Aufbruch einer Kulturstadt

Warum Temeswar zwar klein, aber fein ist

Sonntag, 21. Juli 2013

Im Sommer ein Traum: Auf dem Domplatz kann man gemütlich in einem Straßenlokal einen Kaffee oder ein Erfrischungsgetränk genießen.

Der Opernplatz in Temeswar: Im Juli wurde dort das erste internationale Festival JazzTM abgehalten.

Festival der Herzen: Jeden Sommer treten im Rosengarten Volkstanzgruppen aus der ganzen Welt auf. Fotos: Zoltán Pázmány

Temeswar wird noch immer als „Klein Wien“ bezeichnet. Das Wort „klein“ scheint auf die geschichtsträchtige Stadt zuzutreffen: Sie ist wirklich eine kleine Stadt – mit einem großen Herzen. Sicher werden viele mit den Augen rollen, in Empörung und Zorn die Faust ballen und mir unterstellen, ich würde Temeswar kleiner machen wollen, als es in Wirklichkeit ist. Temeswar ist zwar keine Kleinstadt, in Vergleich aber zu seinen großen Ambitionen noch eine echte Zwergenstadt. Besonders als Tourist hat man es schwer, wenn die Frage aufkommt: Wo gehe ich hin? Es gibt nicht viele Museen und die, die es gibt, bleiben weiterhin eine Baustelle. Zum Beispiel das Banater Museum, das schon einige interessante Ausstellungsstücke besitzt, die aber in Lagerräumen vor der Öffentlichkeit versteckt werden. Da müssen sich Touristen in Geduld üben, denn voraussichtlich erst im kommenden Jahr dürfte das Museum wieder für Besucher offenstehen. In der Zwischenzeit können sie das Kunstmuseum besichtigen, und zwar nicht nur wegen der bemerkenswerten Dauerausstellungen, sondern auch wegen der beachtlichen Architektur des alten Barocker Palais, das in seiner 280jährigen Geschichte verschiedene Zwecke erfüllte.

Könnten die Wände sprechen, würden sie wahrscheinlich Unglaubliches zu erzählen haben, denn hier verkehrten schon Kaiser und Könige. Die Dauerausstellungen sollten jedoch nicht unbeachtet bleiben. Allen voran die Werke des rumänischen Malers Corneliu Baba. Einer der wohl bedeutendsten Porträtisten Rumäniens, der in der ganzen Welt ausgestellt hat, ist auch in Temeswar mit einer beeindruckenden Sammlung präsent. Zwar stellte Temeswar für den Maler nur eine Zwischenstation in seinem langen Leben dar, doch die Jahre, die er hier verbrachte, waren sowohl für ihn als Menschen als auch als Künstler prägend. Auch die Sammlung zeitgenössischer Werke sind ein echter Blickfang, besonders aufgrund der Werke von Malern wie Constantin Flondor, Julius Podlipny und nicht zuletzt den Werken der Künstlergruppe Sigma, zu der auch Flondor gehörte. Wer seine Leidenschaft für Kunst mit seiner Leidenschaft für Geschichte verbinden will, kann die verschiedenen Ausstellungen zur Banater Kunst, die zwei Jahrhunderte umspannt, besuchen.

Temeswar kann sich nicht bloß mit seiner Kunstgeschichte rühmen. Dank der Hochschule für Bildende Künste entwickelt sich die Stadt zu einer wichtigen Kunstszene des Landes. Inzwischen erfolgreiche Bildhauer wie Bogdan Rata fingen in Temeswar an. Drei wichtige private Galerien bemühen sich um die Förderung zeitgenössischer Kunst: Die Jecza Galerie, die von dem Sohn des Gegenwartsbildhauers Peter Jecza gegründet wurde, die Calina Galerie, die von dem Unternehmen Emil Cristescu und seiner Bega Grup gefördert wird und die noch junge Calpe Galerie in der Theresien-Bastei – eine Privatinvestition Călin Petcanas.

Kunst und Kultur an der Bega

Trotz der recht überschaubaren Anzahl an Privatgalerien fehlt es an Ausstellungen in der Stadt nicht. Dafür gibt es noch zahlreiche öffentliche Galerien, wie die des Künstlerverbandes, der Stadt Temeswar und des Amtes für Denkmalpflege. Außerdem leisten auch Buchhandlungen wie Cărtureşti und Librarium Kulturarbeit und stellen oft Künstler in ihren Filialen aus. Hinzu kommen noch das Deutsche Kulturzentrum und das Französische Kulturinstitut. Sie sorgen besonders dafür, dass auch Künstler aus Deutschland und Frankreich in Temeswar ausstellen. Wirklich einzigartig ist keine dieser Einrichtungen. Kulturzentren, Galerien, Buchhandlungen gibt es sowohl in Bukarest als auch in anderen größeren Städten des Landes.

Was für Temeswar und Rumänien jedoch einzigartig ist, ist das Deutsche Staatstheater (DSTT). Ein von der Stadt finanziell gefördertes Theaterhaus, das ausschließlich Stücke auf Deutsch spielt. Mitte der 1950er Jahre wurden erste Schritte eingeleitet, um ein deutschsprachiges Theater in Temeswar auf den Weg zu bringen. Zwar gab es schon davor ein historisches deutsches Theater in der Stadt, dieses wurde allerdings zur Zeit der Magyarisierung geschlossen. Sowohl die Schauspieler als auch die Zuschauer waren in den ersten Jahrzehnten Deutsche. Mit der Auswanderung der Banater Schwaben hat das DSTT zuerst sein Publikum und schließlich seine Schauspieler verloren. Nach der Wende hat sich die damalige Leitung darum bemüht, das Theater am Leben zu erhalten.

