Aufgeschlossen, neugierig, engagiert

Christiane Neubert bringt neue Musik nach Fogarasch

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Christiane Neubert genießt das Leben in Rumänien. Foto: Christine Chiriac

Immer wieder gibt es in der Fogarascher evangelischen Kirche besondere Konzertabende. So zum Beispiel gestern, als die Kantate „Steh still vor dem Kind in der Krippe“ von Helmut Michael Brand erklang. Das zeitgenössische Werk für Jugendchor und drei Sprecher, interpretiert vom „Großen Singkreis“ der Kirchengemeinde, wurde von deutschen, siebenbürgischen und rumänischen Liedern umrahmt, die der Kirchenchor sang. Der „Große Singkreis“ scheint sich allgemein der modernen Musik verschrieben zu haben, denn im Sommer führten die Jugendlichen das „Paulus“-Oratorium von Siegfried Fietz auf. Das bedeutet jedoch nicht, dass ältere klassische Musik in Vergessenheit gerät. Zu Weihnachten in den vergangenen zwei Jahren wurde in der Fogarascher Kirche das „Weihnachtsoratorium“ von Bach dargeboten. Die teilnehmenden Choristen kamen aus Bukarest, Kronstadt, Hermannstadt, Mediasch oder Schäßburg angereist, die Freude des Publikums war ansteckend.

Hinter diesen und vielen anderen aus Fogarasch ausgehenden musikalischen Projekten steht Christiane Neubert, die in der kleinen Stadt schon seit mehr als zehn Jahren kirchenmusikalisch tätig ist. Ihr Alltag besteht zum einen aus der Leitung mehrerer Singkreise unterschiedlichen Alters: Etwa bei den „Sieben Mäusen“ handelt es sich um Kindergartenkinder, der „Spatzenchor“ und der „Kleine Singkreis“ bestehen aus Schüler der Grundschulen, der „Große Singkreis“ reicht bis zur Neunten und umfasst auch einige Instrumentalisten, die manchmal die Begleitung der modernen Oratorien übernehmen, außerdem gibt es einen Erwachsenenchor.

Und wenn die Leiterin gerade nicht mit Chören arbeitet, taktet sie Klavierschüler ein – von denen manche sie schon bei der Gottesdienstbegleitung vertreten können, falls sie an einem Sonntag fehlen muss. „Die Ältesten, die in der zwölften Klasse sind, können das gut, aber es gibt auch ein Mädchen, das mich bereits in der Fünften einen ganzen Gottesdienst lang vertreten hat und zwar professionell“, sagt Christiane Neubert.

Noch viel bunter, vielfältiger und arbeitsreicher ist es für sie sommersüber. Dann verlegt die Musikerin ihren Wohnsitz ins Jugendzentrum Seligstadt, wo sie internationale Projekte wie das Sommercamp der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg oder die Orchesterfreizeit, die unter der Leitung des Cellisten Theo Bross aus Stuttgart stattfindet, mitbetreut. Musikalische Freizeiten organisiert sie auch selbst, so etwa die „Kindersingwoche“ oder die „Singwoche für (junge) Erwachsene und Familien“. Außerdem ist sie an der Organisation der „Kinderspielstadt Danubius“ mit Teilnehmern aus Deutschland, Kroatien, Serbien, Ungarn und Rumänien beteiligt.

Doch was bringt die gebürtige Chemnitzerin ausgerechnet nach Siebenbürgen? „Nach den Lehrjahren die Wanderjahre!“, antwortet sie lächelnd. „Ich wollte einfach etwas Anderes kennenlernen.“ Christiane Neubert hat in Dresden studiert, wo sie Edith Toth, die spätere Dirigentin des Zeidner Kirchenchors, kennenlernte und auf Siebenbürgen neugierig wurde. Ihr Praktikum absolvierte sie in Hermannstadt. Als es um die Suche eines Arbeitsplatzes ging, wäre die junge Musikerin gerne in Siebenbürgen geblieben, doch zunächst fand sie keine freie Stelle. Also bewarb sie sich schließlich doch in Deutschland. „An dem Tag an dem ich die Bewerbungsunterlagen für Bautzen in den Briefkasten schmiss, lag in meinem Fach ein Faxpapier von Pfarrer Johannes Klein, der mich von der Stelle in Fogarasch informierte. So bin ich hierher gekommen“, sagt Christiane Neubert.

Und seither steht auch moderne Musik auf dem Konzert- und Gottesdienstplan in Fogarasch. Die Musikerin ist überzeugt, dass die Kirchenmusik auch in Siebenbürgen den Blick nach vorne wagen sollte. Es mache den Jüngeren großen Spaß, neben Meisterwerken der Klassik Neues auszuprobieren, und außerdem trage es zu einer gesunden und willkommenen Vielfalt im Repertoire bei.

An das erste Konzert mit neuen Klängen im Jahr 2006 kann sich die Musikerin gut erinnern. „Wir wollten im Gottesdienst vor dem eigentlichen Konzert bereits zwei Stücke als ‘Vorgeschmack‘ aufführen. Nach dem Gottesdienst kam mir erst einmal ganz große Skepsis entgegen, aber das Konzert an sich war ein großer Erfolg. So viel Lob habe ich für keine andere Aufführung bekommen. Es war seitens der Gemeinde viel Freude da, weil es auf einmal wieder junge Menschen gab, die Spaß an der Kirchenmusik hatten – und plötzlich war auch der Musikgeschmack ganz anders. Er ist es bis heute.“

In Rumänien hat sich Christiane Neubert so gut eingelebt, dass sie es als ihr Zuhause betrachtet. Schon 1989, als sie mit ihrer Familie zum ersten Mal hierher kam, war sie von der Natur und dem schlichteren Leben begeistert. „In den dreizehn Jahren, seit ich hier lebe, hat sich sehr viel entwickelt“, sagt sie. „In meinem ersten Jahr gab es in Fogarasch ein einziges Selbstbedienungsgeschäft – ich kann mich daran sehr gut erinnern, denn ich konnte kein Rumänisch und war auf diesen Laden angewiesen. Um eine Zeit schossen Banken, Telefongeschäfte und internationale Einkaufszentren aus dem Boden wie Pilze. Es ist nachvollziehbar, aber es ist auch ein wenig schade, denn das gibt es überall.“

Wie man in einer immer pragmatischeren Welt die jungen Menschen für die Musik begeistert? „Indem man selber Begeisterung ausstrahlt und die Kinder ernst nimmt“, sagt Christiane Neubert überzeugt. Das Rezept hat sich bewährt und dürfte auch für die nächsten Jahre funktionieren. Über Zukunftspläne äußert sich die engagierte Musikerin allerdings eher reserviert: „Solange ich hier bin, bin ich hier, und wenn ich weg bin, bin ich weg!“

Kommentare zu diesem Artikel

Martin, 20.12 2013, 15:43
Solche Frauen/Lehrer braucht die deutsche Minderheit. DANKE Christiane!

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