Auf offener Strecke aus dem Lazarettzug geholt

Bukowinadeutsche berichten über Deportation 1945 in die ehemalige Sowjetunion

Montag, 26. Oktober 2015

Kurz vor Abschluss befindet sich ein Buch zur Deportation von Bukwinadeutschen in die ehemalige Sowjetunion 1945, das auf Anregung des Regionalforums Buchenland in Zusammenarbeit mit dem Bukowina-Institut Augsburg entstanden ist. Der folgende Beitrag bezieht sich auf ein besonderes Schicksal, das in diesem Buch beschrieben wird.

Dr. Ortfried Kotzian veröffentlichte im Jahre 1995 in der Zeitung der Buchenlanddeutschen in Deutschland („Der Südostdeutsche“, Nr. 3/ März 1995, S. 7, „Zeitzeugen gesucht“ ) einen Aufruf in Verbindung mit dem Forschungsvorhaben des Bukowina-Instituts Augsburg zur Deportation von Deutschen aus der Bukowina in die Sowjetunion. Eine schriftliche Antwort kam u. a. von Dr. Claudius von Teutul (+) aus Riegelsberg im Saarland, der vielen Buchenländern als einer der besten und uneigennützigen Familienforscher in Erinnerung geblieben ist. Das Schreiben stammt vom 21. Oktober 1995 und ist direkt an Herrn Doktor Kotzian gerichtet. Dr. Teutul wollte einen Beitrag leisten zum Forschungsprojekt anhand der Erzählungen seines Stiefvaters Gustav Heichl. In Erinnerung an das Schicksal der beiden Männer veröffentlichen wir die wichtigsten Aspekte aus dem Schreiben mit Ergänzungen des Autors dieses Beitrags, der über lange Jahre mit dem Genealogen und Heraldik-Forscher Dr. Teutul (Mitglied im Verband Jassy/Iaşi) in Verbindung stand.

Der Vater von Dr. Claudius von Teutul, Notar in Itzkany, verstarb jung an den Folgen einer Lungenentzündung. Der Sohn wuchs daher weitgehend unter der Obhut der evangelischen Großeltern auf, mit denen er 1940 ins Reich umsiedelte. Die Mutter heiratete bald in zweiter Ehe Gustav Heichl, der einer alten deutschen Familie aus Mähren entstammte und als Betriebsleiter einer Berliner Textilfirma in Itzkany-Bahnhof, dem Bahnanschluss für die nahe Stadt Suceava, in der Bukowina tätig war. Stiefvater Heichl hatte sich auch zur Umsiedlung gemeldet, wurde zur Einbürgerung nach Litzmannstadt (polnisch Lodz) geordert, blieb aber weiter als deutscher Staatsbürger dienstlich in Rumänien. Die Firma, die „Südosteuropa GmbH“, unterhielt mehrere Niederlassungen in Rumänien. Von Itzkany erfolgte kurz nach der Umsiedlung der Buchenlanddeutschen seine Versetzung bzw. Beförderung zum Leiter einer Flachs-Großrösterei nach Mangalia in der Dobrudscha. Am Schicksalstag 23. August 1944 bekam Heichl einen Anruf, sofort seinen Arbeitsplatz zu verlassen und sich bei der Zentrale des Unternehmens in Bukarest zu melden, schrieb Dr. Teutul. „In der Nacht packte er alle wichtigen Akten zusammen, fuhr morgens nach Konstanza und mit der Eisenbahn weiter in die Hauptstadt. Kurz vor Bukarest hielt der Zug, weil deutsche Stukas die Stadt bombardiert hatten. Nachher fuhr der Zug weiter und kam auf einem Bahnhof an. Gegen Mittag lieferte mein Stiefvater seine Akten gegen Quittung ab. Er bekam den Auftrag, sich in Berlin bei der Firmenzentrale zur weiteren Dienstleistung zu melden.“ Zugleich wurden ihm die erforderlichen Reisedokumente ausgestellt.

Bemerkenswert erschien dem Zeitzeugen und auch dem Briefschreiber aus den Erzählungen, die „Situation der Ruhe und Ordnung bei der Dienststelle in Bukarest“. Das gesamte Personal, vom Pförtner bis zu den Sekretärinnen, tat Dienst, „als sei nichts geschehen“. „Auch die rumänischen Mitarbeiter waren vollständig anwesend und wie immer der deutschen Sache zugetan.“ Trotzdem machte sich Heichl auf den Weg nach Berlin. Er entschloss sich für einen Lazarettzug Richtung Wien, an den zwei Waggons für Zivilpersonal angehängt waren. „Unter ganz normalen Bedingungen – wie im Frieden bzw. wie in der üblichen Etappe – fuhr der Zug los. Irgendwo im Banat, vor der ungarischen Grenze, gab es auf offener Strecke einen Stopp durch rumänische Soldaten. Alle Zivilpersonen wurden herausgeholt.“ So wiedergibt Dr. Teutul den späteren Bericht des Stiefvaters. Gustav Heichl kam mit noch anderen verhafteten Zivilisten, von denen wohl vorausgesetzt wurde, dass sie nach dem politischen Umsturz in Rumänien sich ins Ausland absetzen wollten, in ein Internierungslager in Oltenien, sicherlich in eines der in einem Interview-Text eines Zeitzeugen angeführten (Slobozia, Tîrgu Jiu). Viele Deutsche aus Deutschland wurden bald repatriiert, die aus Rumänien stammenden, wie Heichl, mussten trotz deutscher Staatsbürgerschaft bleiben. Für fast alle, die noch arbeitsfähig waren, begann im Januar 1945 „die ‚große Reise’ in das Donezk-Gebiet, wo mein Stiefvater Sozialismus in Reinkultur erlebte“.

Über die Lagerzeit schrieb Dr. Teutul: „Gustav Heichl sprach nie über seine Erlebnisse 1945 bis 1947, in welchem Jahr er wegen lebensgefährlicher Furunkulose nach Rumänien entlassen wurde.“ Dies geschah so plötzlich und ohne Begründung wie die Festnahme. Er wurde aufgerufen, einwaggoniert und in Siebenbürgen „ausgeladen“, vermutlich auch in Sighet. „Dann konnte er gehen. – Sozialismus in Perfektion!“ Abschließend schrieb Dr. Teutul über den Stiefvater in der Zeit danach: „Mein Stiefvater lächelte immer nur wissend, wenn auf jene Zeit die Rede kam. Gelegentlich pflegte er zu sagen, der Sozialismus hätte viele Mäntel – nationale, kommunistische – und auch sogenannte demokratische wie bei uns hier. Aber alle lägen nur um den gleichen Kern. Sozialismus war für ihn immer die Inkarnation des Unmenschlichen und Bösen.“

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