Darum wurde eine deutschsprachige Schauspielschule gegründet, um sich die notwendigen Schauspieler heranzuziehen. Das gegenwärtige Ensemble besteht fast ausschließlich aus Absolventen der deutschsprachigen Schauspielschule Temeswar. Im gleichen Theatergebäude befindet sich neben dem DSTT auch das Nationaltheater und das Ungarische Staatstheater sowie die Staatsoper. Vier Einrichtungen arbeiten unter einem Dach in drei verschiedenen Sprachen – oder mehr, wenn man das Repertoire der Staatsoper einbezieht. Diese pflegt eine enge Beziehung zur Wiener Staatsoper aufgrund Ioan Hollenders – langjähriger Intendant der Oper in Wien und ein bekennender Temeswarer, der mit 25 Jahren nach Österreich auswanderte. Auch die Banater Philharmonie erfreut sich immer wieder gemeinsamer Projekte und seit einigen Jahren an einem eigenen Gebäude, nachdem sie jahrelang in dem Konzertsaal der Musikschule Ion Vidu gespielt hat.

Musikalisch hat die Stadt einiges zu bieten: Ob Rockmusik oder Neue Musik, es gibt einige bedeutende Vertreter dieser Genres, die in Temeswar leben und nicht nur in Rumänien Ruhm erlangt haben, sondern auch über die Grenzen des Landes hinaus. Trio Contrast gehört zu den Geheimtipps: Eine Gruppe von Musikern, die Neue Musik machen, dadurch die halbe Welt gesehen haben, in Temeswar aber weiterhin eher unbekannt bleiben. Bekannt ist dagegen die Rockgruppe Phoenix, die viele sogar als DIE rumänische Band schlechthin betrachten.

Temeswar möchte 2021 Kulturhauptstadt Europas werden. Darum mangelt es auch nicht an kulturellen Veranstaltungen. Immer mehr Vereine und Organisationen schließen gemeinsame Partnerschaften oder starten persönliche Initiativen, um Kultur in der Stadt zu fördern.  Seit 2013 organisiert die Stadt ihr eigenes internationales Jazzfestival. Seit Jahren wird im Sommer im Rosengarten ein ethnisches Fest veranstaltet: Beim Festival der Herzen werden Volkstanzgruppen aus der ganzen Welt erwartet. Auch die Staatsoper lädt jedes Jahr im August an zwei Wochenenden zu einem Opern- und Operettenfest ein. Ebenfalls im Rosengarten werden Klassiker wie Turandot, der Zigeunerbaron oder Carmen gespielt. Kleinere Stiftungen und Vereine sowie Privatpersonen wollen StreetArt fördern. Seit zwei Jahren wird in der Stadt im Herbst auch ein Graffitifestival abgehalten. Sprüher aus Westeuropa bemalen Wände in der Innenstadt, ein StreetArt-Künstler aus der Schweiz hinterließ sogar ein 3D-Bild auf der Alba Iulia Straße.

Temeswar bleibt Klein Wien

Diese Straße ist für Touristen eine wichtige Anlaufstelle: Hier finden Sie nicht nur den Eingang zum Deutschen und Ungarischen Staatstheater und zum Informationszentrum. Hier können Sie auch im „Blumenhaus“ fein essen gehen. Das Restaurant wird dem Fremden jeder wärmstens empfehlen. Besonders oben auf der Dachterrasse ist es immer Sommer einmalig. Das Gebäude gehörte einst der großbürgerlichen Familie Mühle. Statt Essen konnte man dort Blumen kaufen. Wilhelm Mühle war der Stadtflorist, der unter anderem den einstigen Rosengarten entwarf. Sein Anwesen liegt heute verlassen brach.

So wie das bekannte Mühle-Haus verfallen viele alte Häuser aus der österreichisch-ungarischen Zeit. Langsam werden die unter Denkmalschutz stehenden Gebäude saniert. Die prächtigen Häuser auf dem Domplatz wurden zum Großteil renoviert. Im Sommer kann man dort in einem Straßenlokal sitzen und die Architektur der Altbauten bestaunen. Wenn man schon dort ist, sollte man auch in die katholische Domkirche reinschauen.
Auch ein Besuch der orthodoxen Kathedrale ist zu empfehlen. Bei Traian Orban und seinem Denkmal der Revolution erfahren Touristen alles über die blutige Revolution von 1989. Zum Beispiel, was es mit den Treppen der orthodoxen Kathedrale auf sich hat, die nun neu gebaut wurden und somit in den Reihen der Bürger Proteste auslösten...  Temeswar sollte man unbedingt im Sommer besichtigen, am besten zeitgleich mit einer der dann zahlreichen kulturellen Veranstaltung.

Zugegeben es gibt viele „Klein Wiens“. Doch der unverkennbare Charme, die reiche Geschichte und die ethnische Vielfalt machen Temeswar zu einer besonderen Stadt. Zudem möchte sie 2021 als Kulturhauptstadt hoch hinaus und kämpft darum schon jetzt,  in allen Bereichen zu wachsen.

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