin des Projekts kurz vor der Vorführung.

„Die Heimstätten in Bewegung“, zwischen dem 28. und 30. September in Margina und Zorani aufgeführt, ließ Teilnehmer von nah und fern mit den Dorfbewohnern in Kontakt treten, ihre Geschichten erfahren und gemeinsam an Kulturprogrammen teilnehmen. Zwischen den beiden Ortschaften wurden Fahrten mit von Pferden gezogenen Kutschen organisiert. Auf der Entdeckungsreise wurde im Dorfmuseum in Zorani sowie auf dem Markt mit traditionellen Produkten im Hof des Infozentrums in Margina halt gemacht.

Auch eine individuelle Geschichtensuche durften die Teilnehmer anhand einer gedruckten Dorfkarte vornehmen. So konnten sie eine Glasfisch-Ausstellung im Hof des Hauses von Ion Clopoțel in Margina entdecken und dabei auch die Lebensgeschichte des Schriftstellers, Publizisten, Memoirenverfassers und Abgeordneten zur großen Versammlung von Karlsburg/Alba Iulia erfahren. Ion Clopoțel hat fast sein ganzes Leben in Margina gewohnt, wo er Letiția geheiratet hat. Seine Frau hinterließ der Gemeinde eine wichtige Sammlung von rumänischen Volkstrachten und traditionellen Webstoffen.

Nur wenige Häuser weiter durften die Geschichtensucher auch das Geburtshaus des Banater Schriftstellers Sorin Titel und Informationen zu seinem Leben und seiner Karriere entdecken.
Höhepunkt der Ereignisse an den drei Tagen der Veranstaltung war aber für Groß und Klein die Erzählrundfahrt mit den Kutschen. Diese startete in Margina. Auf dem Weg nach Zorani wurden für die Gäste zahlreiche Geschichten erzählt. Gedruckte Aussagen aktueller oder ehemaliger Dorfbewohner zu Bräuchen und Geschehnissen trafen sie auf ihrem Weg an, der von der Gemeindeblaskapelle Mambo Siria musikalisch begleitet wurde.

Endziel der Tour war das Codrea-Haus in Zorani, der Austragungsort des Solidart-Schauspiels. Zurück in Margina durften die Teilnehmer und Dorfbewohner auch an Theatervorführungen der unabhängigen Theatergruppe „Auăleu“ teilnehmen. Auch die Kinderveranstaltungen und Werkstätten tagsüber erfreuten sich eines beachtenswerten Erfolgs. Über 100 Kinder aus den beiden Dörfern und aus den benachbarten Ortschaften nahmen daran teil.

Das Projekt wurde vom „Prin Banat“-Verein in Zusammenarbeit mit dem Verein „Temeswar, Kulturhauptstadt Europas“ umgesetzt und innerhalb des Europäischen Kulturerbejahres 2018 durchgeführt. Dies ist das einzige Projekt des TM2021-Vereins, das außerhalb der Stadt Temeswar läuft. „Ziel ist es, die Gegend des historischen Banats zu fördern und Menschen zu überzeugen, das Kulturerbe und das Erzählgut kennenzulernen und mit anderen zu teilen“, erläutert Alexandra Palconi.

Wie das Ereignis verlaufen ist, kann man auch von der Webseite www.camineinmiscare.ro und von der Facebook-Seite www.facebook.com/movingfireplaces erfahren.
 
Das Projekt soll sich 2019-2020 auch auf das serbische Banat sowie auf die Batschka-Region ausweiten. „Wir wollen damit die Verbindung zu Novi Sad, der serbischen Stadt, die ebenfalls Europäische Kulturhauptstadt 2021 sein wird, schaffen. Andererseits ist das Jahr 2019 sehr wichtig für das Banat, denn erst dann begeht die Region hundert Jahre, seitdem sie sich mit Rumänien vereinigt hat. Davon ausgehend werden wir Erzählungen von rumänischen und serbischen Familien und nicht nur aus dem Banat suchen – Familien, die fast über Nacht plötzlich von Grenzen getrennt wurden. All diese Geschichten werden wir dann in unterschiedlichen künstlerischen Formen zum Ausdruck bringen“, erzählt Alexandra Palconi über die Zukunftspläne des Projekts.

„Die Umsetzung von `Moving Fireplaces´ hat 2017 begonnen. Das Team besteht sowohl aus Forschern, als auch aus Künstlern, die gemeinsam arbeiten – Interviews wurden geführt, Recherche gemacht und Fallstudien erstellt. In der Zeitspanne 2017 – Februar 2018 wurde die erste Forschungsetappe vor Ort ausgetragen. Wir bereisten den Norden und Osten des Banats und haben etwa 60 Geschichten gesammelt.

Aus all diesen hat der Dramaturg Andrei Ursu, der Mitglied unseres Teams ist, entschieden, ein Theaterstück nach der Lebensgeschichte von Rodica Codrea aus Zorani zu schreiben. Kurz darauf hat der Solidart-Verein das Stück inszeniert. `Altă zi cu soare´ hat insgesamt drei Akte. Der erste Akt feierte Premiere innerhalb des TESZT-Festivals in Temeswar, im Mai dieses Jahres; der zweite Akt wurde nun in Zorani innerhalb unseres Projekts vorgeführt; der dritte Akt wird Ende des Jahres in Temeswar vorgestellt. Bald werden also alle drei Akte des Schauspiels vorgeführt“, schließt die Koordinatorin des Projekts Alexandra Palconi.

 

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